KEEP IT TRUE XXI / 27.04.2018 – Lauda-Königshofen, Tauberfrankenhalle, Tag 1

4.75

Viele fragen: Warum ist das KEEP IT TRUE eigentlich das beste Festival? Wir fahren hin – und finden 18 Antworten.


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Bilder von Florian Hille


 
Nach der langen und biertreibenden Anfahrt gibt’s erst mal einen ausgedehnten Schnack mit alten Bekannten. Die Nacht wird kurz und bei Streckers Anblick am nächsten Morgen entfährt einer Besucherin schlicht ein alles sagendes „Oh!“


Neu: Die Karten für das Folgejahr (bis jetzt bestätigt: CULPRIT, CITIES, SOLSTICE, JUGGERNAUT, SAVAGE MASTER, TEXAS METAL LEGION, SATAN) werden jetzt in einem separaten Zelt verkauft. Prinzipiell gute Idee, nur dauert die Prozedur in unserem Fall exakt zwei Stunden, die Schlange ist ca. 200 Meter lang. Egal, denn wir stehen in der Sonne und trinken Bier, was wir sonst halt am Auto gemacht hätten. Beim Anstehen holen wir uns peu a peu schon mal die Eintrittsbänder und die Karten zum bargeldlosen Bezahlen („KEEP IT CASHLESS“). Eine eindeutig gute Neuerung ist die Auslagerung und Erweiterung der Fressstände nach draußen. Ich hole mir zwar nur einmal Pommes, aber dadurch stinkt es drinnen nicht mehr nach Frittenfett und Pups. Obwohl ich diesen Geruch auch irgendwie mochte und ihn wohl auf immer mit dem KIT verbinden werde. Das System der bargeldlosen Bezahlung ist dagegen schlicht …egal, weder besser als schlechter als vorher. Anyway, es bleibt nach der erfolgreichen Kartenbeute noch kurz Zeit für einen Gang auf den Metal Market und dann geht der Wahnsinn auch schon los.  
 

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STÄLKER, ich habe übrigens einen, rasieren erst mal alles weg. Yeah, die Speed Metaller aus Neuseeland erfüllen alle Versprechen, die sie auf der „Satanic Panic“-7“ und dem „Shadow Of The Sword“-Album gemacht haben. Die (Roto-)Drums donnern dir die Rübe weg, die Kreischer sitzen infernalisch und Riffs sowie Bassläufe wetzen um die Wette, bis der Schwindel einsetzt. Eine Mischung aus RAZOR, EXCITER und AGENT STEEL, die in ähnlicher Form natürlich jüngst auch von RANGER und EVIL INVADERS zelebriert wird. Aber das macht die Sache ja nicht schlechter, zumal STÄLKER wirklich durchgehend starke Songs haben, die sie bei hervorragendem Sound (wer dieses Jahr in der Beziehung etwas zu meckern hat, verfolgt die Konzerte wahrscheinlich von der Toilette aus) auch live top delivern. Neben eigenen Krachern wie „Shocked To Death“, „Total Annihilation“ oder „Behold The Beast“ rotzen STÄLKER noch ein gelungenes DEATH-Cover (“Evil Dead“) aus den Boxen. Im Vergleich zu den ja schon erwähnten EVIL INVADERS könnte allerdings noch ein wenig mehr Bühnenaction passieren. Dennoch sehr starker Opener!


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TAIST OF IRON, ich gebe es zu, sind für mich heute der blind spot im Billing, das 1984er Album „Resurrection“ ist mir unbekannt. Diesen Umstand ändere ich noch am selben Tag, markieren die Amerikaner*innen doch tatsächlich DIE Überraschung des ersten Tages. Ein paar Reihen vor uns reckt jemand begeistert mit pumpenden Bewegungen das Cover der Platte gen Bühne, und zwar den gesamten Auftritt lang. Wer ist hier denn so bekloppt? Natürlich Speed Pete aus Berlin, alles gut, der darf das. Und er dreht mit Recht derart manisch ab, denn TAIST OF IRON klingen zeitlos frisch, kredenzen Heavy Metal mit harscher Atmosphäre und herrlichem Gesang von Frontröhre Lorraine Gill. Ein Idiot vor mir äußert sich doch tatsächlich dahingehend, dass die Sängerin nicht mehr „so heiß wie früher“ aussehe. Stirb doch, du Pisser! Nee, Lorraine überzeugt auf ganzer Linie, hat ‘ne Superstimme und tanzt cool über die Bühne. Der Gitarrist Bill Wylum, übrigens blind (!), zockt hart geile Sachen, die mir zusätzlich Gänsehaut auf den Body zaubern. Hammer!

 
Manchmal hat man Glück: ALIEN FORCE packen gerade ein paar Exemplare ihres „Hell And High Water“-Albums an den Merch, als ich dort gerade vorbeischlumbumbere. Natürlich greife ich zu und wenig später ist das Biest auch ausverkauft. Die hemmungslosen Dänen stecken mit ihrer Spielfreude sofort die ganze Halle an. Die Songs sind dem KIT-Mob erstaunlich gut vertraut und so singen viele zu den wunderbaren Gesangsmelodien von „Night Of Glory“, „Pain And Pleasure“, „Time Is Out“, „Nervous“ oder „Hell And High Water“ mit. Ebenso erstaunlich wie die Textsicherheit des Publikums ist das fitte Zusammenspiel der Band. Immerhin stammen die einzigen beiden Alben von 1985 und 1986, aber ALIEN FORCE wirken mitnichten eingerostet, sondern quicklebendig. Hervorheben möchte ich besonders die Stimme von Peter Svale Andersen.


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Die Gerüchte sind wahr: HÜRLEMENT- und EVIL ONE-Sänger Alexis wohnt tatsächlich mittlerweile in Kiel. Gesehen habe ich ihn zwar noch nie auffer Straße oder auf einem Konzert, nicht mal bei Aldi, aber dann hat er halt andere Hobbys, denn die Sache bestätigt sich zweifelsfrei. Und heute steht er zusammen mit einem anderen Sänger namens Olivier Del Galle bei BLASPHÈME auf der Bühne. Beide teilen sich seit 2013 den Gesang bei der französischen Legende. Das funktioniert ausgesprochen gut, was bei zwei Sängern ja nicht immer der Fall ist. Die beiden Stimmen ergänzen sich gut und decken von kraftvoll-melodiösem Gesang bis hin zu High-Pitch-Screams ein beeindruckendes Spektrum ab. Los geht es gleich mit einem Klassiker, nämlich „Desir De Vampir“, und das Ding fährt fauchend und stampfend durch unsere Gehörgänge. Wow, eine solche Power hatte ich von BLASPHÈME nicht erwartet. Mit „Territoire Des Hommes“, „Au Nom Des Morts“, „Vengeance Barbare“ oder „Vive Libre“ folgen weitere 80er-Franzosenmetal-Klassiker. Mmmmh, c’est bon!


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SIREN, für die ich seit den ersten Demos eine große Liebe hege, sind zurück und ein alter Kieler Bekannter (Frank) hatte mich heute Morgen netterweise mit der Band bekannt gemacht. Ich verkacke zwar, indem ich den Schlagzeuger mit dem Sänger verwechsle, aber viel wichtiger ist: SIREN klingen richtig gut! Ich war vor allem auf Doug Lees Stimme gespannt, mit der das Material nun mal steht und/oder fällt. Und unfasslicherweise klingt der Mann exakt wie früher! Das ist schon genial, wenn so eine charismatische Stimme über dreißig Jahre nach „No Place Like Home“ ihre Magie komplett behält. Bin ich eigentlich der einzige, der auch das zweite Album „Financial Suicide“ mag? Das Ding wird jedenfalls komplett ignoriert, wenn ich mich nicht irre, dafür aber fast alles vom Debut gezockt. Auch gut! Denn wer kann sich der zeitlosen Eleganz von Großtaten wie „Black Death“, „Over The Rainbow“, „So Far To Go“, „The Mine“, „Terrible Swift Sword“ oder „Iron Coffins“ entziehen? Ich nicht, du nicht, höchstens Karl Arsch! Obendruff gibt’s noch „Metro-Mercenary“ von der ersten Single, „Dead Of Night“ und „Slice Of Hate“ vom 86er Demo sowie tatsächlich einen neuen Song namens „Tornado Of Blood“! Der ist richtig gut und auf der sehr empfehlenswerten Anthology-Dreier-LP "Up From the Depths: Early Anthology & More" (Underground Power) enthalten. Begeisterung, Schnappatmung, Bierdurst!  


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Vergleicht man die Entwicklung des HEADBANGER’S OPEN AIR mit der des KIT, so entdeckt man (mindestens) eine Parallele: Hatten in der Frühphase dieser Festivals jeweils ausschließlich auf die Musik fixierte Fanatiker zu den Besucher*innen gezählt, so ist mittlerweile ein nicht zu unterschätzender Anteil an Partyvolk dabei. Früher war nach dem letzten Konzert auffem HOA komplett Schicht, kein Laut, nirgends. Mittlerweile tobt die Party rund um die Uhr. Das hat sicherlich mit einer gewissen Verjüngung der Zielgruppe zu tun, aber ich sehe auch an diesem Wochenende eine ganze Reihe an gestandenen Freaks, die im Grunde das gesamte Festival draußen am Bierzelt verbringen. Ich will das gar nicht unbedingt bewerten, aber etwas seltsam ist es doch schon. Welcher Maniac verpasst SIREN, nur weil das Wetter gut ist?


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GRIM REAPER erregen natürlich großes Interesse und erzielen letztlich auch die bis jetzt beste Stimmung des Tages. Kein Mensch kann sich eine Situation hineinversetzen, wie Steve Grimmett sie durchleben musste. Würde ich mich nach einer Beinamputation wieder auf die Bühne trauen oder mich stattdessen eher komplett zurückziehen? Der Kerl ist ein Fighter, dessen positive Einstellung inspirierend ist. Mal zieht er den Gig im Rollstuhl durch, mal springt er auf und schmettert auf einen Gehstock gestützt. Zunächst klingt seine Stimme noch etwas belegt und leicht heiser, was mir aber auch schon gut gefällt. Doch mit jedem Stück singt sich Grimmett zusehends besser ein, bis er schlicht brillant klingt und auch eine DIO-Coverversion („Don’t Talk To Strangers“) mühelos stemmt. Noch geiler gerät aber DER GRIM-REAPER-Song „See You In Hell“, den das Publikum in bester KIT-Tradition derart laut mitschmettert, dass das Restfestival fast zum Open Air geworden wäre. Bierbecher fliegen, Fäuste werden gereckt, Köpfe gebangt.


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Schon mal einen schwachen RAVEN-Auftritt gesehen? Ich auch nicht. Das Trio muss zunächst etwas kämpfen, um die nach GRIM REAPER verbrauchte Luft aufsaugen und durch ständiges Powern durch Frischluft ersetzen zu können. Mit einer Klassiker-Show aus den drei Alben „Rock Until You Drop“, „Wiped Out“ und „All For One“ gelingt dies, zumal Mark und John Gallagher wild abgehen, über die Bühne rennen, Bass und Gitarre aneinander schreddern. John kreischt dabei über sein Headmike die Hütte zusammen – „Take Control“, „Hell Patrol“, „All For One“, „Hung, Drawn And Quartered“, „Rock Until You Drop“, „Fire Power“, “Faster Than The Speed Of Light”, “Hard Ride”, “Mind Over Metal”, “Don’t Need Your Money” und “Break The Chain” bilden ein wahres NWoBHM-Feuerwerk (das erste Feuerwerk, zu dem ich nicht “Bier statt Böller” sage). Dann kommt auch noch Steve Grimmett auf die Bühne zurück und gibt für „Born To Be Wild“ sozusagen den Dirkschneider. Mit „Rock Bottom“, einem angespielten „It’s A Long Way To The Top (If You Wanna Rock’n’Roll)” und dem finalen “Crash Bang Wallop” findet eine Tour de Force ihr Ende. Ich bin begeistert. Bleibt nur die Sorge um Joe Hasselvander, der aus gesundheitlichen Gründen weiterhin pausiert und heute wieder kompetent von Mike Heller vertreten wird.


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Auch FLOTSAM & JETSAM haben sich zu einer speziellen Old School Show beschwatzen lassen. Ich habe an diesem Konzept zwar generell einiges zu kritisieren – hier klappt das allerdings, und wie! Man kann FLOTSAM & JETSAM klar als besteingespielte Band des Tages bezeichnen und dieser Auftritt gerät zum Totalabräumer. Die Menge brodelt regelrecht, als die Flots sie mit ihren Melodic Thrash-Salven eindecken. Nach dem Opener „No Place For Disgrace“ folgt das komplette „Doomsday“-Album, dessen Songs in chronologischer Reihenfolge gespielt werden. Sowas kann langweilig werden, weil es vorhersehbar ist. Aber die Platte ist so gut aufgebaut, dass sie auch live am Stück gut funktioniert. Das Stück „U.L.S.W.“ spielen FLOTSAM & JETSAM heute zum ersten Mal live, es geht den abgebrühten Zockern so locker von der Hand, als wäre es schon immer im Set. Beim „Führer“ haben FLOTSAM früher auf der ersten Tour und auffem Aardshoktag Hakenkreuzfahnen verbrannt, was ich damals super fand. Das Ding wird aber auch ohne diese schöne Geste von keinem falsch verstanden, wozu aber auch nur das im Refrain geshoutetete „Zeig heil! All heil!“ Anlass geben könnte, welches im Text klar durch Wertungen wie „Dictator-monster, deceiving“, „world beware“ oder „hope he’ll never lives again“ kontrastiert wird. Ergänzt wird die Chose noch durch „Flotzilla“, „Dreams Of Death“ sowie „I Live, You Die“ und fertig ist eine der besten Flotsam-Shows, die ich je gesehen habe, wie immer überragend gesungen von Eric A.K.


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Dass Dave Hill noch einmal die Dämonenmaske vom „Unexpected Guest“-Album hervorholen würde, hätte er wohl selber bis vor kurzer Zeit nicht gedacht. Ich finde, dass diese „okkulte“ Show besser als erwartet zur Band und diesem speziellen „Early albums“-Set passt. Musikalisch merkt man allerdings, dass die Band bei einigen selten gespielten Songs weniger sicher agiert. Aber Dave Hill ist super bei Stimme und kann letztendlich voll überzeugen, egal ob mit der Maske, der frisch geschorenen Mephisto-Glatze oder im kuriosen „Father Of Time“-Outfit als goldgelockter Perückengott. 16 Songs umfasst die DEMON-Setlist, deren neuester Song von 1987 stammt („Life On The Wire“ – super). Das Publikum bleibt gut gelaunt und singt vor allem bei den Gassenhauern „Don’t Break The Circle“ und „One Helluva Night“ amtlich mit. Allerdings kann die Stimmung von den direkten drei Vorgängerbands nicht mehr ganz erreicht werden. In der Beziehung hat es aber jede Band schwer, die auf einem derart gut besetzten Festival an letzter Position spielen muss. Keine Band war schlecht heute! Nun sind wir gespannt auf den morgigen Tag, der mit EXORDER und HEAVY LOAD zwei gigantische Löcher in meiner Konzertvita stopfen wird… TBC…


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Eingereicht von Philipp

Kommentare   

 
+1 #1 Philipp 2018-05-15 20:18
Bilder von Florian Hille werden folgen.
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0 #2 Philipp 2018-05-19 18:15
Jetzt mit Bildern von Florian Hille. Danke!
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