METAL HAMMER PARADISE VI / 03.11.2018 – Weissenhäuser Strand, Ferienpark, Tag 2

Morgens auffem Bauernhof schmeckt das Frühstück doch gleich noch besser, wenn du bei bestem Wetter die Vorfreude auf DESERTED FEAR, NIGHT DEMON, ARMORED SAINT, KADAVAR, AXEL RUDI PELL und HAMMERFALL genießt. Man könnte natürlich auch mal die Wellness-Seite des Festivals erkunden und zum Beispiel eine Runde im Spaßbad schwimmen, aber letztlich müssen wir uns doch sputen, um überhaupt pünktlich um 14:45 Uhr bei DESERTED FEAR aufschlagen zu können. Übrigens gibt es im Rahmenprogramm durchaus ein paar interessante Punkte wie „Bowling gegen NIGHT DEMON“, „Lesung von Till Burgwächter“, einer Podiumsdiskussion mit den Veranstaltern oder diversen Musiker-Workshops. Lassen wir aber auch sein, um mehr Bands gucken zu können. THE SAINTS WILL CONQUER, GO!


Fotos von Jan ML sind in der Mache...



Die Thüringer ziehen für diese Uhrzeit schon eine ordentliche Menge Leute ins Zelt, rechtfertigen das Interesse dann auch mit einem energiereichen Death Metal-Set. Wenn ich es richtig verstehe, wollen die Burschen am nächsten Morgen gleich noch ein Video am Strand drehen. Geprügel an der Ostsee, why not! Der sympathische Vierer hat es gut drauf, Eingängigkeit und Anspruch zu kombinieren, Old School-Riffs, Grooves und komplexere Drum-Patterns ungezwungen zu verschmelzen. DESERTED FEAR funktionieren auch auf der großen Bühne, was ja für eine noch relativ junge Band auch nicht selbstverständlich ist. Die Propeller rotieren so häufig wie anatomisch möglich, die im breiten Dialekt gehaltenen Ansagen („fast so schön hier wie daheeme“) sind das letzte I-Tüpfelchen und auch der Sound stimmt. Gelungener Einstieg.



Aaaaah, NIGHT DEMON! Vor drei Tagen überraschte das Trio noch mit einem MISFITS-Special-Set zu Halloween, heute gibt’s natürlich wieder hauptsächlich eigenes Material. Mit mitreißender Power steigen Jarvis, Armand und Dusty mit „Welcome To The Night“ und „Full Speed Ahead“ ein. Bei Jarvis und Armand befürchtet man fast, dass bald ihre Köpfe wegfliegen, so hemmungslos bangen die beiden am äußersten Bühnenrand herum. Wie immer ziehen NIGHT DEMON ihr Konzept durch: Ohne Ansagen erst mal sieben, acht Killersongs nacheinander raushauen! Das wirkt auch im gut gefüllten Zelt der Maximum Metal Stage. „Dawn Rider“ wird mit einem Teil des MOTÖRHEAD-Classics „Overkill“ eingeleitet, was hervorragend ankommt. Heute verzichten NIGHT DEMON auf einen Auftritt ihres Maskottchens Rocky, was dafür spricht, dass bei der Band nicht immer alles nach Schema F abläuft. Und endlich komme ich in den Genuss ihres „In Trance“-Covers (SCORPIONS)! Jarvis‘ Gesang klingt hier der Stimme des jungen Klaus Meine erstaunlich ähnlich – Gänsehaut! Ein weiterer Triumph für die Kalifornier, die einfach immer alles geben.



Eieiei, vor Bands wie LEAVES‘ EYES und ELVELLON möchte ich ja nur noch fliehen. Das ist die hässliche Seite des Heavy Metal, die auf diesem Festival leider auch immer wieder vertreten ist. Aber ein Päuschen tut auch mal gut, zumal der gut sortierte HOT SHOT RECORDS-Plattenladen hier einen Stand hat, der zum Wühlen einlädt.



Zu ARMORED SAINT sind wir zurück, die erneut unter Beweis stellen, dass sie zu den besten Livebands des Planeten gehören. Halt, ich korrigiere mich: Sie sind eher DIE beste Liveband des Planeten! Denn wer Leidenschaft, spielerische Fähigkeiten und Songs in dieser Qualität zu bieten hat, steht wahrlich konkurrenzlos dar. Und: John Bush! Die Setlist ist der Hammer: Los geht’s mit „March Of The Saint“, es folgen „Long Before I Die“ und „Chemical Euphoria“, bevor Bush einen Block mit „Symbol Of Salvation“-Stücken ankündigt. „Reign Of Fire“, „Dropping Like Flies“, „Last Train Home“, „Tribal Dance“ und der Titelsong repräsentieren dieses geniale Album, welches ARMORED SAINT auf dieser Tour an manchen Spielorten offenbar zur Gänze darbieten. Für mich stellt das unter die Haut gehende „Aftermath“ den Höhepunkt dar, welches der immer wieder auf den Boxen oder im Graben herumturnende Bush derart emotional singt, dass man heulen könnte. Die Tightness von Joey Vera, Gonzo Sandoval, Jeff Duncan und Phil Sandoval ist ‘ne Frechheit. Mit „Win Hands Down“ gibt’s den einzigen neueren Song, bevor „Can U Deliver“ und „Mad House“ nochmal ordentlich die Hütte durchrütteln. Man könnte lamentieren, dass diese Band eigentlich viel größer sein müsste, aber schon Camus wusste, dass der Mensch ins Absurde geworfen ist. Egal, grandioser Auftritt mit ganz vielen magischen (und auch witzigen) Momenten!



Ich hatte Bedenken, aber wir schaffen es problemlos, bei KADAVAR reinzukommen. Der Saal (Baltic Ballroom) ist gut gefüllt, aber nicht vollgepfropft. Dennoch dauert es nicht lange, bis man sich fast aller Kleidung entledigen muss, denn die Berliner heizen dem Mob hart ein und die Temperatur steigt unaufhörlich. Irgendwie haben KADAVAR ihre eigene Nische geschaffen, in der sie trotz offensichtlicher Einflüsse ganz sie selbst sind. Lupus‘ Stimme und Tigers wuchtiges Drumming sind eh unverkennbare Trademarks, und irgendwie klingt das Trio mittlerweile live unfassbar mächtig und psychedelischer denn je. Es macht Spaß, ihnen zuzuhören und – das kann man auch mal explizit sagen – zuzuschauen, denn auch der Look der Band strahlt was aus. Schlagzeug vorn in der Mitte, Simon „Dragon“ Bouteloup rechts, Lupus Lindemann rechts, sowieso überall Haare, Bärte und Ströme von Schweiß. KADAVAR bringen heute Stücke von allen bisherigen Alben, auch länger nicht gespielte und frisch wieder eingeprobte. Sehr beeindruckend!



Drei Bühnen bringen immer Überschneidungen mit sich, sodass wir MONOLORD leider ganz sausen lassen mussten und von AXEL RUDI PELL lediglich einen Teil des Auftritts genießen können. Ich bin aber froh, wenigstens diese halbe Stunde sehen zu können, denn die überzeugt total. Neben Pells Gitarrenarbeit muss auch unbedingt Johnny Gioelis Gesang positiv hervorgehoben werden. Der Kerl schmettert kraftvoll und mit einer satten Klarheit in der Stimme, dass man immer wieder an Ronnie James Dio denken muss. Überhaupt kommen natürlich wiederholt RAINBOW in den Sinn, wenn man AXEL RUDI PELL lauscht. Ich finde es ja höchst erfreulich, dass sich diese Art Musik immer noch einer gewissen Beliebtheit erfreut, wovon das sehr gut gefüllte Zelt zeugt. Respekt auch für die Tatsache, dass die Band seit 1989 ihren Stiefel durchzieht! Genau so stur, wie sie bei ihrem Stil bleiben, ernte ich blind jedes ihrer Alben ab – 16 sind es mittlerweile. Mit euphorischen Versionen von „The Masquerade Ball“, „Casbah“ und „Rock The Nation“ hinterlässt die Truppe ein begeistertes Publikum – isso.



TIAMAT mochte ich zur Zeit ihrer ersten vier Alben eigentlich sehr, aber heute kriegen sie mich gar nicht. Vielleicht bin ich nach einem reichhaltigen Festivaltag auch übersättigt, aber Johan Edlunds Stimme flasht mich nicht. Wir sehen nur einen Teil des Auftritts, den Edlund komplett mit Flüstern und Sprechgesang bestreitet. Schon klar, zum Teil hat er das schon immer getan und einige Parts der „Wildhoney“-Stücke müssen auch so klingen, aber mir kommt das gerade übermäßig monoton vor. Instrumental ist die Band fit, aber wir gehen lieber, um uns HAMMERFALL anzusehen.



Die Schweden sind dann auch tatsächlich gerade genau das Richtige! In den letzten Jahren haben mich HAMMERFALL live mehrfach positiv überrascht, nachdem ich sie längere Jahre aus den Augen verloren hatte. Die Band ist ein würdiger Headliner, der das Zelt komplett voll macht und den gesamten Auftritt über zum Mitsingen animiert. Ob nun der Hammer gehoben wird („Hammer High“) oder niedersaust („Let The Hammer Fall“) – das macht durchgehend Laune und der häufig gedissten Band ist im Grunde kaum etwas vorzuwerfen. What’s not to love? ACCEPT-artige Riffs, Uptempo-Galoppel und fette Chöre? Ich hab da gerade richtig Bock drauf und kann auch Joacim Cans’ Stimme wieder einiges abgewinnen, an der ich mich vor einigen Jahren überhört hatte. Einige Refrains sind etwas zu aufdringlich und überschreiten die Grenze zum Kitsch, aber in ihren ganz starken Momenten, erinnern mich HAMMERFALL an RIOT, WARLORD oder STORMWITCH. Insgesamt also ein starker Ausklang des Festivals.



Fazit: Ein Festival, auf dem ARMORED SAINT, NIGHT DEMON, DEAD LORD und BULLET spielen, kann gar nicht schlecht sein!

Eingereicht von Philipp

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