KEEP IT TRUE XXI / 28.04.2018 – Lauda-Königshofen, Tauberfrankenhalle, Tag 2

Zweite Runde des wunderbaren KIT-Festivals. Wir sind ausgeschlafen und (taten)durstig, das Wetter ist herrlich und es erwarten uns neun Metalbands, von denen ich bisher erst drei live gesehen habe (HITTMAN 1993 in der Hamburger Markthalle, SARACEN auf dem KEEP IT TRUE 2011 und BLIND ILLUSION auf dem letztjährigen HEADBANGERS OPEN AIR). Geht es besser?

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Bilder von Florian Hille



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Von den amerikanischen IRONFLAME hatte ich bisher nur ein paar (gute) Reviews gelesen. Aber da die KIT-Opener meistens richtig amtlich sind, hole ich mir im Vorübergehen schnell deren Debut-LP „Lightning Strikes The Crown“. Gut gemacht, denn es läuft genau wie am Tag zuvor bei ALIEN FORCE: Noch während der Show ist das Ding am Merchstand ausverkauft. Und das hat seinen Grund, denn IRONFLAME killen! Der Auftritt ist erstaunlich professionell für eine derart junge Band. Die Amis sind super eingespielt, beherrschen die Bühne souverän und profitieren auch noch von einem exzellenten Sound. Es gibt klassischen US Metal zu hören, mal im Uptempo bei „Firestorm“ oder „Eternal Night“, mal eher midtempolastig, dann aber sauheavy und dabei schön eingängig (z.B. „Marching On“). Das energische Auftreten ist besonders erstaunlich, wenn man sich vor Augen hält, dass IRONFLAME ursprünglich ein One-Man-Projekt des Sängers Andrew D’Cagna ist. Der bis zum Hals tätowierte Freak wirkt überhaupt nicht wie ein Studio-Nerd, der alle Instrumente selbst einspielt, besitzt vielmehr eine ausdrucksstarke Stimme und eine mitreißende Präsenz. Fett glatt!  


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Die gierigen GATEKEEPER locken mit kanadischem Stahl zahlreiche Schüttelrüben in die Halle. Viele davon haben wohl an diesem Wochenende das neue Album verhaftet – wir konnten es dank modernster Technik sogar schon hören, und zwar im Hotel auffem transportablen Plattenspieler. Killt eure Schmartfons, ihr Verlierer! Der Sänger Jean-Pierre Abboud hat den liebenswürdigen Tick, sich beim Singen ständig den linken Zeigefinger ins Ohr zu stecken und sich überhaupt eigentümlich zu bewegen. Das mag ich, erinnert mich an den DICKIES-Sänger. Die etwas verschrobenen Strukturen der Songs mag nicht jede*r lieben, im Vergleich zu neuen NWOTHM-Helden wie VISIGOTH oder ETERNAL CHAMPION sind GATEKEEPER deutlich weniger eingängig. Die exquisite Gitarrenarbeit und der starke Gesang machen Songs wie „Bell Of Tarantia“, „Blade Of Cimmeria“ oder „East Of Sun“ zu echten Perlen. Die Band hat sich zudem für gleich zwei Coversongs entschieden, erst kommt „Richard III.“ von TREDEGAR und zum Abschluss noch KISS‘ „Detroit Rock City“, beide absolut super gezockt. Headbanging fun.


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Wow! Den Auftritt von CEREBUS hätte ich nicht derartig heavy erwartet, obwohl ich mir das „Too Late To Pray“-Debut 1986 bei Erscheinen gekauft habe. Irgendwie habe ich dieses Album länger nicht mehr aufgelegt, was sich nach diesem Auftritt aber sofort geändert hat. Roher US Metal mit kernigen Refrains und genialer Gitarrenarbeit ist eigentlich mit das Beste, was es gibt. Von den neun Stücken der Platte spielen CEREBUS heute sieben in richtig rabiaten und kraftvollen Versionen. Die gute Form, in der sich die Band und explizit auch ihr Sänger Scott Board befinden, führt zu einem der absoluten Highlights des diesjährigen KIT. Die gut gefüllte Halle feiert Songs wie „Running Out Of Time“, „She Burns“, „Catch Me If You Can“, “Taking Your Chances” oder “Too Late To Pray” angemessenerweise hart ab. Allein wegen des Reminder-Effekts lohnt es sich, immer wieder aufs KIT zu fahren. Hoffentlich sieht man CEREBUS bald wieder!


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BLIND ILLUSION hatten ja auf dem HEADBANGERS OPEN AIR restlos begeistert und so sind die Erwartungen hoch. Diese werden dann sogar übertroffen, hat Mastermind Mark Biedermann heute doch als –höhö – Sidekick Doug Piercy (HEATHEN) mit im Line-Up. Die beiden schreddern einfach alles weg und bieten mit Tech-Thrash-Monstern wie „The Sane Asylum“, „Blood Shower“, „Vengeance Is Mine“, „Smash The Crystal“ oder „Race With The Wizard“ regelrechte Lehrstücke in Sachen progressiver Gitarrenkunst (im Extrem Metall Bereich). Biedermann ist überhaupt ein kauziges Urgestein, wie man sie nur ein einem Musikgenre antreffen kann, welches wie Metal Jahrzehnte der Geschichte auf dem Buckel hat. In den vielen Gesprächen nach dem KIT (man geht ja spätestens nachts in die Rückschau) werden BLIND ILLUSION häufig als Überraschung und einer der Höhepunkte genannt. Es spricht für die Qualität des Billings, dass wir heute bereits die vierte Killerband in Reihenfolge gesehen haben.


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Auch wenn sie es stilistisch ganz anders angehen: Als eine Killerband gehen unbedingt auch SARACEN durch. Die Briten vermögen das Wunder von 2011 zu wiederholen und verzaubern das Publikum mit ihren unfasslichen Melodien. Was 2011 hier geschrieben stand, gilt somit auch heute: „Denn SARACEN sind im Gegensatz zu ihrem Fast-Namensvetter Sarrazin offen für interessante Einflüsse und Ideen... NWoBHM ist die Hauptzutat, dazu gesellen sich eine schwere Orgel, Siebziger-Prog-Wahnsinn, herrliche Melodien und ein angenehm tönender Sänger.“ Banger*innen aller Altersklassen singen mit, wenn es „Heroes, Saints & Fools“, „Meet Me At Mitnight“, „No More Lonely Nights“, „We Have Arrived“, „Rock Of Ages“ oder „Horsemen Of The Apocalypse“ gibt. Die Band vermittelt ein ausgesprochen harmonisches Gefühl. Ich gehe davon aus, dass den Musikern der erste Auftritt noch gut im Gedächtnis ist, sodass sie sich auf den entsprechenden Support verlassen können. Und so ist es ja auch. Hach, schwärm, einfach schön!


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WINTERHAWK sind ein Beispiel dafür, dass die musikalische Vielfalt beim KIT größer ist, als viele denken mögen. ASHBURY hatten ja schon gezeigt, dass die Besucher*innen auch nichtmetallische Musik abfeiern, wenn diese Herz und Seele berührt. Und auch bei WINTERHAWK ist das der Fall – die findest du nicht mal bei Metal Archives… Man könnte die Amis als eine bluesige Variante von WISHBONE ASH („Argus“-artige Gitarren), frühen RUSH (Gesang), 70er Prog und frühem Hardrock bezeichnen. Die beiden Gitarristen schleudern gefühlvolle Licks en masse heraus und genießen ihren Auftritt und den Anblick der strahlenden Gesichter vor ihnen. Mir gefällt eigentlich alles an der Band, besonders die Gitarrenarbeit und der Gesang. Verstärkt werden WINTERHAWK bei manchen Songs von einem zusätzlichen Sänger, von dem ich mir sicher bin, dass ich ihn schon häufig im Publikum gesehen habe. Erst später erfahre ich, dass der Typ ein Fan der Band ist, der offenbar relativ spontan eingeladen wurde, etwas Gastgesang beizusteuern. Noch eine Parallele zu ASHBURY, die ja bei ihrem ersten KIT-Gig den SPEEDBREAKER-Klampfer eingeladen hatten. Coole Nummer!


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Ein Wiedersehen mit HITTMAN! 25 Jahre später klingen die New Yorker schockierend unverändert. Besonders Dirk Kennedy sorgt für Erstaunen, ist der Kerl doch stimmlich topfit und schmettert die Klassiker mit Leichtigkeit. „Metal Sport“, „Dead On Arrival“, „Back Street Rebels“, „Caught In The Crossfire“ und natürlich „Secret Agent Man“ erinnern mich im besten Sinne an frühe QUEENSRYCHE, manche führen ja gern auch CRIMSON GLORY als Vergleich an. Wie bei SIREN mag ich auch die zweite Scheibe (hier „Vivas Machina“), aber ebenfalls wie bei SIREN wird diese komplett ignoriert. Es wäre aber wirklich albern, an dem Gig Kritik zu üben, denn dafür machen HITTMAN nun wirklich zu viel Spaß. Solch gutes Songwriting wird – zumal derart tight präsentiert – immer ein Publikum finden. Neben fast allen Stücken des Debuts zocken die US Metal-Helden auch zwei neue Songs, die tatsächlich überzeugen können. Willkommen zurück!

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Als Fan seit „Slaughter In The Vatican“ (1990) habe ich mich immer geärgert, dass ich EXHORDER nie live sehen konnte. Als ich auch die erste Reunion und den Auftritt auf dem ROCK HARD FESTIVAL 2010 verpasst habe, hatte ich gedacht, dass dies die letzte Chance gewesen wäre. Aber EXHORDER wollen es tatsächlich noch mal wissen! Und was zur Hölle starten Kyle Thomas & Co. für einen Abriss! Ich hatte es im Stillen gehofft, dass die Qualität hoch sein könnte, werde aber von der Bissigkeit, Wut und Intensität dieses Thrash-Tsunamis überrollt. Wie tollwütige Hunde fallen EXHORDER über uns her. Das Ergebnis ist ein feister Circle Pit, welcher den gesamten Auftritt über anhält. „Soul Search Me“, „The Law“, „Exhorder“, „Anal Lust“, „(Cadence Of) The Dirge“ oder „Slaughter In The Vatican“ peitschen so fett aus den Boxen, dass mir vor Freude fast Tränen über die Backen kullern. Ich möchte nicht drauf festgenagelt werden, aber ich finde diese Attacke noch stärker als die von DEMOLITION HAMMER, RAZOR oder SACRIFICE an selber Stelle. Wenn man mal von der meisten Bewegung im Pit und nicht vom Mitsinglevel ausgeht, dann kann man an diesem Wochenende auch vom Stimmungshöhepunkt sprechen. THRRRRRRRRASH!


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Zu HEAVY LOAD wird es so voll wie sonst am ganzen restlichen Festival nicht. Die Spannung auf diesen ersten Auftritt nach 33 Jahren ist groß. Die Rückseite der Bühne ist MANOWAR-like großzügig mit Marshall-Wänden drapiert, die Bandmitglieder haben sich mit Schulterpolstern, Fuchsschwanz (Alter!) und „My Guitar Is My Sword“-Kappe angemessen in Schale geschmissen. Der Beginn ist KIT-Magie – „Heavy Metal Angels“ wird von allen Anwesenden mitgesungen und ich denke schon, dass alle Vorab-Befürchtungen überflüssig waren. Leider gibt es in der Folge aber schlicht zu lange Pausen, welche die Stimmung abflauen lassen. Zum Teil sind die Dialoge der Wahlquist-Brüder ja ganz amüsant, zum Beispiel wenn sie sich gegenseitig ihrer Awesomeness versichern. Doch an anderen Stellen konzentriert sich die Band recht lange darauf, ihre Instrumente zu stimmen, dazu wird wiederholt der Fluss durch Gastauftritte von Gründungsmitglied Eddy Malm unterbrochen, der auch nicht immer sofort checkt, dass er wieder auf die Bühne soll. ABER ich würde diese Kritikpunkte auch nicht zu hoch hängen, schließlich sind über dreißig Jahre ohne (gemeinsame?) Bühnenerfahrung kein Pappenstil. Und wenn HEAVY LOAD rollen, dann rollen sie! Der Gesang zum Beispiel ist fantastisch. Ich verstehe die Band jetzt auch erst wirklich, hatte ich doch nie gerafft, dass auf den Alben sowohl Ragne Wahlquist als auch Styrbjörn Wahlquist und zum Teil Eddy Malm singen. Und alle drei klingen immer noch gut. Besonders Schlagzeuger Styrbjörn überzeugt mit der Doppelleistung Gesang & Drumming. Auch muss gesagt werden, dass „Heavy Metal Angels“ nicht der einzige Überhit ist – seit dem Festival habe ich das geil rollende „Singing Sword“ mit den herrlichen Gesangslinien und seinem alles überstrahlenden Refrain im Ohr. „Stronger Than Evil“, „The King“ und „Lionheart“ sind weitere Treffer im ansonsten doch sehr langen Set (20 Stücke oder so). Insgesamt müssen HEAVY LOAD also noch an ein paar Stellschrauben drehen, wenn sie ihre Karriere fortsetzen und auf Dauer live überzeugen wollen. Die grundsätzlichen Bedingungen dazu sind vorhanden!


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Yeah, eine KEEP IT TRUE-Ausgabe, die es wirklich in sich hatte und von überragender musikalischer Qualität geprägt war. Keine schlechte Band dabei, Sound dieses Mal top, einige Verbesserungen (Essen) und viele Überraschungen. Das Cashless-System kann bleiben, muss aber auch nicht sein. Der WC-Container nahe beim Ausgang war schlecht platziert, aber das ist jetzt auch die einzige organisatorische Schwäche, die ich zu bemängeln hätte. Die satte Preiserhöhung von 30,- Euro für das 2019er-Ticket ist allerdings ein Thema. Nun, wir haben natürlich zugeschlagen und werden im nächsten Jahr berichten, inwiefern sich das rechtfertigt. KEEP IT TRUE!
Eingereicht von Philipp

Kommentare   

 
+1 #1 Philipp 2018-06-03 15:28
Teil I ist hier zu finden:

http://www.dremufuestias.de/index.php?option=com_content&view=article&id=5565:keep-it-true-xxi-27-04-2018-lauda-koenigshofen-tauberfrankenhalle-tag-1&catid=15:berichte-aus-dem-pit&Itemid=290
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+1 #2 Philipp 2018-06-03 17:04
Mehr Bilder in der Galerie:

http://www.dremufuestias.de/index.php?view=category&catid=641&option=com_joomgallery&Itemid=191
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