HAMMER OF DOOM XII / 17.11.2017 – Würzburg, Posthalle, Tag 1

4.255

Dieses Jahr ist ja nun wirklich nicht arm an nahezu legendären Festivals, Touren und Konzerten. So hat Oliver Weinsheimer es geschafft, den europäischen Fans zum ersten Mal CIRITH UNGOL zu präsentieren (KEEP IT TRUE), dann befanden sich MANOWAR auf (angeblicher) Abschiedstour, Udo Dirkschneider spielt zum letzten Mal ACCEPT-Songs, Hell Over Hammaburg und Headbangers Open Air waren sehr stark und so weiter und so fort. Dennoch wird das HAMMER OF DOOM noch jahrelang als eins DER Highlights 2017 diskutiert werden und garantiert seinen Weg in viele Jahreslisten finden. Drei Argumente dafür: 1) WARNING, 2) TIME LORD aka PAGAN ALTAR und 3) CIRITH UNGOL. Und das sind noch nicht mal alle Argumente!


Flyer

Bilder von Andreas Mrowczynski.

 
Doch vor dem Livegenuss steht purer Stress. Strecker hat noch ein telefonisches Vorstellungsgespräch, ich muss auch bis 14:00 Uhr knüppeln und dann holen wir noch good old Nelson aus dem Hamburgloch ab. Bis wir aus Hamburg raus sind, haben wir bereits über drei Stunden Fahrzeit auf der Uhr. PROCESSION hatten wir eh nicht für schaffbar gehalten, LUCIFER’S FRIEND sind jetzt ebenfalls unmöglich zu erreichen. Somit gönnen wir uns nur eine Pause und donnern wie die Besenkten unter wachsendem Blasendruck nach Würzburg durch. WARNING, baby. Zwanzig Minuten vor Showbeginn sind wir noch auf der Straße. Doch dann geht alles ganz schnell: Eincheckung im Hotel, Klamotten aufs Zimmer werfen, Taxifahrt zur Halle, Reingedrängel und – unfasslich – kaum stehen wir vor der Bühne (sogar mit einem frischen Bier), beginnen WARNING glücklicherweise mit ca. fünf Minuten Verspätung um 22:45 Uhr!


WARNINGWARNING


Und warum die ganze Hektik? Nun, nicht für mich hat sich das WARNING-Album „Watching From A Distance“ zu einer sehr wichtigen Platte entwickelt. Ich habe die Band erst kennengelernt, als Patrick Walker sie bereits wieder aufgelöst hatte. Seitdem ist das Album auf meiner Doom-Bestenliste Stück für Stück emporgekrabbelt, hat irgendwann CANDLEMASS und SOLSTICE verdrängt und die Nr. 1 erreicht. Ein seltenes Beispiel, dass einer Band es gelingt, eine seit Jahrzehnten bestehende Genre-Toprangfolge durcheinanderzuwirbeln. Wobei „Wirbeln“ nicht das richtige Wort ist, denn „Watching From A Distance“ ist 2006 auf Kleinstlabels erschienen und hat sich über lange Jahre durch Mundpropaganda seinen Ruf erworben. Auch mir hat es damals ein Doom-Froind empfohlen (Danke, Niles). Das allein ist schon ‘ne schöne Geschichte, finde ich. Aber ich war immer etwas traurig darüber, dass man höchstens mal 40 WATT SUN ein, zwei WARNING-Stücke würde spielen sehen können. Da kam die Nachricht der US-Tour und vor allem die Zusage fürs HAMMER OF DOOM wie ein Paukenschlag. Patrick Walker legt Wert darauf, dass dies keine andauernde Reunion einleite: „It's just these concerts. It's now or never, folks.“, hatte er dem REVOLVER MAG vorab gesagt.

WARNING

 
Die Darbietung verläuft völlig unprätentiös. Kein Gewese, keine Show, kein besonderes Licht oder überhaupt irgendwelche Effekte. Nur drei Typen, die das gesamte „Watching From A Distance“-Album so originalgetreu wie möglich live zocken. Und genau das macht dieses Konzert zu einem Dauer-Gänsehaut-Erlebnis und zu einem der besten meines Lebens. Die Musik ist eigentlich kein typischer Doom Metal, sondern sehr introspektiv klingende „heavy music with a focus on songwriting“ (s.o.), zu der der Sänger einen Seelenstriptease begeht – vertontes Leid. Viele singen heulend mit, zwischen den Stücken erheben sich völlig überraschend WARNING! WARNING!-Sprechchöre, was Patrick Walker einen schief-skeptischen Blick entlockt. Der Drummer bringt die Scheiße wirklich exakt so langsam und mächtig! Vielleicht sogar etwas langsamer, sodass wir uns fragen, wie der überhaupt die Eins findet und so tight bleibt. Die Songs kriechen bei Supersound durch die Anlage (übrigens ist der Sound das gesamte Wochenende wirklich over the top – keine Band klingt verwaschen, alles schön fett, drückend und heavy). Fünf Songs hat das Album bekanntlich, nämlich „Watching From A Distance“, „Footprints“, „Bridges“ „Faces“, und „Echoes“. Besonders „Footprints“ und „Faces“ haben es mir angetan. Wenn Walker in den Zeilen “Here I am wide open, surrendering to your side. / I have laid down my armour,I have no sword at my side. / I leave behind me the ruins of the fortress I swore to defend” oder „But I don't understand myself and I don't know, I don't know what my heart is anymore.” den inneren Schmerz kulminieren lässt, ist es fast unerträglich. Da tut es gut, dass Patrick Walker zwischendurch mit einer Anekdote von der US-Tour aufwartet und zwar über “unseren” Doom Fränk! Der Kerl ist ja wegen der WARNING-Tour in die Staaten gejettet und hat sich alle neun WARNING-Shows reingezogen, dabei natürlich die Band kennengelernt. Irgendwann sei er auf Mr. Walker zugekommen und habe diesem gesteckt, dass „Foorprints“ für ihn der zweitbeste Song der Welt sei (Walker imitiert den typisch deutschen Doom-Fränk-Akzent aufs herrlichste, was keinen mehr erfreut als natürlich Strecker und mich, die den Genannten eben noch in der Menge erspäht hatten). Nun habe Walker natürlich interessiert, was denn DER BESTE Song der Welt sei. Doom Fränks Antwort (in leicht weinerlicher Stimmfarbe wiedergegeben): „TORI AMOS – ‚Winter‘“. Danach tauchen aber alle wieder ein in die melancholische, ja tieftraurige Welt von WARNING. Die Musik und der Gesang vermitteln dem Hörer das Gefühl tiefen Verlusts, als sei einem das, was wichtig ist in der Welt, zerronnen, gestorben, in unerreichbare Ferne gerückt. Wunderschön.

 

Strecker und ich verzichten dann auf die Metal Disco und feiern lieber mittels neu abgeernteter Tronträger und transportablem Plattenspieler auffem Hotelzimmer weiter. Wir haben zwar heute nur eine Band sehen können, sind aber überglücklich. WITCHWOOD werden uns übrigens von vielen als größte positive Überraschung genannt, PROCESSION sollen gewohnt überzeugend gewesen sein. Am morgigen Tag werden wir uns dann alle neun Bands reinballern bzw. reindoomen. Teil II folgt fucking bald!
Eingereicht von Philipp

Kommentare   

 
+2 #1 Philipp 2018-01-18 15:32
Jetzt mit Fotos von Andreas Mrowczynski. Thanks!
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