HELL OVER HAMMABURG VI / 10.03.2018 – Hamburg, Markthalle, Tag 2

Heute soll es also richtig losgehen! Schon beim Aufstehen ist der Metal Hunger da, den PRIEST bereits 1984 besungen haben („We'll rise inside ya till the power splits your head / We're gonna rock ya till your metal hunger's fed…“). Pünktlich zu kommen ist heute übrigens ebenfalls „Heavy Duty“, denn als erste Band stehen die Spanier THE WIZARDS auf dem Billing, deren Debut ein Heavyrock-Kracher erster Güte ist. Let’s move it!


Fotos von Jan ML folgen...


Wir schaffen es dann auch tatsächlich rechtzeitig – und sind beileibe nicht die einzigen! Im Gegenteil, die große Markthalle ist zum Showstart der WIZARDS bereits super gefüllt und man spürt, dass die Leute Bock haben. Die Basken zeigen dann auch ganz schnell, dass sie das Versprechen, welches sie auf „Full Moon In Scorpio“ geben, live voll einlösen können. Ein Versprechen auf heißen Rock’n’Roll, Metal Magie und euphorisierende Refrains! Die Platte war in Deutschland gar nicht so einfach zu bekommen, ich habe sie mir extra direkt aus Spanien bestellt. Und doch kennt fast jede*r Anwesende offenbar die Songs auswendig, denn es wird amtlich mitgeschmettert. Sind halt alles Musikverrückte hier. Erfreulicherweise kommt der Gitarrensound richtig schneidig und besitzt wie auf Platte eine deutliche Metalkante. Sänger Ian Mason hängt sich voll rein und stemmt die Gesangslinien mit Herz, Gefühl und Seele. Ich sehe ihn übrigens stimmlich gar nicht so nah an Glenn Danzig, höre da eher Ian Gillan mit mehr Bluesrotz auf den Stimmbändern. Und im Gesamtsound meine ich Referenzen zu BLUE ÖYSTER CULT und frühen PENTAGRAM heraushören zu können. Fakt ist, dass THE WIZARDS auf mitreißende Weise rocken und den Mob mit „Curse Of Hecate“, „Stardust“ oder „Halftones To Eternity“ nachhaltig durchschütteln. Die Performance ist für so eine junge Band erstaunlich sicher, gleichzeitig enthusiastisch. Gelassen wämst der Bassist weiter, als ein BH auf die Bühne flattert und sich an einem Nupsie des Korpus verheddert. Sehr, sehr geil!

 
Gleich rüber ins Marx, wo bereits recht viele Leute auf MAGGOT HEART warten. Ich hatte neulich das Glück, die Band bereits bei mir um die Ecke in Kiel live sehen zu können. Es handelte sich ursprünglich um Linnéa Olssons (THE OATH, BEASTMILK, GRAVE PLEASURES) One-Woman-Operation, welche auf der Bühne aber mittlerweile sehr wie eine natürlich gewachsene Band wirkt. Pumpende Beats, simpel gehaltene Riffs und eine eindringliche Stimme zwischen Wut und Melancholie prägen die Songs. Der gelungen abgemischte Sound bringt die Facetten des düsteren Post Punk hervor und so sieht man nach wenigen Songs den halben Laden im Takt nicken. Da ich mir auf dem erwähnten Konzert vor drei Wochen die Debut-EP „City Girls“ geholt habe, bin ich mit den vier dreckigen Songperlen „“City Girls“, „Razorhead“, „No Light In You“ sowie „Neuromancer“ bereits vertraut und genieße die Darbietung sehr. Die Texte scheinen einen näheren Blick wert zu sein, es geht u.a. offenbar um seltsame Frauen und Messer... „What’s inside your maggot heart?“

 
Auf SPELL hatte ich bewusst verzichtet, weil sie morgen in Kiel spielen – zusammen mit SAVAGE MASTER. Aber immerhin bekomme ich nach MAGGOT HEART noch den allerletzten Song der Kanadier mit. Geil ist schon mal das Bühnen-Set-Up komplett mit Ommas Wohnzimmerlampe und einem Opferaltar samt entzündeten Kerzen. Hypnotizing Heavy Metal, der mich eigentlich bereits in diesem einen gehörten Song mit manischen high pitched Vocals und schön warmem Gitarrensound im Sack hat. „Possessed by Heavy Metal“ heißt dieser völlig nachvollziehbar betitelte Song und witzigerweise spielen sie genau diesen am nächsten Abend in Kiel später nicht (dafür aber eine Coverversion von BLACK SABBATHs „Evil Woman“). Alles richtig gemacht! 
 

Zeit für eins der absoluten Highlights! Noch jetzt, wenn ich diese Zeilen schreibe, bekomme ich eine Gänsehaut bei der bloßen Erinnerung. Was für eine Sängerin! In Cargohosen und Turnschuhen geht Tania Leontiou auf die Bühne – wer SO eine Stimme hat, braucht halt kein anti-kosmisches Image. Die Griech*innen zelebrieren schwermütigen Doom Metal, welcher es Leontiou erlaubt, sich stimmlich voll zu entfalten. Anklagend, leidend, ja schimpfend fällt ihr Vortrag aus und berührt die Hörer augenscheinlich tief. Markerschütternde Schreie bilden den Kontrapunkt zu ruhigen und geradezu sanften Momenten. Man mag darüber streiten, ob UNIVERSE217 reinen Doom spielen oder nicht doch eigentlich einen etwas experimentelleren Ansatz verfolgen. Aber das ist im Grunde egal – die Band ist unfassbar heavy und dazu in der Lage, während des Spielens zu variieren und zu jammen. Ich habe mal ein Interview mit Leontiou gelesen, in dem sie erzählt, dass sie eigentlich nie zweimal denselben Text singt, sondern diese beim Singen stetig abwandelt. (Muss ich meiner Band mal so verkaufen, wenn ich wieder mal einen Text vergessen habe…) Angesichts des monströsen Jams, in den die Band nach fünf Stücken einsteigt, gibt es in der voll besetzten Markthalle kein Halten mehr. Pure Begeisterung!

 
Verdammt schwierige Entscheidung: OLD MOTHER HELL oder doch E-FORCE mit Eric Forrest, die immerhin VOIVOD-Songs aus seiner Zeit bei der Legende spielen? Erst ganz kurz vorher folge ich einem unbestimmten inneren Impuls und gehe ins Marx zu OLD MOTHER HELL. Und das ist genau richtig so! Völlig aus dem Nichts kam dieser Impuls natürlich nicht, hatte ich doch das Interview im aktuellen DEAF FOREVER gelesen. War da nicht von SOLITUDE AETURNUS, ATLANTEAN KODEX, ARGUS und SOLSTICE als Referenzen die Rede? Und verdammte Axt – das kann man tatsächlich so stehen lassen. OLD MOTHER HELL überzeugen auf Anhieb mit erfrischend eingängigen Songs, welche das Trio mit bodenständiger Attitüde zockt. Sänger/Gitarrist Bernd kann echt als der Blackie Lawless des Epic Power Doom durchgehen, allerdings kommt bei OLD MOTHER HELL ganz unzweifelhaft nichts aus der Dose… Kein Wunder, dass hier bereits das geschmackssichere Label CRUZ DEL SUR zugeschlagen hat. Songs wie „Kneel To No God“, „Mountain“ oder „Narcotic Overthrow“ bringen das Marx zum Kochen. On top kommen noch Textzeilen wie “Don’t fall for simple answers / Stop pushing ‘round the weak / There is no master race / Everyone is unique” (aus “Another War”). Danke!


Nun aber schnell einen Platz gesichert! SOLSTICE haben heute eine ganze Menge Fans in der Hütte – ihr Merchstand ist noch vor dem Auftritt komplett leergekauft. Die Jungs haben in der Hinsicht aber auch eine echte Punk-Einstellung und bieten ihren Kram zu BOLT-THROWER-Preisen an. Jede*r fühlt, dass mit dem kommenden Album „White Horse Hill“ ein ganz dicker Zossen auf uns zukommt. SOLSTICE beginnen mit dem gleichnamigen Song – herrlich ruhiger Anfang, epische Steigerung mit machtvollen Riffs und dann dieser Refrain! Die proppevolle Markthalle geht hart mit und lässt sich auch von einem abrauchenden Amp Rick Walkers nicht irritieren. Flugs wird das Ding ausgetauscht und weiter geht’s. Die Menge singt wirklich jeden Song lauthals mit, was sich die UK-Doomer aber auch verdient haben, die sich seit 28 Jahren durch den Underground wühlen. Paul Kearns mag nicht der variationsreichste Sänger der Welt sein, aber seine Stimme passt gut zu den Songs und er wird stetig besser. „Death’s Crown Is Victory“, „The Sleeping Tyrant“, „To Sol A Thane“ oder “Cimmerian Codex” stampfen mit Urgewalt, schmecken nach Erde und wecken schier unstillbaren Bierdurst. Immer wieder!

 
Das TRAVELIN-JACK-Publikum strömt heraus (hätte ich auch gerne gesehen, aber SOLSTICE gingen fraglos vor), die VISIGOTH-Addicts warten bereits mit leuchtenden Augen. Auch ich begebe mich lieber 20 Minuten vor Beginn ins Marx, um nicht Gefahr zu laufen, später nicht mehr hineinzukommen. Die Auftritte auf dem KEEP IT TRUE und dem METAL ASSAULT waren so gut, dass ich sogar VENENUM dafür sausen lasse. Was dann folgt, ist wohl der derbste Abriss und die euphorischste Stimmung des Festivals! Die Band deckt uns mit einem schieren Stahlgewitter zu und Jake Rogers singt wie bei den anderen erwähnten Auftritten, als ginge es um sein Leben. Alle Arme gehen nach oben und ich glaube, dass hier tatsächlich keine*r im Marx ist, der nicht begeistert die Refrains mitbrüllt. Immer wieder feuert Jake Rogers den Mob mit eingestreuten „Uh’s“ an, bewegt sich dabei wie eine Mischung aus dem jungen Bruce Dickinson und dem jungen Rob Halford. Sympathisch ist der Kerl auch noch, wenn er nach den tobenden Reaktionen zu „Traitor’s Gate“ begeistert lachen muss und erklärt: „Thank you so much! For an american Heavy Metal Band this is a dream come true!” Die beiden Platten sind super, aber live sind VISIGOTH nochmal ein ganzes Stück besser. „Dungeon Master“, „Steel And Silver“, „Outlive Them All“, „Hammerforged“, „Warrior Queen“, „Blood Sacrifice“ und „The Revenant King“ heißen die weiteren Stationen dieses Höllenritts, aber das Publikum zwingt die Band zu einer Zugabe, die mit „Iron Brotherhood“ gewährt wird. Gigantisch!   

 
„From darkness grows light, from ashes a fire / To conquer the cold / The rites of Yuletide defying the times / The virgin-born child / SOL SOL INVICTUS!” Boah, das ist mal ein schöner Anblick, wie die ausverkaufte Markthalle hier feiert und geschlossen mitsingt. Es muss bei einer der drei letzten Bands oder bei der Kombination SOLSTICE-VISIGOTH-ATLANTEAN KODEX gewesen sein, als ich meine Stimme verliere und nahezu komplett heiser bin. Erst später realisiere ich, dass es sich bei den beiden Bands, die hier triumphal abräumen, ja um eigentlich noch recht junge Bands handelt. Die Zukunft des Heavy Metal sieht dann doch ganz gut aus… Ohne großes Gewese, überhaupt ohne Showeffekte spielen ATLANTEAN KODEX ihre Songs. Es ist nicht alles fehlerfrei oder gar perfekt dargeboten (Soli, manche hohe Gesangspassagen), aber DIE MAGIE ist voll da. Mit „Lion Of Chaldaea“ wird ein neuer Song zum ersten Mal live vorgestellt (Sänger Markus Becker: „Der Trummer sagt, ich solle folgende Ansage machen: Time to switch off your fucking smartphones, this is a new song!“), der mir auf Anhieb gefällt und auf den ersten Hör alle relevanten KODEX-Trademarks besitzt. Was bei „Twelve Stars And An Azure Gown“ abgeht, ist mit Worten nicht zu beschreiben. Eigentlich müsste das den absoluten Höhepunkt der Show markieren… Aber danach kommt noch ein Moment für die Ewigkeit: VISIGOTH-Sänger Jake Rogers steht bereits das ganze Konzert über am Bühnenrand und hat jedes Wort mitgesungen, als ihn die Band auf die Bühne holt und „The Atlantean Kodex“ von beiden Sängern im Duett geballert wird. Annihilation complete.   

 
Das war doch mal wat. Ich hab nichts zu meckern und freue mich aufs nächste Mal. Für 2019 bereits angekündigt: PROFESSOR BLACK, GATEKEEPER, THE NEPTUNE POWER FEDERATION und SANHEDRIN.
Eingereicht von Philipp

Kommentare   

 
+3 #1 Gordon Overkill 2018-03-22 20:36
Sensationeller Tag! Richtig geiles Review! Ich stimm hier so ziemlich in allen Einschätzungen mit dir überein :)
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+2 #2 Philipp 2018-03-22 21:13
Das finde ich immer sehr interessant. Ich habe zum Beispiel mit Leuten gesprochen, die weder mit SOLSTICE noch mit ATLANTEAN KODEX etwas anfangen konnten. :-?
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