LIFE OF AGONY, PYOGENESIS / 17.06.2018 – Kiel, RADIO BOB CAMP

Ich muss erst mal gestehen, dass ich kein Album von LIFE OF AGONY besitze und die Band für mich – duck! – auch nie sonderlich relevant war. Das Debut lief natürlich „überall“, wie man so schön sagt, irgendjemand hat es mir auch auf Kassette überspielt, aber so richtig oft gehört habe ich die (natürlich immer noch in meiner Sammlung befindliche) Kase nicht. Auf der ersten Tour mit PRO-PAIN und SPUDMONSTERS war ich allerdings dabei (Markthalle), das war wirklich gut und später tauchten LOA natürlich immer mal auf Festivalbühnen auf, vor denen ich rumlungerte.

PYOGENESIS waren da schon eher mein Ding, „Waves Of Erotasia“ (1994) und „Twinaleblood“ (1995) wurden abgeerntet und liefen zumindest für eine gewisse Zeit regelmäßig. Dann verlor ich die Band komplett aus den Augen – bis mir ein Bekannter von der Qualität des „A Kingdom To Disappear“-Albums (2017) berichtete und auch auf die Texte einging, die u.a. die Revolution von 1848 behandeln. Völlig zufällig lernte ich den Pyo-Chef Flo Schwarz wenig später kennen und hatte ein sehr anregendes Gespräch mit ihm. Die Platte ist wirklich der Hammer und kann mit tieftraurigen und pathosgeladenen Melodien und Texten begeistern, wer die Songs nicht kennt, sollte UNBEDINGT mal „Every Man For Himself… And God Against All“ (über Kaspar Hauser) und „I Have Seen My Soul” (eine Bearbeitung des “Bildnis des Dorian Gray”-Romans von Oscar Wilde) hören.


Gründe genug, sich ‘nen Beutel voll mit Bierdosen zu stopfen und zur fucking Kieler Woche zu radeln.

Boah, und schon wieder ist es viel zu leise im RB-Camp. Wenn die Gespräche der Zuschauer*innen um dich herum Wort für Wort richtig zu verstehen sind, dann ist das ja wohl gar nicht mal so geil. Aber PYOGENESIS haben ganz offensichtlich eh keinen Bock auf eine Standardshow. Über die Hintergründe mag man spekulieren, und natürlich finden es auch manche doof, dass Flo sich ellenlange Pausen gönnt und Quatsch erzählt – ich amüsiere mich dagegen prächtig. Da wird ein Mitmusiker während eines Songs in den Mob geschickt, nur damit um diesen herum ein kleiner Mini-Circle Pit veranstaltet werden kann. Oder es wird ein Kerl mit ‘ner Schnapsflasche gesichtet, den Flo auf die Bühne holt und es nach mehreren Anläufen schafft, auf dessen Smartphone ein Selfie (Flo, unbekannter Trinker, Schnapsflasche – Hintergrund: johlender Mob) zu schießen (ganz schwierige Geburt). Highlight ist aber die Aktion, einen 4-jährigen Besucher erst zu interviewen („Ist das dein erstes Konzert?“ - „Neee, mein drittes!“) und dann – mit Erlaubnis des Papas – crowdsurfen zu lassen. Der jüngste Crowdsurfer der Welt wahrscheinlich… Trotzdem schaffen es PYOGENESIS, die geplante Setlist von zehn Stücken herunterzureißen, in schön rauhen Versionen kommen die eingangs erwähnten Songs, dazu „Steam Paves It’s Way“, „Blaze, My Northern Flame“ oder „Undead“. Growls, Cleangesang, Bombast, Brachialität, Melancholie, Rotz und Lebensfreude. Nur leider alles viel zu leise. Muss ich mir wohl nochmal woanders angucken.


LIFE OF AGONY haben dann zum Glück etwas mehr Wumms. Trotzdem bekomme ich langsam Angst, dass auch beim morgigen ROSE TATTOO-Auftritt nur ein laues Lüftchen von der Bühne wehen könnte. (Spoiler: Es wird im Gegenteil richtig, richtig geil und eine Live-Sternstunde bei angemessener Lautstärke. Review folgt im Doppelpack mit Siggi Sick). Aber immerhin ist so schon Musikgenuss möglich. Die New Yorker*innen haben mit Mina Caputo, Joey Z. und Alan Robert immerhin drei Gründungsmitglieder am Start, seit Januar dieses Jahres ist die Schlagzeugerin Veronica Bellino dabei. Die Band ist fit und professionell, scheint mir im Laufe des Auftritts zusehends mehr Freude an der Sache zu entwickeln. Da ich recht weit vorne stehe, kann ich nicht beurteilen, wie weit die Kapazitäten des Geländes ausgelastet werden - my guess: sehr weit. Mir gefällt der Alternative Rock erwartetermaßen immer dann am besten, wenn er an den Grenzen des Metal kratzt, bei einigen ganz alten Songs schimmern sogar Hardcore-Roots durch. Natürlich sind es die Klassiker der ersten beiden Scheiben, auf die alle warten und die stärkste Resonanzen hervorrufen. „This Time“, „Through And Through“, „My Eyes“, „Bad Seed“, „River Runs Red“ und “Underground” sind u.a. im Set. Mina versichert uns, dass sie Kiel möge und die frische Seeluft vom letzten Mal positiv in Erinnerung behalten habe – nachdem sie nachgefragt hat, wie diese Stadt noch mal heiße, haha. Insgesamt ein guter Auftritt, die Band lebt in meinen Augen vor allem von der charismatischen Stimme, die unverändert klingt.

Morgen: ROSE TATTOO…
Eingereicht von Philipp

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