NEPHEW / 15.06.2018 – Knust, Hamburg

Als ich vor ungefähr 7 Monaten gefragt wurde, ob ich mit zu Nephew komme, habe ich in einem Anfall geistiger Umnachtung nicht sofort zugesagt. Als ich kurz danach wieder bei Sinnen war, erfuhr ich, dass mir dementsprechend keine Karte gekauft wurde und das nun das Konzert bereits ausverkauft sei.

Wer ist Nephew überhaupt?, höre ich die vielen Schüttelrüben hier sofort fragen. Das größte, was Dänemark zu bieten hat!, antworte ich darauf. Dänemark ist nebenbei unser nördlicher Nachbar. Die Stadt im Süden, in die immer der Zug fährt und aus der der geneigte Dremu-Leser normalerweise lallend und ohne Geld zurück kommt, nennt sich Hamburg.

Nephew sind irgendwie eine Mischung aus Depeche Mode und Gitarren Rock – die perfekte Kombination aus Stadionhymne und New Wave. Aber warum dann eine Rezension hier auf Dremu?, wollen jetzt gewiss einige professionelle Luftgitarrenspieler hier erfahren und verweisen darauf, dass es sich scheinbar weder um Metal noch Punk handelt. Die Antwort ist einfach: Hier häufen sich die Reviews, in denen sich Formulierungen wie „so laut, dass der Putz von der Decke rieselt“, „der Sänger gleicht einem Gorilla auf Speed“ oder „die Basswellen wummern dermaßen, dass sich meine Unterhose Richtung unteres Hosenbein verkriecht und möglichst schnell den Konzertsaal verlassen will“ breit machen. Es gibt auch andere Musik! Und nein, D:A:D ist nicht das größte aus unserem zuvor genannten Nachbarland.

Die erste Ernüchterung erfolgt auf dem Platz vor dem alten Schlachthof. Die Schlange ist trotz zeitiger Ankunft bereits gewaltig. Nichtsdestotrotz erfolgt der Einlass zügiger als gedacht und in aller Hektik muss das letzte Wegbier gestürzt werden. Drinnen fährt die Kutsche plötzlich in die andere Richtung – ein 0,3 Bier für inzwischen €4,30 – bei dem Preis heißt es, der Becher wird so lange in der Flosse gehalten, bis dessen Temperatur auf die eigenen Körpertemperatur angestiegen ist.

Eine weitere Enttäuschung macht sich nur Sekunden später breit: Es gibt keinen Merchstand! Keine überteuerten Tshirts von schlechter Qualität! Und noch schlimmer – keine CDs oder Platten. Beides ist in Deutschland nicht so einfach zu bekommen. Außer dem Lied „En Wannabe Darth Vader“ waren sie hier recht erfolglos, derweil sie in Roskilde auf der Orange Stage (die ganz große) als Headliner vor 75.000 spielten. Das Live Album „070707“ legt davon eindrucksvoll Zeugnis ab.

Eine Vorband gibt es offensichtlich nicht, also scharrt sich der Pöbel früh vor der Bühne zusammen und harrt dort dichtgedrängt aus. In dem sehr gemischten Publikum beschleicht mich wieder der Verdacht, dass die Menschen immer größer werden und meine 1,80 gerade mal unterer Durchschnitt sind. Die Raumtemperatur steigt und steigt und Schweiß läuft mir bereits den Rücken herab – das Bier in meiner Hand hat inzwischen bestimmt schon 35 Grad – aber bloß jetzt noch nichts davon trinken, der Abend ist noch lang.

So verstreicht die Zeit und nichts passiert. 20:30 Beginn war die Ansage und wir warten. Ich warte ja immer gerne. Wir vertreiben uns nebenbei die Zeit mit einer Runde „Stadt, Land, Fluss in Mittelerde“ und geraten in Streit, ob die Wasserfälle von Rauros als Fluss durchgehen oder nicht. Danach wird das Spiel abgebrochen und wir warten von nun an schweigend. 

Um 21:15 bequemen sich die Herren plus einer Dame dann endlich. Gleich zu Beginn fragt Sänger Simon Kvamm, ob sich einige Dänen hierher verirrt haben und überall strecken sich die Hände in die Höhe. Das wird ein Heimspiel! Ich hatte mich durchaus schon bezüglich der Attraktivität des heutigen Publikums gewundert – gerade im Hafenklang oder in der Schaubude machen die meisten ja doch einen ziemlich ungepflegten und abgebrannten Eindruck.

„Ich werde heute nur Dänisch sprechen“, offenbart der Sänger daraufhin dem Publikum. „Wenn ihr kein Dänisch sprecht, fragt einen dänischen Freund, ob er für euch übersetzen kann.“ Hm....meine dänischen Freunde sitzen leider gerade alle im Knast. Mein eigenes Dänisch - bei der Infanterie in Flensburg angeeignet – ist rudimentär und reichte gerade aus, zu erklären, dass ich mich auf dem Truppenübungsplatz „Grenzland“ verlaufen habe und dies kein erneuter deutscher Überfall ist. Also fallen die Ansagen wohl ab jetzt ins Wasser. Dass die Lieder größtenteils unverständlich sind, stört mich nicht – aber der Herr redet doch sehr viel zwischen den einzelnen Titeln und warum eben geklatscht wurde, nun gelacht und gleich die weiblichen Besucher ihre Oberbekleidung ablegen werden, bleibt mir ein Rätsel. Charisma hat der Sänger aber und erreicht Robbie Williams Niveau.

Der erste Kracher „Mexico Ligger I Spanien (In Mexico liegen und entspannen)“ kommt bereits als zweites Lied und im Publikum brodelt es. „Igen & Igen & (niemals und niemals und)“ folgt. Die Stimmung kocht über. Eine E-Gitarre sägt, das Schlagzeug hämmert, der Sänger wirkt wie so etwas Behaartes auf Speed. Auf drei Keyboards wird derart eingehauen, dass irgendwas von der Decke bröckelt. Nein, alles andere ist noch an der richtigen Stelle.

„Du danske Supersommer/Superliga (Lieber ins Holstein Stadion als in Dänemark Urlaub machen)“ erweist sich als weiteres Highlight. „First Blood Harddisc (das brauche ich wohl nicht übersetzen)“ und „Best Worse Case Scenario“ sind weitere Kracher, die gespielt werden. Die Songauswahl ist durchaus gelungen, nur warum die Oberkracher „Bazooka“, „Bla and Black (Brüllen und weg)“ sowie „En Wannabe Darth Vader (nie wieder Star Wars Motto Abende)“ nicht gespielt werden, erschließt sich mir nicht. An einer zu kurzen Spielzeit liegt es nicht – 90 Minuten dauert die ganze Chose. Für ein Cover von Blacks „Wonderful Life“ ist ja auch Zeit, auch wenn die Band dieses selber wohl eher „so mittel“ findet.

Zwischendurch muss immer mitgeklatscht werden (hier handelt es sich ja durchaus um Stadionhymnen) oder so eine wellenarttige Bewegung gemacht werden, welche ich gleich noch vor dem Spiegel üben werde. Es verwaschen aber in all diesem die Nationalitäten und im Gewühl wird „aus den Dänen“ und „Schland“ ein wunderbarer „Dänenschland“. Zwei Zugaben – darunter „Amsterdam (Kopenhagen)“ gibt es am Ende.

Auf Grund der Temperaturen und der Enge im Knust sowie dem relativ langem, sinnlosen Warten zu Beginn bleibt ein zwiespältiger Eindruck. Der Auftritt der Band selbst ist aber über jede Kritik erhaben, auch wenn zuvor genannte Lieder hätten gespielt werden müssen.

Nach langer Pause ist Nephew 2.0 zurück und in einigen Wochen gleich wieder Headliner auf dem diesjährigen Roskilde (Roas Quelle). An sich sehr geil, sie mal in so kleinem Rahmen gesehen zu haben. Jetzt kann hier wieder über D:A:D geschrieben werden.

Skål for hendes majestæt Dronning Margrethe!
Eingereicht von Philipp

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