BODY COUNT / 05.06.2018 – Hamburg, Große Freiheit 36

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Zum ersten Mal BODY COUNT live! Wobei ich sagen muss, dass ich das Fehlen eines BC-Konzertes in meiner Vita noch vor wenigen Jahren gar nicht als klaffende Lücke empfunden hätte. Klar, das Debut hatte auch ich mir bei Erscheinen gekauft und da das Ding eine Zeit lang auf jeder – JEDER! – Party lief, kann ich auch noch heute fast alle Texte auswendig. Aber schon der Nachfolger ließ mich kalt und ich verlor die Band komplett aus dem Fokus. Gute Reviews zur 2014er LP „Manslaughter“ ließen mich aufhorchen, aber erst ein Interview mit Juan Garcia machte mich wirklich hellhörig. Dort erwähnte der Gitarrist von AGENT STEEL, EVILDEAD etc. nämlich beiläufig, dass er bereits seit Jahren auch bei BODY COUNT spiele. Das „Bloodlust“-Album wurde also einfach mal blind abgeerntet – und blies mich mit Brechern wie „No Lives Matter“, „This Is Why We Ride“, „Black Hoodie“ oder „Civil War“ dezent aus dem Sessel. Was für eine Wut, was für eine gelungene Kombination aus Thrash, Hardcore, Groove Metal und Rap – BODY COUNT klangen plötzlich wieder relevant!

Bitter nur, dass die Karten für die Show in Hamburg im Nu ausverkauft waren, sodass ich fast auf eine Secondary-Ticket-Abzocke reingefallen wäre, bei der das Konzert so ungefähr auf IRON-MAIDEN-Preislevel lag. Mein Grunzen vorm PC muss fast so wütend geklungen haben wie Ice-T himself. Aber zum Glück wurde dann bald ein Zusatzkonzert angekündigt, kurioserweise am selben Tag direkt nach der ersten Show! Schnell zugeschlagen und die Vorfreude genossen!

 
Am Tag des Konzerts brennt der Asphalt in Hamburg. Irgendwie scheint heute die ganze Stadt auf den Beinen zu sein und so müssen wir uns durch wahre Mutantenmassen auf der Reeperbahn durchdrängeln. Als wir vor der Großen Freiheit stehen, kommen die Besucher*innen des ersten Konzerts schweißgebadet und glücklich heraus. Ich versuche jegliche Gespräche zu vermeiden, um ja kein Detail zu hören.
 

Wie wir schon erahnt hatten, gibt es keine Vorband – wäre ja auch Quatsch, nach dem ersten Konzert alles ab- und wieder aufzubauen, nachdem man bereits alles eingestellt hat. Boah, leider ist auch dieser zweite Auftritt ausverkauft und die Freiheit grenzwertig voll. Bierholen schockt schon mal gar nicht. Schon vor dem Konzert fällt auf, dass die Leute richtig derbe Bock haben, bereits irgendwelche Textzeilen brüllen und „BODY COUNT – BODY COUNT!“-Rufe skandieren. Immerhin ist es ein Dienstag unter Woche und 23:30 Uhr, aber der Mob ist hart auf Partylevel. Überflüssig zu erwähnen, dass die Stimmung überkocht, als das Saallicht ausgeht und die einzelnen Musiker auf die Bühne schlurfen. Jetzt kommt bestimmt die Bandhymne „Body Count“? Nope, die Band teilt mit der groben Kelle aus und eröffnet mit dem SLAYER-Doppel „Raining Blood“ und „Postmortem“! Wuhu, Bierbecher, Körper und undefinierbare Dinge segeln durch die Luft, sodass wir jetzt schon eine Dusche abbekommen. Den Song „Body Count“ spielen sie übrigens heute gar nicht, was aber die einzige Setlist-Enttäuschung ist. Denn ansonsten gibt es fast nur die Knaller vom Debut und von der „Bloodlust“, ergänzt noch um den Titelsong des Vorgängers und ein paar Überraschungen. Ice-T ist bei bester Laune und vertellt uns gleich, dass natürlich die zweite Show die bessere werde, eben habe er sich nämlich noch etwas zurückgehalten... Mit „Bowels Of The Devil“, „Manslaughter“, „On With The Bodycount“, “Necessary Evil”, “Drive By” und “Voodoo” erzeugt die Band vor der Bühne einen Klumpen Mensch mit tausend Extremitäten, der hin- und herrollt, auf und abhüpft. Die acht Leute auf der Bühne sind auch ständig in Bewegung – acht, weil Ice-T noch von zwei Zusatzsängern unterstützt wird und weil da noch ein Typ in Totenkopfmaske, kugelsicherer Weste und Pumpgun in den Flossen einfach so herumsteht. Alle Bandmitglieder werden von Ice-T vorgestellt, jeder bekommt Applaus, aber bei Ernie C rasten alle komplett aus und reagieren mit Sprechchören seines Namens, worüber Ice-T überrascht grinsen muss.“When I walked up to the stage, I heard somebody saying: There Goes The Neighborhood!“ Auf den entsprechenden Song folgt das ebenso gefeierte „KKK Bitch“, übrigens alles viel tighter gespielt als auf dem Debut, welches ja teilweise rumpelt und hakt. Der Chef fragt uns, ob wir auf Punk stünden, was viele bejahen. Ob wir denn auch auf SLAYER stünden? Darauf reagiert gefühlt tatsächlich jede*r mit einem Urschrei und Ice-T erklärt, dass der nächste Song eine Mischung aus beidem sei: „Disorder“ kommt, das EXPLOITED-Medley aus „War“, „UK ‘82“ und „Disorder“, welches Ice-T zusammen mit SLAYER 1993 für den „Judgement Night“-Sampler aufgenommen hatte. Cool, damit hatte ich nicht gerechnet. Der Mob reißt fast die Hütte ab, die Ordner kühlen die überhitzte Meute mit Wasserduschen ab. Plötzlich steht die zwei- oder dreijährige Tochter Ice-Ts auf der Bühne, welche angeblich nicht schlafen könne. Daddy nimmt sie in den Arm und erklärt uns, welche Werte er ihr zur Erziehung mitgebe, dass sie sich keinen Bullshit gefallen lassen dürfe und jedem Arschloch klarmachen solle: „Talk Shit = Get Shot“… Wenn das ein allabendliches Bühnenritual ist, finde ich das schon etwas schräg. Egal, „Copkiller“ brennt alles nieder, bevor Ice-T nun verkündet, dass jetzt der Zugabenteil komme. Er sei aber zu alt und zu faul, um von der Bühne zu latschen. Deswegen bleibe er an Ort und Stelle, das Licht werde ausgeschaltet, wir dürften „Zugabe“ brüllen und zack! werde man liefern. Die Halle spielt mit und jubelt, als das Licht wieder angeht und Ice-T mit einem „Hey, we’re baaaack!“ eine weitere Coverversion einleitet, nämlich „Institutionalized“ von SUICIDAL TENDENCIES, geil. Vor dem nächsten Song macht Mr. T klar, dass man jedem Menschen Saures geben solle, der rassistische Scheiße von sich gebe – selbst wenn es ein Familienmitglied sei – „like my racist mom!“ Es folgt „Momma’s Gotta Die Tonight!“, bei dem ich bei der Erkenntnis, dass dieser Text offenbar ernster gemeint ist als gedacht, eine Gänsehaut bekomme. Mit „This Is Why We Ride“ endet der Ritt angemessen pathetisch und der Pumpgun-Mann darf sich endlich bewegen und einmal – BÄNG! – den Abzug betätigen.
 

Was für ein Spaß!
Eingereicht von Philipp

Kommentare   

 
+2 #1 Hackl 2018-06-13 21:10
Yeah, ich war auch dabei, auch 2. Konzert. Das mit den Schwarzmarkttic kets, dem völligen Ausrasten und dann mega-Freude übers Zusatzkonzert ging mir übrigens exakt genauso!

Der Moshpit vorne war extrem anstrengend, nur mega-Brecher und ganz harte Bandagen. Da blieb oft nur die Flucht nach vorn um Luft zu schnappen...

Fand den Sound grade am Anfang ziemlich mies, oder lag das an meiner Position im Saal?
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