HELL OVER HAMMABURG VI / 09.03.2018 – Hamburg, Markthalle, Tag 1

4.85

Mittlerweile ist es wohl Konsens, dass das HELL OVER HAMMABURG eines der qualitativ besten Festivals in Deutschland darstellt. Das Billing ist nun schon zum sechsten Mal in Folge geschmackssicher zusammengestellt, die Markthalle kann als perfekte Location bezeichnet werden, in Sachen Sensationsgehalt wird es nur vom KEEP IT TRUE übertroffen. Man könnte sich höchstens darüber streiten, ob HEADBANGERS OPEN AIR, HAMMER OF DOOM, DETZE und METAL ASSAULT gleichauf oder knapp dahinter liegen. Mit Spannung erwarten wir vor allem die Bühnenrückkehr von MASTER’S HAMMER, die wir bisher noch nie live sehen konnten, den Doom-Trip mit UNIVERSE217 (ebenfalls ein Debut für mich), Bewährtes mit ATLANTEAN KODEX, SAVAGE MASTER, SOLSTICE, DIAMOND HEAD und VISIGOTH und die Gigs von vielversprechenden Newcomern wie THE WIZARDS, DEAD KOSMONAUT und TRAVELIN JACK. Es treten sogar Combos auf, die unserer Reisegruppe noch unbekannt oder nur vom Namen her bekannt sind, z.B. GEVURAH, SPELL, OLD MOTHER HELL, THE FOG oder ULTHA. Sehr reizvolle Mischung also, sowohl von der Stilmischung als auch von der Kombination aus Newcomern, alten Recken und allem, was so dazwischen liegt.


Bilder von Jan ML folgen...


Wir schaffen es sogar pünktlich zur ersten Band vor Ort zu sein. Ist an einem Freitag ja auch nicht selbstverständlich. Ich mag es ja besonders, wenn ich nicht zwischen mehreren Bühnen hin- und her rennen muss. Der Gedanke an die morgigen Überschneidungen von VISIGOTH und VENENUM sowie TRAVELIN JACK und SOLSTICE jagt mir jetzt schon Schweißperlen auf die Stirn. GEVURAH sind aus Kanada angereist und feiern heute ihren ersten Europaauftritt. Ein langes Intro ertönt, in aller Ruhe werden Kerzen erleuchtet. Eile mit Weile. Ich fühle mich schon in eine gechillte Atmosphäre versetzt, als der Drummer X.T. mit einem langsamen Beat beginnt. Diesen Stil pflegt er bereits bei seiner Stammband CAUCHEMAR, aber GEVURAH sind dann insgesamt doch eher dem Black Metal zuzuordnen. Gleich geht es auch in harschere Gefilde der Raserei. Dissonante Attacken, fiese Blastbeats, aber selten länger in orthodoxem Gehacke verweilend, sondern immer wieder auf experimentellen Pfaden wandernd, die sich in Ambient-Sounds und über neunminütigen Mahlstrom-Rifforgien manifestieren. Die tiefen Vocals drücken mal Pein, mal blanke Wut aus. Ein dicker, schwer verdaulicher Brocken, der uns hier gleich zu Beginn serviert wird.

 
Mit DEAD KOSMONAUT ereilt uns dann die erste Überraschung des Festivals. Ich wusste eigentlich nur, dass Per „Hellbutcher“ Gustavsson, einer der NIFELHEIM-Brüder, hier singt und dass die Schweden Hardrock/Heavy Metal mit 70er/80er-Vibes spielen. Von daher gleicht es einem Schock, den mein Gehirn erst mal verarbeiten muss, dass Hellbutcher völlig ohne zentimeterdicke Kajalringe um die Glotzies und seine geliebten Nieten & Spikes auf der Bühne steht. Und: Der Kerl singt richtig klar, besitzt ein voluminöses, wohlklingendes Organ. Die Bandmitglieder lieben ihren Scheiß ganz offensichtlich und haben die Faves ihrer Plattensammlungen miteinander verschmolzen, nämlich Doom, Hardrock und Classic Rock. Das ist mal richtig super gemacht und reißt die jetzt schon volle Markthalle dermaßen mit, dass es zu anfeuernden Chören kommt. Herrlich! Mit einem sehr gelungenen Cover von MAIDENs „Killers“ spielt man sich endgültig in die Herzen der Besucher*innen. Ich bin nicht sicher, ob ich den Song überhaupt schon mal live erlebt habe, von MAIDEN selbst nicht, meine ich, vielleicht von Paul Di‘Anno auf seiner KILLERS-Tour zu „Murder One“.  Das Album „Expect Nothing“ wird natürlich abgeerntet und ist SEHR zu empfehlen (als Gastsänger trällert Johan Langqvist, der Typ vom CANDLEMASS-Debutalbum)!
 

Danach gibt’s wieder was auf die Glocke: ULTHA aus Köln sind mir bisher lediglich aufgrund ihrer Vergangenheit aus Bands wie PLANKS oder GOLDUST und natürlich des „Hafenklang-Skandals“ bekannt (nach einem Festivalauftritt mit INQUISITION hatte die Hafenklang-Crew keinen Bock mehr auf ULTHA). Wie man diese Sache auch immer bewertet: ULTHA sind verdammt beeindruckend und bieten Black Metal with a difference. Ich muss ja ehrlich sagen, dass ich auf dieses Genre allein wegen der ganzen Grauzonenscheiße generell gar keine Lust mehr habe, aber Wolf findet immer wieder die zwei, drei Bands, die meilenweit aus dem Meer der stumpfen Parolendrescher und musikalischen Plattitüden herausragen. Ein dicker, basswuchtiger Sound lässt die Markthalle ächzen, es walzt, knattert und ballert. Wo sich viele Bands im Dickicht ihrer eigenen Riffs verirren, bleiben ULTHA spannenderweise recht griffig im Songwriting. Die Songs bauen sich langsam auf, besitzen epische Melodien und eine hohe Dynamik. Keyboards / Electronics setzen Kontraste zu den üblichen Stilmitteln dieses Subgenres, sogar aus dem Gesangsbereich arbeiten ULTHA durch das Nebeneinander von Growls und Screams das Maximum heraus. Mit den Schlussworten „Danke, Hafenklang!“ verabschieden sich die Kölner mit einer Provokation.  

 
SAVAGE MASTER holen sich an diesem Freitag den ersten Platz in Sachen Stimmung. Der „geil fette Guitarknecht rifft wie ein echter Kerkermeister“, diese Zeilen aus der Feder (oder ist es doch die Handytastatur?) Siggi Sicks werden mir wohl auf ewig als erstes in den Sinn kommen, wenn es um Stacey und ihre Freaks geht. Witzigerweise verstehen auch heute einige den Gesang nicht: „Die Frau kann nicht singen!“, höre ich später ein, zweimal im Mob jemanden behaupten. Nun, „singen“ ist ein dehnbarer Begriff, Stacey besitzt aber unzweifelhaft Timing und Rhythmus, trällert natürlich (zum Glück!) nicht wie eine Nightwisheule, sondern shoutet in ihrem ureigenen Timbre. „With Whips And Chains“ stampft alles zu Klump. Ich hebe meine Fäuste gen Hallendecke und schreie mir fast die Stimme weg. „Looking For A Sacrifice“, „Ready To Sin“, „The Ripper In Black“, “Death Rides The Highway” oder “Burning Leather” sind weitere Volltreffer. Solche Refrains muss man erst mal schreiben! Kult ist natürlich immer wieder die unter die Kapuze gesteckte Brille des erwähnten Guitar Knechts. Mein dritter SAVAGE MASTER-Gig, am Sonntag soll der nächste in der Alten Meierei in Kiel folgen und ich verrate hier schon mal, dass die Band hier noch als Zugabe „Swords And Tequila“ von RIOT auf der Setlist stehen hat.

 
Die nächste Band ist zwar ein alter Bekannter, dennoch folgt die nächste Riesenüberraschung! Ich muss kurz ausholen: Noch 2014 hatten DIAMOND HEAD auf dem HEADBANGERS OPEN AIR gespielt und einen höchstens guten Auftritt gespielt, da der damalige Sänger Nick Tart nicht völlig überzeugen konnte. Was ich bis jetzt nicht wusste: Noch 2014 ist mit Rasmus Bom Andersen ein neuer Sänger zur Band gestoßen. Und der Typ ist schlicht sensationell gut. 2016 gab es ein selbstbetiteltes Album, welches mir irgendwie durch die Maschen geschlüpft ist (ich kann es selbst nicht glauben und bin immer noch etwas schockiert). Der Bürgermeister gibt mir heute den Tipp, dass dieses Album unbedingt abzuernten sei, da es sich UM EINES DER BESTEN HARDROCK/METAL-ALBEN DER LETZTEN JAHRE handele. Und das stimmt! Einige der neuen Songs befinden sich heute im Set und erfreuen wirklich die Ohren. Brian Tatler hat wieder magische Riffs am Start, Andersen klingt Originalsirene Sean Harris streckenweise erstaunlich nahe. Hört euch nur mal das auch heute gezockte „Bones“ an! Ansonsten heißt es Klassikeralarm: „“Helpless“ (aaaah!), „The Prince“ (ooooh!), „Lightning To The Nations“ (eeeeh!), „It’s Electric“ (iiiih!) und eine Superversion von “Am I Evil” (uuuh!) unterstreichen, dass DIAMOND HEAD schlicht eine der wichtigsten NWoBHM-Bands waren und sind.  

 
Die Spannung steigt: Zum ersten Mal MASTER’S HAMMER (außer man hat das Glück gehabt, die Band in der Tschechischen Republik live sehen zu können)! Die Band hat ein riesiges Backdrop mit dem Cover ihres jüngsten Albums aufgehängt. Beim Betrachten dieses Alptraumgemäldes weißt du eigentlich schon, was Phase ist. Mit normalen Maßstäben ist die folgende Abfahrt nicht zu messen. BATHORY auf LSD! Vor dem etatmäßgen Schlagzeuger steht noch ein Trommeltyp, der nichts zu tun hat, als ab und zu auf seine Wannen einzudengeln, was man in dem Soundinferno eigentlich gar nicht wahrnimmt. Völlig gaga. Nie hätte ich gedacht, mal Songs von „Ritual“ und „Jilemnicky Okultista“ (so der tschechische Originaltitel) live zu hören, geschweige denn vor einer vollbesetzten Markthalle! Wobei MASTER’S HAMMER nach ihrer Pause zwischen 1996 und 2008 verdammt aktiv waren und allein fünf weitere Longplayer veröffentlicht haben. Das 2018er Werk „Fascinator“ schließt gelungen an die Wurzeln an, bietet die typische Mischung aus Black-Metal-Rasanz, orchestralem Gedöngel und (mindestens) 20% Unergründlichkeit. Leider kommen die orchestralen Elemente vom Band, aber wie sonst soll das auch gehen? Zum Glück ist Frantisek Storm voll bei Stimme und agiert mit manischer Präsenz – man hat die Band jetzt also nicht „zu spät“ gesehen. Kurios wirkt der Bassist, der unter seiner Kapuze mit wild aufgerissenen Augen in seinem eigenen Kosmos zu schweben scheint. Gegen Ende leert sich die große Markthalle dann doch etwas, aber MASTER’S HAMMER sind auch echt mal schwerverdauliche Kost. Ein Genuss!   


Weiter ASAP mit Tag ZWEI!
Eingereicht von Philipp

Kommentare   

 
+1 #1 Gordon Overkill 2018-03-16 17:57
Sehr schöner Bericht, der den starken ersten Tag noch einmal intensiv aufleben lässt! Meine Highlights waren klar Dead Kosmonaut und Master's Hammer... und ich gehöre zu diesem angesprochenen Menschenschlag, der mit Savage Master überhaupt nix anfangen kann x)
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0 #2 Philipp 2018-03-17 15:45
Vielen Dank. :-) Zweiter Tag folgt bald. Fotos von Jan sind auch in der Bearbeitung.
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