WINDHAND, GRIME / 22.03.2019 – Hamburg, Molotow

Philipp: Yeah, exakt wie 1988, als ich spontan mit inne Karre eines Kumpels gehüpft bin, ohne auch nur einen Ton von SAINT VITUS zu kennen, lasse ich mich heute von Jan ML auf ‘ne Tour nach Hamburg mitschnacken, um WINDHAND (US) abzugreifen. Warum ich von denen noch nichts mitbekommen hatte, ist im Nachhinein schon seltsam. Denn WINDHAND existieren immerhin seit 2009, haben bereits vier Longplayer rausgehauen und sind im Bereich des Gloom & Grief-Doom durchaus eine dicke Nummer. Aber so kann ich völlig unbeleckt an die Band herangehen, ich weiß nicht mal, wie die Musiker*innen überhaupt aussehen (also auch wie 1988 bei SAINT VITUS…). Anders übrigens im Falle GRIME, denn die Italiener sah ich bereits 2011 in der Fährstraße (Bericht siehe Schlagwort). Anyway, mit sieben Leuten und der Losung LET’S DOOM geht es ab in den Zug und nach Hamburch.

Torsten: Drei verdoomte Konzerte in einer Woche, noch dazu gleich hintereinander. Mehr geht beinah nicht für den Liebhaber langsamer Klänge. Wenn man bedenkt, dass die ersten zwei Konzerte/Abende schon Highlights waren (dremu berichtete), dann erwartet man nicht unbedingt, dass noch ein weiteres langsames Highlight folgen könnte – man ist ja gewissermaßen "langsam verwöhnt" ....

Und dennoch: WINDHAND wird es gelingen, noch eine schöne Schüppe draufzulegen!

Doch der Reihe nach ...

 

Doppelreview von Torsten und Philipp.

 

Torsten: An diesem entspannten Tag finden sich sieben Kieler Doomdancer am Bahnhof ein, um dem Molotow in Hamburg einen Besuch abzustatten. Bemerkenswert ist dabei die Größe unserer Gruppe. Das soviele mit wollen passiert nicht soo oft. Ist ne feine Sache! Gut ist dabei auch, dass das Schleswig-Holstein-Ticket auch für sieben Fahrgäste (oder mehr – das wußten wir vorher mal nicht) gilt, und wir auf diese günstig zu unserem Doom-Trip kommen.

Wir sind alle heiß und durstig - und schnell wird die Bahn geentert, damit die mitgebrachten Getränke die trockenen Kehlen hinab fließen können.

Die Fahrtzeit vergeht, mit Schnack und Spaß, angenehm schnell und schon stehen wir in der Schlange vorm MOLOTOW. Ist gut besucht heute; WINDHAND sind grad in aller Munde. Ihr aktuelles Album "Eternal Return" hat den Amis einige neue Fans (oder zumindest Interessierte – bei manchen im Publikum frag ich mich, was die hier wollen ... ) eingebracht. Was wohl auch an Produzent Jack Endino liegt, der den Amis nen dicken Sound gebastelt hat ...

 

Philipp: Puh, das Molotow heizt sich schnell auf und es wird noch vor‘m GRIME-Auftritt total voll in dem Schuppen. Sehr angenehm, dass wir zum ersten Mal entdecken, dass es hier ja einen riesigen Außenbereich gibt, der im Sommer bestimmt noch besser zum Abhängen geeignet ist. Lange können wir  allerdings  nicht verweilen, denn da beginnen die Sludger auch bereits.

 

Philöipp: Im 2011er Bericht beschreibe ich GRIME wie folgt: „Der Gesang war vielleicht noch abartiger, durch fiese Effekte klang das Fauchen noch unmenschlicher. Auch hier ein Drummer, der unfasslich schwere Beats zockte und jede Zelle eines jeden anwesenden Körpers in doomhafte Schwingungen versetzte.“ Acht Jahre später verhält sich das noch ganz genau so, auch wenn GRIME mittlerweile professioneller agieren. Die Sludge-Walze wabert durchs Molotow, von den rausgekotzen Screams und Growls versteht man kaum ein Wort, was natürlich intendiert ist, die Stimmen sind bei GRIME zusätzliche Instrumentierung. Obwohl GRIME ein anderes Genre vertreten als WINDHAND und teilweise schon im Death Metal schlurfen, finden sie beim Publikum Gehör. Platz, um richtig durchzudrehen, ist zwar ohnehin nicht vorhanden, aber mit jedem Song siehst du mehr Köppe im typischen Doom/Sludge-Mitwipptakt bangen. Ein angenehmes Wiedersehen.

Torsten: Jedoch bevor Dorthia Cottrell ihre sanfte Stimme erhebt, brettert uns noch eine böööse Ladung Sludge entgegen. GRIME aus Italien donnern fies und direkt auf die Zuhörer ein. Wuchtig und verzerrt verschleppt klingt das. Der Frontmann brüllt und schreit dazu wütend ins Mikro. Alter, das tut schon weh. Aber so ist Sludge eben – drreckig, gemein und auch monoton. Hat was von GRIEF und EYEHATEGOD. Gibt nicht wenige Zuhörer denen das einfach zu dolle ist. Grade am Gesang/Gebrüll scheiden sich die Geister. Pros & Cons werden nach dem Gig ausgiebig diskutiert. Und auch wenn's nicht allen gefallen hat; immerhin gab's schön was auf die Fresse. ;-)

Zum Runterkommen lädt der Hinterhof des MOLOTOW ein; frische Luft, ne Bar und gemütliche Sitzgelegenheiten. Hier lässt es sich aushalten! (gut gefunden, Martina und Kay) Ist grade im Sommer bestimmt ne kleine Oase im Kiezsumpf.

 

Philipp: WINDHAND überraschen mich dann erst mal mit einem Gitarrensound, der doch deutlich härter und tiefer angesiedelt ist, als ich erwartet hätte. Der Dröhnfaktor ist auf ELECTRIC WIZARD-Niveau angesiedelt, der Bandsound somit meilenweit von klassischen Doombands oder Psychedlic Klamotten wie JEX THOTH entfernt. Obwohl ich letztere Sounds etwas lieber mag als Drone und Sludge, muss ich doch sagen, dass WINDHAND ihren Stil in Perfektion zocken. Der Groove und das tieftonige Wummern sind unwiderstehlich, der eben erwähnte Zeitlupen-Mosh-Effekt tritt hier derart potenziert auf, dass ALLE anwesenden Schädel zu bangen scheinen. Sängerin Dorthia Cottrell schwebt entrückt-ätherisch im Mix, ihre ennuyierte Betonung erinnert bisweilen an Kurt Cobain (so wie ein, zwei Songs auch von den Riffs her an NIRVANA gemahnen). Wie die Frau es aushält, zwei Drittel des Auftritts eingehüllt in einer Pferdedecke zu schmettern, entzieht sich meiner Kenntnis. Ansagen gibt es keine, einfach einen Brummdengler nach dem andren auf die Mütze. Die Variation wird offenbar gewollt gering gehalten; gezielt und mit Effekt wird hier die Monotonie gesucht. Ich find’s geil genug, um mir danach am Merch als Einstieg ins WINDHAND-Universum das Album „Grief’s Infernal Flower“ (2015) zu holen. 

Torsten: WINDHAND sind fett, der Sound ist schön tief! Ich steh mittig und krieg die volle Breitseite ab! Geiles Dröhnbrett! Das MOLOTOW ist richtig voll; so langsam wird's warm. Sound und Luft bilden bald eine wabernde Einheit: das is ne heiße Kiste hier. Um zum Abkühlen an die Bar zu kommen, sind schlangenartige Bewegungen durch's Publikum nötig. Alles lauscht gebannt den langsam wuchtenden Klängen. Viele Songs vom aktuellen Album dabei; gut, denn die früheren VÖ's kenne ich nicht wirklich bisher. Das wird sich aber sicher bald ändern ... Schade nur, dass das aktuelle Live-Album von WINDHAND nicht am Merchstand zu haben ist. Da hätte man nen netten Einblick in die Bandhistorie bekommen ... (und ein tolles Coverartwork obendrein) Ich weiß nicht, wie ähnlich die frühen Alben dem Neuen klingen. Bei diesem finden sich neben den tiefen Doomriffs alternative Versatzstücke und grungig anmutende Parts. Eine Mischung, die der Band gut gelungen ist.

Jedoch, in der Mitte des Sets schleicht sich eine gewisse Monotonie ein. Das liegt tatsächlich mal an den nicht sehr variablen Riffs oder dem immer gleichen Tempo. Auch die Stimmlage der Frontfrau ist etwas gleichförmig. Vielleicht isses auch einfach nur zu warm; die langen Songs, Bewegungsarmut ... - das lullt so'n büsch'n ein. Monotonie stört mich bei langsamen Bands ja nicht, aber in dem Moment hätte ich gern etwas Abwechslung. (waren die zwei vorangegangenen Slo-Mo-Gigs etwa zu viel des Guten?!) Und als ob WINDHAND mich erhört hätten, drehen sie an der Temposchraube und pushen mich mit den letzten Songs nochmal! Mittlerweile habe ich mich weiter nach hinten begeben, wo es etwas luftiger ist. Der Sound ist hier nicht ganz so drückend, was dem Ganzen aber etwas Leichtigkeit verschafft, und so kann ich den Rest des Gigs noch sehr geniessen. Äußerst gelungener Abschluß dieser doomigen Woche!

Beim Rausgehen bzw. Reingehen in die U-Bahn werden wir beinah noch von der Bullerei angehalten, die grade den Aufgang der Station teilgesperrt haben und diverse Jugendliche kontrollieren. Da wir aber nur Platte(-n) Beutel in der Hand haben und als aufrechte Konzertgänger identifiziert werden, können wir ungehindert weiter. Schöner Abend! Danke an alle, die dabei waren! Doom on then!

Kommentare   

0 #1 Philipp 2019-04-03 11:09
Crazy! Auch dieser Bericht wurde verdoppelt! Und zwar durch Torstens Beitrag. Doom on, read on!
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