WILWARIN 2018 / 02.06.2018 – Ellerdorf, am Arsch der Heide, Tag 2

4.25

Philipp: Zwischen Aufstehen und BULLENSACK sind noch ca. drei Stunden Zeit, die für eine Duschung, die titanische Wilwarin-Pfandmarken-Recash-Aktion und eine Runde „Zersteigern und Verstören“ mit dem Bärtigen Delfin genutzt werden sollen. Kann das alles in so kurzer Zeit gelingen? Ich verrat’s euch jetzt schon: Das wird ein knappes Ding, klappt aber gerade so. An den zwei Wilwarin-Duschen wird eine Schlange unermüdlicher Duschwilliger von der Sonne gar gekocht (Vorschlag: Diesen Bereich bitte auch mit ‘nem Pavillon überdachen), aber irgendwann plätschert das Wasser herrlich kalt auf meine Birne nieder. Und dann heißt es, mit einem gigantischen Stapel Pfandmarken aus diversen Wilwarinjahren aufs Gelände zu gehen. Dort liegen überall Bierflaschen herum, die wir in mehrere Jutesäcke packen (man braucht ja Marke UND Flasche in Kombination) und zu einem der Tresen bringen. Das Geld wird ohne Probleme ausgezahlt, die Tresenleute freuen sich sogar. Auch das erlebt man so nicht auf jedem Festival, super. Den „Gewinn“ versaufen wir natürlich noch am selben Vormittag.


Bericht von JoyBoy und Philipp, Fotos von Jan ML folgen...



ZERSTEIGERN UND VERSTÖREN

Philipp: Mein einziger Besuch zur Electro-Stage. Hinnerk spielt obskure Singles an, die man nur durch ein Gebot vor ihrer drohenden Zerstörung retten kann. Das Wetter ist super, langsam glätten sich die zerknitterten Gesichter. Der gute Hinnerk hat aber auch wieder crazy Platten ausgegraben! Irgendwer bietet immer, manchmal übersteigt die Summe sogar deutlich die 10,- Euro-Marke. Bei einem Mädchenchor, der „Heidi“ singt, zuckt es auch in meinem Geldbeutel, ich steige dann aber doch aus. Am Ende ist wohl eine dreistellige Summe generiert worden, welche Hinnerk irgendeiner Organisation spenden wird. Das war nett!


BULLENSACK


Philipp: Nun wird das Wilwarin Zeuge einer Reunion, die wohl niemand mehr erhofft oder befürchtet hatte. BULLENSACK sind zurück und verkünden schon im Vorfeld: „Es ist niemals zu früh, um aufzugeben!“ (Schleppe/Bocky). Damit kann sich das Zielpublikum identifizieren und so versammelt sich der Abschaum des Festivals vor und auf der Bühne. Die Deutschpunkstrahlen, die von der Bühne ausgehen, ziehen alle anwesenden IQs in Sekundenschnelle runter auf den Punkt, an dem der menschliche Körper nur noch niedersten Trieben folgen muss, um zu überleben. Bier trinken, pogen, mibrüllen, das läuft. Bocky klingt schon beim Auftritt geil heiser, später am Tag kann er nur noch krächzen. Peinlicherweise bekomme ich sogar zwei Mal eine Gänsehaut. („Gänsehaut bei BULLENSACK“, eigentlich ein guter Songtitel), ich glaube z.B. bei „Nacht im Ghetto“. Aber was wäre ein BULLENSACK-Auftritt, wenn nicht etwas geschähe, über das später das gesamte Festival spricht? Bühne frei für… DEN BÜHNENEINPISSER! Es kommt während des Gigs ein Typ auf die Bühne, der Bocky fragt, ob er sich dort einpissen dürfe. Immerhin fragt er, höflicher Fucker. Bocky murmelt etwas wie „Jetzt nicht, vielleicht später zur Zugabe oder so“. (Das hört man natürlich nicht im Mob.) Ja, und was soll man sagen, wenig später nimmt der Typ Bocky beim Wort und pisst sich live und in Farbe auf der Bühne ein. Er zeigt noch auf den Strahl, der aus seinen Shorts schießt, worauf sogar die vom Leben abgehärtete Galgenvögelschar vor der Bühne ungläubig staunt. BULLENSACK – RE-UIRINIERT 2018!


THE PINPRICKS


Philipp: Die PINPRICKS-LP „Hunger“ (erschienen auffem umtriebigen Toanol-Plattenlabel) gefällt mir gut, leider bekomme ich vom Auftritt der Band nur einen Teil mit. Der gefällt. Der Sound beim Second Ground ist im Vergleich zu den Vorjahren besser geworden, finde ich. Habe dort eigentlich keine Band mit schwachem Klang gesehen. Die Kieler*innen spielen Rock mit leichten Indie. und 70er Hardrock-Einflüssen. Die Darbietung kommt angenehm unverkrampft und gleichzeitig druckvoll mit ordentlichem Punch. Sängerin Ronja überzeugt mir klarer Stimme, die sich kräftig durch den Mix schneidet. Werde ich mir auf jeden Fall wieder und dann länger bzw. ganz ansehen.


DIETER JACKSON


JoyBoy: Der an sich souverän durchgezogene Auftritt von DIETER JACKSON wird ähnlich wie die Darbietung von Rezet im letzten Jahr unglücklicherweise zum Nebenschauplatz degradiert, weil drei unzureichend bekleidete alte Asis vor der Bühne erfolgreich darum kämpfen, die Aufmerksamkeit des Publikums von der Band abzuziehen. Als „Höhepunkt“ wird eine wenig appetitliche, von allen Textilien freigelegte alte Männerwampe vom Bühneneinpisser abgeleckt. Den Umstehenden bleibt als Reaktion nur, sich ungläubig und angeekelt wegzudrehen. DIETER JACKSON lassen sich davon nicht beeindrucken. Das von den Umstehenden zunehmend weiträumig gemiedene Geschehen des Asi-Dreiers vor der Bühne wird von ihnen mit keiner Silbe kommentiert, sondern vielmehr komplett ignoriert, was durchaus eine Leistung ist. Ich vermag das leider nicht. Musikalisch bleibt mir vor allem der Abschluss mit „Glorified You“ in Erinnerung - immer noch mein Lieblingssong der Band, der mich das zuvor Gesehene zumindest mal kurzzeitig vergessen lässt.

Philipp: Haha, manchmal ist der Standort entscheidend. Ich bekomme von den Asis gar nichts mit, feiere aber dafür den gelungenen Auftritt der JACKSON THREE. Die Rockhunde gefallen mir heute noch mal besser als auffem Rd-Rock am Wochenende zuvor. Das war dort auch ihr erster Auftritt in dieser neuen Trio-Besetzung (Kaiser ist ja raus), der möglicherweise noch von der ungewohnten Situation geprägt war. Ich mein, das war auch super, aber heute klingen DIETER JACKSON besser und beißen auch souveräner zu. Die Band hat mittlerweile so einige Hits am Start, zu denen sich lecker Dreck aufwirbeln und mitschmettern lässt.


THE RESTARTS


JoyBoy: THE RESTARTS sind vielleicht die trueste Punkband, die ich kenne. Denen kaufe ich jede Silbe und ihr gesamtes Auftreten zu hundert Prozent ab. Die Band ist außerdem auf eine gute Art etwas rumpelig, also so, dass es nicht scheiße, sondern rotzig klingt. Wie vor ein paar Jahren in der Meierei bleibt der Eindruck einer äußerst liebenswerten Truppe.

Philipp: Absolut! Spannend finde ich hier auch, wie sich der Auftritt entwickelt. Es füllt sich zwar recht schnell, aber mehrere Songs lang glotzen alle nur. Dann platzt plötzlich der Knoten, als die RESTARTS einen zwingenden Offbeat spielen und vorne geht der Ratz ab. Das bleibt auch den gesamten restlichen Auftritt so. Auch ich lasse mich mitreißen und hüpfe in den Pit. Spielweise und Rotz hat JoyBoy schon beschrieben, erwähnen möchte ich noch den richtig geil räudigen Gesang. Der atmet Straße, billigen Fusel und den Willen zum Durchziehen. Ein Höhepunkt!


HANSEN BRÜDER


Philipp: Von den HANSEN BRÜDERn bekomme ich nur einen kurzen Ausschnitt von ganz hinten mit. Dort ist der Sound leider zu leise und zu schwachbrüstig, aber ich bin gerade zu faul und will auch irgendwohin. Gespielt werden wohl hauptsächlich Cover. Ich nehme an von den HANSON BROTHERS, aber da ich jene nur einmal live gesehen habe und keinen Tonträger besitze, kann ich das nicht mit Bestimmtheit sagen. Ähnlich wie beim Original treten die BRÜDER in Eishockey-Klamotten und –Masken auf. Bei den HANSEN BRÜDERn handelt es sich übrigens um Kieler Musiker, die der Redaktion namentlich bekannt sind, die wir aber natürlich hier nicht outen, wie es bei Tobias Forge und GHOST geschehen ist. Insgesamt okay, gutes Konzept, aber kein Burner, ich hätte aber wohl auch näher ran gehen sollen.


EISENPIMMEL


Philipp: Die Band sehe ich nur kurz im Vorübergehen und empfinde sie als herzlich schlecht. Ist ähnlich wie bei STEEL PANTHER: Man kann sich darüber streiten, ob man die Band ein Mal gesehen haben sollte – ein zweites Mal braucht man das bestimmt nicht, der Witz ist halt erzählt.


THRASHING PUMPGUNS


Philipp: Yes, yes, yes! Die Hamburger Kollegen erzeugen eine Chaos-Energie, die ihresgleichen sucht. Ich hab sie schon so oft gesehen, heute sind sie perfekt in Form. Gunnar, Rolf und Victor sind Menschen, die auf Bühnen wie die Skaterstage gehören. Leider sind Flo und Oli nicht mehr dabei, aber die beiden „Neuen“ passen super dazu. Es wird geschreddert und gethrasht, was das Zeug hält. Was die Band von vielen anderen Crossover/Thash-Combos abhebt, sind ihre deutlichen Punk-Wurzeln. Und natürlich sind Stücke wie „The Lord Is Back“ einfach Hammer. Es wirbeln immer mehr Leute vor der lütten Bühne umher, Schnapsflaschen kreisen, ein Typ kotzt grün auf die Bühne – es ist im Grunde ein perfekter Wilwarin-Moment, der hier zelebriert wird. Noch ‘n Höhepunkt!


ALIAS CAYLON


JoyBoy: Dann endlich mal wieder ALIAS CAYLON! Die Band tritt auch mit einigen Songs den kommenden Albums an, die sich nahtlos in die bisherige Hitdichte ihres Sets einfügen. Das spielerische Vermögen der Band ist erneut eine Frechheit. Wie machen die das immer? Mit Stallion und The Kendolls mein Lieblingskonzert des Festivals.

Philipp: Was hier abgeht, ist echt der Hammer! ATZE KEULE mischen den Second Ground sowas von auf, dass alle durchdrehen. In den ersten Reihen siehste echt nur fliegende Leiber und die schon legendären Balkenhänger. Wie fit ist die Band bitte? Bei allem halsbrecherischem Kram scheinen Riffs und Breaks mit Leichtigkeit zu fließen, dazu schmeicheln überirdische Melodien das Ohr. Die neue Platte MUSS abgeerntet werden!


ONDT BLOD


JoyBoy: Zum Einläuten des Feierabends suche ich den Tresen am 2nd Ground auf. Während ich mich dort beköstige macht dort eine Band Irgendwas in Richtung Hardcore, Metal oder Rock – stört nicht weiter, lädt mich aber auch nicht zwingend zum Verweilen ein. Später werde ich einer ganzen Reihe von Personen aus meinem Bekanntenkreis gefragt, ob ich denn die Band gesehen hätte, die grade gespielt hat. Es handelte sich um ONDT BLOD, die offenbar für viele ein Programmhighlight waren. Mir erschließt sich nicht ganz warum, aber irgendwas wird wohl dran sein.

Philipp: Witzig, ich hätte geschworen, dass diese Band genau nach JoyBoys Geschmack sein müsste. Ich gehe nur deshalb hin, weil wir mit den Vladis angefragt worden sind, im November mit ONDT BLOD zwei Konzerte zu spielen. Da wird man na klar neugierig. Die Basis der Norweger ist Hardcore, der aber durch metallische Riffs und einen z.T. poppigen Gesang angereichert wird (wobei der Sänger auch aggressiv zu shouten vermag). Die Band agiert sehr sicher und feuert auf hohem Niveau. Was sich in der Beschreibung stilistisch wirr lesen mag, klingt live sehr schlüssig. Es ist heute die erste Band, bei der es dunkel ist. Es kriechen daher alle Langschläfer*innen aus den Zelten und vor der Tresenbühne wird’s proppevoll. Ich glaube nicht, dass viele Besucher*innen die Band vorher kannten, umso bemerkenswerter ist es, dass spätestens ab der Hälfte des Sets der Mob am Toben ist. Waren am ersten Tag HELMUT COOL die Überraschung/Entdeckung, so sind es heute ONDT BLOD. Und die November-Konzerte haben wir natürlich jetzt zugesagt…


THE DEVIL AND THE ALMIGHTY BLUES


Philipp: Ohne Doom Fränks Bericht vom Konzert in Hamburg hätte ich diese Band wohl verpasst. Doom Fränk schrieb einst im Mai: „THE DEVIL AND THE ALMIGHTY BLUES sind eine Blues Rock Band aus Oslo, wobei sich Blues und Rock hier die Waagschale halten. Hier sitzt kein alter Mann mit Gitarre auf einem Hocker und klagt über seinen zu hohen Blutdruck. Nein, zu fünft wird hier Dampf gemacht und das Rohe, das Melancholische, das Schwere und das Träge des Blues zelebriert. Dazu kommen noch eine Schippe Stoner und rundet das ganze ab bzw. sorgt für den nötigen Drang nach vorn.“ Und er hat Recht. Sehr schiebend, intensiv und drückend erschlägt die Hörer*innen dieses okkulte Monster. TDATAB haben das Glück, das Wilwarin-Publikum in bester Feierlaune zwischen den Phasen „noch nicht zu betrunken“ und „gerade wieder wach“ vor sich zu haben. Des Sängers Stimme klagt von schrecklichen Verlusten, schwere Riffs verwuscheln die eh schon vernichteten Frisuren zusätzlich, der Schweiß tropft von der Decke (wahrscheinlich, weil da schon wieder jemand an den Deckenbalken hängt).


HANNS MARTIN SLAYER


Philipp: Und schon ist die Peakphase des Publikums wieder vorbei. Ein müder Rest schleppt sich zu HANNS MARTIN SLAYER, die aber auch nicht so restlos begeistern. SLAYER kann man nachspielen, aber die Magie der Band zu transportieren, das ist eine ganz andere Herausforderung. Und auch HMS gelingt das nicht wirklich, die Darbietung ist okay, aber mehr auch nicht. Die Setlist ist gut gewählt, da die Band sich nur auf die wirklich zwingenden Alben fokussiert, der neuste Song ist „War Ensemble“ (entsprechend mit einer deutschen Version der legendären Araya-Ansage von der Live-Scheibe „Decade Of Aggression“). Aber es fehlen zum Beispiel die hohen Schreie, die Tom Araya noch bis ca. 1990 gebracht hat, auch klingt der Gesang nicht raubtierhaft genug. Naja, ist ja auch nur eine Coverband und zum Ausklang ganz witzig. Das abschließende „Raining Blood“ aktiviert den Pit dann doch mal. Die Band hätte mitten am Tag wohl mehr abgeräumt.


Jo, das war ein sehr schönes Wilwarin. Wetter, Stimmung, Organisation, Bands und Sound im oberen Bereich. Ich hab viele Bands gesehen, dennoch einige gute verpasst. Man musste bis vor den Duschen eigentlich nirgends lange anstehen. Absolutes Highlight waren wohl STALLION. Bleibt mir noch explizit darauf hinzuweisen, dass Kommentare sehr erwünscht sind. JoyBoy und ich haben ja hauptsächlich von Skatestage und Second Ground berichtet. Was habt ihr noch so gesehen? Gab es weitere oder andere Highlights/Enttäuschungen? Sonstige Erlebnisse? Ansonsten sach ich. ONWARD TO WILWARIN 2019!
Eingereicht von Philipp

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