SISTA SEKUNDEN, LOSER YOUTH / 22.11.2017 – Kiel, Schaubude

Schon witzig, wie krass man manchmal die Länge einer vergangenen Zeitspanne unterschätzt. Ich hatte nicht wirklich angestrengt nachgedacht, aber so spontan aus dem Bauch raus geschätzt, dass der letzte Auftritt von SISTA SEKUNDEN in der Schaubude zwei oder drei Jahre zurückliege. Arschlecken, das Ding fand tatsächlich vor – schluck! – acht Jahren statt! Kollege Casi formuliert ein paar Tage später sogar die These, dass das nahezu identische Publikum zwar genau so begeistert sei wie 2009, sich aber der Alterungsprozess derart bemerkbar mache, dass aus einem herumzappelnden Pogomob eine Versammlung von Kopfnickern geworden ist, haha.

Unstrittig ist, dass der 2009er Auftritt hammergut war, was ja auch erklärt, dass die Erinnerung daran noch so frisch wirkt. Ich kaufe mir im Vorfeld mal lieber eine Karte und die Bude füllt sich tatsächlich amtlich.

 
Der Sänger/Gitarrist von LOSER YOUTH, Thommy, hat das mit den Punkrockansagen verstanden. Publikum beleidigt, Ikea als Arschloch deklariert, Bismarck und Kolumbus gedisst = super. Die kurzen Songs werden ratterratterratter nur so heruntergehackt, wobei mir auffällt, dass die drei Flegel mittlerweile gut eingespielt sind. Ich mag sowas wie „Die Entdeckung der neuen Welt“ schon vom Titel sehr gerne – geiles Thema, allein schon der Begriff „Entdeckung“, der immer noch in manchen Geschichtsbüchern ohne Anführungsstriche benutzt wird, ist ja ‘ne Frechheit. Oder der erwähnte Ikea-Song, der den Hörer*innen im Refrain einfach immer wieder „Ikea – du Arschloch – Ikea – du Arschloch – Ikea – du Arschloch!“ entgegenrotzt. Die Musik fällt entsprechend aus: schön schnell, schön wütend, schön Punk. Und Punkt!

 
Die Erwartungen sind hoch, viele Anwesende verbinden etwas mit SISTA SEKUNDEN, seien es Konzerterfahrungen oder Alben der Band, zwei Bekannte meinen sogar, dass das Debutalbum von 2006 „ihre Freundschaftsplatte“ sei. Und ich denke, alle Erwartungen werden erfüllt. Es ist der erste Gig der Tour, die Band ist ganz offensichtlich motiviert bis Anschlag. Die Stücke ballern im ICE-Tempo aus der Anlage, sodass die Bude wackelt und man sich fragt, wie Bocky da noch an den Knöppen schrauben kann. Aber Schnelligkeit wäre noch nicht alles, das Songwriting ist dabei so derbe kompakt, spätestens die Refrains gehen ins Ohr und während du mitgrölst, merkst du erst, dass du eigentlich gar kein Wort verstehst. Aufgrund der schwedischen Texte/Titel kann ich nicht wirklich mit Songtiteln dienen, höre aber gerade das erwähnte Debut und meine, dass zum Beispiel „Jag ger upp“, „Dum i huvudet“ und „Pa väg“ dabei sind. Alle vier Bandmitglieder strahlen etwas geil Manisches aus, optisch killt natürlich wieder der Sänger alles durch Hot Pants, infernalische Verrenkungen, Speckmatte und noch mehr Tattoos als 2009. Es schwingt so viel Begeisterung mit, als der Gitarrist plötzlich ruft: „This is what I wanna do with my life!“ Ein schöner Moment, vielleicht das emotionale Highlight, denn jede*r merkt, wie sehr der Typ sich freut. (Ein paar Tage später fällt mir dazu das geniale TWISTED SISTER-Video wieder ein, in dem der Arschloch-Lehrer den dicken Jungen fragt: „What do you wanna do with your life?“ und das best denkbare Lebensmotto schlechthin zur Antwort bekommt: „I WANNA ROCK!“) Ja, ein echter Rock’n’Roll-Hardcore/Punk-Orkan ist hier gerade durch die Schaubude gefegt. Bitte wiederkommen!
Eingereicht von Philipp

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