ANVIL, NEONFLY, GREY ATTACK / 05.04.2018 – Hamburg, Markthalle

Was ANVIL so sympathisch macht, ist unter anderem ihre sture Haltung: Die ziehen das Rock’n’Roll-Ding wirklich ohne Plan b durch. Und das wohlgemerkt auf einem Level, das ihnen ganz sicher kein komfortables Leben oder gar die Aussicht, es sich später auf dem von Plattenverkäufen gegönnten Schlösschen bequem zu machen, ermöglicht. Nein, für Lips und Co. wird es keine Rente geben, das ist hier kein Spruch, die werden zocken, bis sie umfallen. Von daher ist es für mich selbstverständlich, jedes Album der Kanadier zu kaufen und möglichst jede Show zu besuchen! Heute werden wir Zeuge eines der besten Konzerte, welches ich in den letzten Jahrzehnten von ihnen gesehen habe!


Bilder von Jan ML folgen...  
 
GREY ATTACK eröffnen vor überschaubarer Kulisse. Die Aachener scheinen ein gutes Händchen füs Booking zu haben, konnten sie doch bereits 2016 für LOUDNESS eröffnen und 2017 für Y&T sowie Q5. Natürlich kann die Qualität der genannten Bands zu keiner Zeit erreicht werden. Aber GREY ATTACK wirken motiviert, spielen tight und dem Gitarristen Grey Charlez kann man zudem eine gute Gesangsleistung attestieren. Mir persönlich ist das Songwriting allerdings zu spanungsarm. Für eine mitreißende oder nachhaltigere Wirkung müssten dann auch stärkere Gesangslinien, wenigstens ab und zu etwas Tempo und größere Refrains her.
 

Deutlich spitziger agieren NEONFLY aus London. In England geht echt wieder was in Sachen traditioneller Metal, und NEONFLY unterstreichen diese Entwicklung. Die Musiker präsentieren sich agil – gerade Sänger Willy Norton hat die Hummeln im Arsch, flitzt von einer Bühnenseite zur anderen, springt in den Graben, klettert auf die Boxentürme und divt ins Publikum. Hilfreich dabei: Der Kollege hat eine amtliche Sirenenstimme und trifft trotz dieses Laufpensums jeden Ton. Man merkt förmlich, dass die Band im Gedächtnis bleiben will und dafür diverse Überraschungen in den Bühnenablauf einbaut – so werfen sich alle Bandmitglieder bei einem bestimmten Part zu Boden und springen danach wieder auf. Auch die Ansagen sind amüsant und wortwitzig. Optisch haben sich NEONFLY für leicht an MAIDEN erinnernde Maya-Backdrops entschieden, dazu trägt einer der Gitarristen auch so’n Gelöt auf den Schultern. Richtig guter Opener, der dafür überdurchschnittlich viel Applaus und lang anhaltende Zugabe-Rufe einfährt!

 
ANVIL legen einen furiosen Start hin. Lips begibt sich wie auf der letzten Tour für den ersten Song „March Of The Crabs“ einfach mitten ins Publikum, schreddert los und schreit in seine Pick-Ups. Herrlich! Das erzeugt natürlich großes Hallo – schnell bildet sich eine Traube um den Chef und alle möglichen Aufnahmegeräte filmen mit. Zum nahtlosen Übergang mit „666“ hüpft Lips wieder auf die Bühne und begibt sich an sein Mikro. Danach bricht ein Jubel los, der zeigt, dass die Band die Leute bereits jetzt im Sack hat. Lips grinst über beide Backen, reibt sich die Arme und meint, dass er jetzt schon wisse, dass das ein spezieller Abend werde: „I’ve got goosebumps all over!“ Und er behält Recht! Auch wenn man ANVIL schon häufig gesehen hat, gerät die heutige Show besonders mitreißend. Robb Reiner spielt exzellent und klingt (wie der gesamte Mix) auch super. Der Aufbau der Markthalle ermöglicht es, dem Meister gut zugucken zu können. So sieht man, wie er die Sticks hält, nämlich eher wie ein Swing-/Jazz-Schlagzeuger entspannt zwischen den Fingern. Auf den letzten Alben bewegt sich das Drumming für meinen Geschmack zu sehr in einer Art Komfortzone, aber live demonstriert Reiner heute wieder mal sein ganzes Können. Und Lips ist in Erzähllaune, haut zwischen den Songs eine Anekdote nach der anderen raus. Normalerweise ruft sowas ja immer irgendwelche „Stop talking, play!“-Zwischenrufer auf den Plan, aber Lips erzählt einfach zu witzig, als dass es nicht jede*r Anwesende genießen würde. Über seine ersten Erfahrungen mit Rock’n’Roll (dabei Elvis und Chuck Berry mimisch/stimmlich nachahmend), Konflikte mit seinen Eltern, das Älterwerden („Hey, I’m 62 now. You can’t avoid growing old, but growing up? Not for me, baby!”) und am besten wohl über eine Zechorgie mit Lemmy, die 24 Stunden gedauert habe. Dazu dieses Gesicht und diese in ein strahlendes, euphorisches Lächeln getauchte Mimik! Heute gibt es eine im Vergleich zur letzten Tour schön durchgeschüttelte Setlist, die zum Beispiel Klassiker wie „Ooh Baby“ (Hammer!), „Winged Assassins“, „Free As The Wind“, „Mothra“ (inklusive Vibrator-Show, logisch) und natürlich „Metal On Metal“ enthält. Von den neueren Stücken überzeugen mich besonders das Instrumental „Swing Thing“, das schiebende „This Is Thirteen“, „Running“ und „Bitch In A Box“. Bei letzterem Titel kommt eine Gastsängerin auf die Bühne, die den Background/Chrous wohl auch im Studio eingesungen hat. Die Interaktion zwischen Lips, Robb Reiner und Chris Robertson wirkt sehr harmonisch – immer wieder rennen der Bassist und Lips aufeinander zu oder voreinander weg, strahlen dabei eine immense Spielfreude aus. Ich bin sicher, dass dieser Auftritt wirklich jede*n mit einem fetten Grinsen aus der Halle gehen lassen hat! 
 

POUNDING THE PAVEMENT!
Eingereicht von Philipp

Kommentare   

 
+1 #1 Steven Frame 2018-04-09 22:28
Habe diese Anvil-Doku hier stehen. Fand ich seinerzeit sehr berührend anzuschauen. Sollte ich wohl mal wieder rausholen. Die Musik ist mir, glaube ich, etwas zu old school, wobei ich ja durchaus alten Kram höre.
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