HYSTERESE, NO SUGAR / 27.05.2018 – Kiel, FKK (Alte Mu)

Als ich auf dem Rd-Rock beim Schnack im Camp thematisiere, dass auch der Sonntag im Zeichen des Rock’n’Roll stehe, ich mich aber frage, ob ich nun nach Hamburg zu BULLET oder zu HYSTERESE & NO SUGAR in die Alte MU wolle, ernte ich nur verständnislose Blicke. „Nach so einem Festival gleich wieder los? Nee, da bleibe ich lieber auf der Couch!“ Das kann ich wiederum nicht verstehen und habe es auch noch nie. Ist es denn anstrengend, auf ein Konzert zu gehen? Find ich überhaupt nicht, mich entspannt das. Klar kommt es darauf an, wie eskalativ man da jetzt abgeht, aber generell check ich auch nicht, was an „auf der Couch rumgammeln“ so geil sein soll. Anyway, ich entscheide mich dann schließlich einfach für die Band, die ich seltener gesehen habe – bei HYSTERESE ist es erst das dritte Mal, bei BULLET dürfte mindestens ein Dutzend voll sein. Und dann sind da ja noch NO SUGAR obendruff, wunderbar!

HYSTERESE

Fotos von Svetlana Grigorieva



Zum Glück bekomme ich zufällig mit, dass es sich um eine Matinee der wirklich frühen Sorte handelt: 15:00 Uhr Einlass, Beginn 16:30 Uhr. Ich komme aber etwas zu spät und bekomme den Anfang des Konzertes nicht mit. Schade, denn so verpasse ich die Ansage der BIKINI-KIEL-Konzertgruppe, in der Anwesenden zufolge erklärt worden sei, dass die ersten Reihen für LFTI only frei bleiben sollen. Rempelnde Cis-Männer-Pogo Punks hinten bleiben! Ich finde das gut, es gibt für erstgenannte Gruppen eh zu wenige Freiräume, andersherum für Cis-Männer wirklich mehr als genug Orte, um herumtoben zu können. Da ich den Originalwortlaut der Ansage nicht mitbekommen habe, kopiere ich mal einen Text von BIKINI KIEL, in dem es um das Selbstverständnis der Konzertgruppe geht: „Frauen, Lesben, Queers, Trans*- und Inter*Personen haben es in der ohnehin harten Musikszene nicht leicht. Wir wissen: wer unterdrückt wird, entfaltet sich nicht, zeigt daher keine Teilhabe und wird entsprechend auch nicht in Betracht gezogen. Wir wissen, dass der Weg auf die Bühne ein holprigerer und die Unterstützung eine rarere ist, genau wie Können und Wille oft abgesprochen und schnell das gesamte künstlerische Dasein infrage gestellt wird. Auch in der Punk- und Hardcore-Szene. Deshalb haben wir uns entschieden, innerhalb "unserer" Szene einen Ort von Frauen und Queers für FLTQI*s zu schaffen und uns gegenseitig das zu geben, was wir so oft missen: Respekt, Kraft, Mut und Begeisterung. Auch im alternativen/linken/nicht-kommerziellen Spektrum finden sich sexistische Strukturen; der Veranstaltungsbereich ist männerdominiert und nicht selten sind Konzerte von Frauen- oder queer*-Feindlichkeit geprägt. Wir wollen als Veranstalter_innen eine Atmosphäre schaffen, in der jede_r sich wohlfühlen kann. Unsere Devise ist: Freiräume nicht nur zu nutzbaren, sondern auch rücksichtsvollen und stärkenden Räumen zu machen. Über Unterstützung und Mitarbeit an unserem kleinen Impuls, das ‘große Ganze’ ins Wanken zu bringen, freuen wir uns sehr.“


NO SUGARNO SUGAR

 
Erfreulich voll ist es bereits und alle wippen mit strahlenden Gesichtern mit. NO SUGAR spielen heute ihren ersten richtigen Gig und haben sich dafür in Silberglitzer-Klamotten geschmissen (bis auf Willer, dessen Outfit mehr in Richtung Straßenköterblau geht). Ach, natürlich bestehen NO SUGAR aus Mitgliedern von STUMBLING PINS, PLASTIC PROPAGANDA, NO WEATHER TALKS und MOOD CHANGE, aber das dürften die meisten Leser*innen wohl wissen. Was verbirgt sich nun hinter der selbstgewählten Beschreibung Proto-Post-Punk/Anarcho-Rock'n'Roll? Sehr eingängiger Sound, zu dem sich herrlich mitwackeln lässt! Unbedingt eine Bierflaschenband, denn offene Gläser verkleckere ich bei derart tanzbaren Sachen zu schnell. Es ist ein garagiges, noisiges Element vorhanden, das Schlagzeug treibt entspannt, beim Gesang wechseln sich alle ab. Die Melodien haben oft eine melancholische Note, wobei das Gesamtding dann doch eine beschwingte Stimmung vermittelt. NO SUGAR haben jedenfalls jetzt schon eine eigene Note entwickelt und klingen nach keiner der oben genannten Bands, auch wenn man die Stimmen natürlich wiedererkennt. Bald in der Schaubude und Globetrotter können sie sich auch aufm FEST gönnen.

NO SUGAR 

HYSTERESEHYSTERESE


HYSTERESE legen sofort mit enormer Energie los! Besonders die Gitarristin und der Gitarrist links strotzen vor Spielfreude, sie reißen an ihren Klampfen herum und zappeln unentwegt. Dazu kommen diese sich überlappenden Gesänge, die ja auf allen drei Alben ein Trademark von HYSTERESE sind. Mag ich zu Hause schon gern hören, live aber knallt das richtig. Ich frag mich, was die Flohmarktleute im Innenbereich der Alten Mu denken mögen angesichts des Krawalls, der aus dem FKK herausböllert. Wie beim letzten Mal steht der Bassist übrigens das komplette Konzert lang mit dem Rücken zum Publikum und hat sich sogar seinen Mikroständer so hingestellt, dass er sich beim Schmettern nicht umdrehen muss. Man entwickelt sofort Theorien über den Ursprung dieses Habitus: Ist es ein Relikt aus frühen Tagen der Band, in denen der Bassist das Elend von drei betrunkenen Punkern vor der Bühne nicht sehen wollte? Ist es eine krasse Verweigerungshaltung nach dem Motto „Ihr wollt Show? Kein Bock, ich dreh mich einfach um!“? Oder ist er schlicht von derbem Lampenfieber gepeinigt? Ich bewundere das jedenfalls irgendwie, könnte ich das so echt nicht durchziehen, denn gerade die Reaktionen der Leute sind für mich ein elementarer Teil eigener Konzerte. Insofern Respekt dafür, darauf einfach zu verzichten! Es gibt bereits diverse Songs des dritten, übrigens abermals selbstbetiteln Albums zu hören, die generell in dieselbe Richtung wie bisher gehen, vielleicht etwas nuancierter in den Melodien und ausgefeilter in den Arrangements ausfallen. Das häufige Livespielen merkt man HYSTERESE positiv an – die Band klingt nochmal tighter als bisher. Die Musiker*innen scheinen überrascht, dass an einem Sonntag derart viele Leute gekommen sind und dass die Stimmung so gut ist. Im neuen TRUST habe ich gerade gelesen, dass das Publikum neulich in der Schaubude bei ZEKE richtig arm gewesen sein soll und der Band kaum Beachtung geschenkt habe, stattdessen nur Gelaber am Tresen und Smartfon-Geglotze. Das ist heute zum Glück mal gar nicht so! Alle sind voll bei der Sache, tanzen, singen mit und/oder verfolgen gebannt das Geschehen.

HYSTERESE
Eingereicht von Philipp

Kommentare   

 
-6 #1 Lefty 2018-06-12 17:18
Hallo Ihr Lieben. Wäre schön, wenn es erste Reihe auch mal nur für Männer gibt. Ich selber bin schwul, also gay as gay can be, und da sind mir dann doch manchmal zu viele Frauen, die glauben, ich wäre hetero und die mich dann überall betouchen. Da fühlt man(n) sich schon nach 15 Minuten wie die Resteware auf dem Grabbeltisch bei Karstadt. Ich glaube, Ihr Süßen versteht was ich meine.
Nichts für Ungut und Küsschen, euer Lefty (Brüno)
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+1 #2 Philipp 2018-06-12 19:21
Musste einfach auf ein tough-guy Hardcore-Konzer t gehen. Da reiben sich hinreichend viele halbnackte Männer aneinander.
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+1 #3 Philipp 2018-06-12 20:11
Jetzt mit Bildern von Svetlana Grigorieva - Danke!
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+2 #4 JoyBoy 2018-06-13 15:31
Um das "Entspannungsve rmögen" beneide ich dich sehr, Philipp. Wenigstens hat sich das gequälte Aufstehen in aller Herrgottsfrühe in diesem Fall mehr als gelohnt.
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-1 #5 Ingo.K 2018-06-13 18:26
Oh Philipp, Du hast es natürlich im Ox gelesen. Der tolle "Punk" schreibt ausschließlich Berichte über Schaubuden-Konz erte und beschwert sich immer über das Kieler Konzertpublikum dort...seufz... in Norddeutschland ist Fußwippen nunmal ein Ausdruck von ungebremsten Enthusiasmus.
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0 #6 Philipp 2018-06-13 18:50
Kann auch sein, dass es im OX war. Das kaufe ich mir sehr selten, blättere es aber manchmal durch.
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