Mein Lieblings-AC/DC - Zum Tod von Malcolm Young

4.55

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Angus, Malcom & George

Als ich das erste Mal bewußt AC/DC höre, bin ich vielleicht zehn und zutiefst schockiert. Da ist ein Sänger, der sich wie eine angry old Großmutter anhört und nur schreit. Die Musik empfinde ich als übersteuert (wobei ich das Wort „übersteuert“ mangels Kenne natürlich nicht hätte benutzen können), laut, ätzend, geradezu abstoßend roh aber genau wegen dieser Ausstrahlung eben auch faszinierend. Von Malcolm Youngs Rhythmusgitarre weiß ich nichts, und die heiß gespielten Chuck-Berry-Soli seines Bruders stehen ja ohnehin im Vordergrund des Sound-Orkans (Bei der Bilderflut sieht’s nicht anders aus: Finde mal´n Video, in dem nicht nahezu ausschließlich Angus und der gerade amtierende Sänger zu sehen sind). Wenn ich Kiss, die ich schon länger kenne, höre, halte ich Ace Frehleys markante aber viel harmlosere Sologitarre für den Baß. Ich bin halt zehn und habe keinen Blassen von nichts. Und Kiss werden noch einige Jahre lang meine Alpha-Helden bleiben, aber wenn ich mal ehrlich zu mir bin, muß ich schon damals einräumen, daß AC/DC in mancher Hinsicht die befriedigendere Musik machen.


Kurze Zeit später erstickt Bon Scott an seinem eigenen, hochprozentigen Mageninhalt. Ich erfahre davon ausgerechnet aus der BILD, die bei uns selbstverständlich Tag für Tag die bereits vorhandenen Meinungen affirmiert. „…Ben Scott…“, der Sänger der Hardrock-Band „…EC/DC…“ sei verstorben. Da hatte der Setzer wohl ein paar E zuviel im Kasten.

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Self-designed Atze/Datze-Button, ca. ´80

Ich sammle Artikel und Schnipsel über Kiss und AC/DC aus der „Bravo“. Daß Angus Young 1,57m groß ist, Kette raucht und sich mal an einem gefrorenen Stück Schokolade einen Zahn ausgebissen hat, das ist alles ancient Bravo-Wissen, über das ich noch weit nach meinem eigenen Tod verfügen werde. Als wir Silvester bei Verwandten mütterlicherseits zu Gast sind, greift sich die vom Haß zerfressene Cousine, die zu Plastiktüten immer „Türkenkoffer“ sagt, die AC/DC-Mappe und hält meinem Vater, der zu dieser Zeit noch ordentlich Nazi-Vokabular in seiner Sprache führt, ein Bild von Angus Young hin, wie er gerade entfesselt Gibson SG spielend auf den Schultern von Bon Scott irgendeine Crowd rockt. Beide sind sich einig, daß solche Typen zack-zack ins Arbeitslager gesteckt gehören. Und auch die BILD war ganz sicher hochzufrieden, daß noch einer dieser langhaarigen Negermusik-Affen nicht nur dank seines skandalösen Lebensstils sondern überhaupt höchst gerechtfertigt abgekratzt war. Wie gesagt, da schlossen sich Meinungskreise wie Türen aus deutscher Eiche.

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Malcolm, jung

Da halte ich mich lieber an meinen neuen Freund Thomas. Daß Thomas im Grunde seiner Person ein dummes aber bauerncleveres Arschloch ist und ich für ihn nur die Rolle des Idioten spiele, zu dem er mal kumpelhaft sein kann und den er ein andermal im Schulbus verkloppt, ahne ich zwar an manchen Stellen, bin aber weit davon entfernt, irgendeine Konsequenz zu ziehen. Außerdem trägt Thomas eine Jeansjacke mit AC/DC-Logo und hat ziemlich viele Schallplatten von ihnen. Und von Kiss. Die nimmt er mir großzügigerweise auf Cassette auf. Sein Plattenspieler ist wahrscheinlich rott oder die LPs besprenkelt, denn es springt ständig. „Dirty Livin‘“, Peter Criss´ einziger Beitrag auf der „Dynasty“, ist in der Thomas-Version gerade mal 2 Minuten lang. Daß es da auch ein Solo gibt, erfahre ich erst Jahre später, als ich mir das Album selbst kaufe. Heutzutage glaube ich, daß Thomas der Nadel absichtlich einen Schubs gegeben hat, um damit meinen Status als Doofi nur für ihn sicht- bzw. hörbar in das mir später überreichte Tape einzuarbeiten. Ich frage Thomas, was für Texte AC/DC machen, und er sagt, ja, so „Problemtexte“. Viele Jahre später wird Mark Sikora im einzigen mir bekannten Spex-Artikel über AC/DC von den „Schulhofärgerjungs“ erzählen, mit denen er wohl auch so seine Erfahrungen gemacht hat und die meistens AC/DC-Fans gewesen seien. Gut beobachtet finde ich das und muß ein letztes Mal an meinen beschissenen Schulhofärgerfreund Thomas denken.

„For Those About To Rock“ ist das letzte AC/DC-Album, das ich mir in Echtzeit kaufe, abgesehen von der Jahre später aus einer Laune heraus erstandenen, schwachen und Phil-Rudd-losen „Fly On The Wall“. Die Jahre vergehen, ich entwachse dem Dorf, aus dem ich komme, entdecke Postpunk und möchte erstmal keinen Hardrock, kein Metal mehr hören, weil mir das plötzlich alles zu volkstümlich ist. Was für alberne Schießbudenfiguren sind Kiss (zumal die Kiss der späten Achtziger, in denen die größte Geschmackstransformation meines Lebens ihren Lauf nimmt) gegenüber Hüsker Dü?

AC/DC sind eigentlich die Einzigen, die in dieser fast 20 Jahre andauernde Phase für mich fühlbar und (wenn auch aus der 2., 3. Reihe heraus) gegenwärtig bleiben; und zwar die AC/DC mit Bon Scott, nicht diese nur noch ihr eigenes Revival perpetuisierende Mainstream-Konsensbrumsel, zu der sie nach Brian Johnsons Einstieg mehr und mehr werden. Ich sehe mich und K.J. Mitte-Ende der Neunziger in meinem WG-Zimmer in der Hohen Straße (Rendsburg) oder im Papenkamp (Kiel) sitzen. Wir hören AC/DC mit Bon Scott und stellen ein ums andere Mal fest, wie classic ihr Sound und ihre Haltung sind. Daß sie solche Gruppen heute nicht mehr machen. Und wie sie ROCKEN, auch wenn das nach Radio Bob klingt, das damals noch Nora heißt und wo sich die FB-Kommentare unter dem Post mit der Nachricht vom Tod Malcolm Youngs lesen, als wären sie von Bots, Redakteuren und gecasteten Jubelpersern, die keine einzige AC/DC-Platte besitzen, verfaßt worden.

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Tonträgerporn: Mein "functioning amp" Boxset

Malcolm Young. Irgendwann in dieser Zeit wird mir klar, daß Malcolm Young mein Lieblings-AC/DC ist. Auch sein jüngerer Bruder ist ja trotz seiner Position als Leadgitarrist alles andere als ein öliger Guitar Hero, aber Malcolm Youngs Art, die Elektrogitarre zu spielen, war so wunderbar staubtrocken und ungitarristisch, sowohl was den Umgang mit dem Instrument als auch die Attitüde angeht: Er machte auf der Bühne einfach NULL Gewese aus dem, was er tat. Er stand auf seinem Quadratmeter, moshte, steckte sich auch mal eine an, ging einen Schritt nach vorn, wenn es Backingvocals zu singen gab, einen zurück, wenn das Singen vorbei war – und prügelte dabei die ganze Zeit akkurat auf seine Gretsch ein. Vollkommen frei von Prätention und Virtuosentum und meist gekleidet wie das nicht-schuluniformierte Pendant zu Angus Young. In seinen späteren Jahren näherte er sich optisch Iggy Pop an, was ja nicht das Schlechteste ist. Ein smarter, cooler Typ mit tadellosem Arbeitsethos.

„Young, Young & Scott“, später „Young, Young & Johnson“, und noch später nur noch 2x „Young“. Es waren diese platzsparend gebauten Exilantensöhne, die die Riffs machten (später auch die Texte, aber die waren in der post-Bon-Scott-Ära eh vernachlässigbar) und den vielleicht ökonomischsten Songwriting-Stil aller Zeiten erfanden, über Jahrzehnte pflegten, vielleicht auch überstrapazierten. Whole lotta wenig. Oft nicht mehr als ein paar synkopierte Powerchords, aber so erbarmungslos auf den Punkt gerotzt, daß es kein Entrinnen gab. Malcolm Youngs Sound dabei eher wenig verzerrt und die Crunchiness vor allem ein Resultat seines brutalen Anschlages. Man muß verdammt gut Gitarre spielen können, um so was Einfaches zu solcher Präsenz und Gewalt zu erheben. Hier meine 10 liebsten AC/DC-Riffs, keine Rangliste, nur eine Sammlung:

- Riff Raff [„Powerage“, 1978]
- Down Payment Blues [„Powerage“, 1978]
- What’s Next To The Moon [„Powerage“, 1978]
- It’s A Long Way To The Top (If You Wanna Rock’n’Roll) [„High Voltage", 1976]
- Live Wire [„High Voltage“, 1976]
- Overdose [„Let There Be Rock“, 1977]
- Hell Ain’t A Band Place To Be [„Let There Be Rock“, 1977]
- Whole Lotta Rosie [„Let There Be Rock“, 1977]
- Beatin‘ Around The Bush [„Highway To Hell“, 1979]
- Night Prowler [„Highway To Hell“, 1979]

Malcolm Young
Can I Sit Next To You, Gretsch

Was werden AC/DC bzw. das, was von ihnen auch vor Malcolms Tod schon übrig geblieben war, jetzt machen? Da ist so oder so schon zuviel „The Show Must Go On“ in ihrer Karriere, aber jetzt wäre vielleicht der allerletztmögliche Zeitpunkt für einen endgültigen Rückzug. Angus dürfte gerade ziemlich gebeutelt sein, 2 ältere Brüder in kürzester Zeit verloren, das muß man erstmal verarbeiten. Für Malcolm wünsche ich mir rückblickend, daß sein Tod für ihn auch was Erlösendes hatte, aber vielleicht war er auch glücklich in seiner Demenz, umwoben von Erinnerungen an die schönen Zeiten seiner Jugend. Glücklicherweise hat man über das Privatleben dieser Leute nie sonderlich viel erfahren müssen, und das hat die Familie Young bis zum Schluß so gehalten. „I´m not a star, I see stars“, soll Bon Scott mal gesagt haben, und ich wünsche Malcolm Young, daß es ihm gerade genau so geht. Und danke für die Riffs.
Eingereicht von Neffets Mharf

Kommentare   

 
+3 #1 Philipp 2017-11-22 19:18
Hammer!
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+2 #2 HeavyHerb 2017-11-22 20:12
Cooler Artikel, aber das kann ich so echt nicht stehen lassen. Antwort folgt die Tage.
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+1 #3 peter ... mary 2017-11-23 00:39
Danke! Schönes Ding.
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+1 #4 Gunther 2017-11-24 00:26
Als 'Back in Black' mich dazu brachte, mir ein Musikinstrument zu kaufen, habe ich ihn noch belächelt. Schien mir doch Angus besser zu sein, da die Bravo seine Poster permanent rausbrachte. Das er ein Arbeitstier gewesen ist, ein heimlicher Kopf der Band, habe ich im Diskurs erfahren, als er mit Demenz ausstieg. UND: Jetzt wird er mir nicht mehr sagen können, warum um alles er denn die häßlichen Höhlungen in seiner Klampfe offen gelassen hat.
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+2 #5 Wartend... 2017-11-28 11:53
Jetzt muss Herb aber liefern ;-)
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+1 #6 Peter R. 2017-11-29 14:42
war ein verdammt guter Komponist und sein Gemüt und Auftreten vorbildlich. Stille Wasser sind tief.
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