W.A.S.P., RAIN / 14.11.2017 – Hamburg, Markthalle

4.675

Während ich dieses Review schreibe, polarisiert das betreffende Konzert immer noch und in diversen sozialen Netzwerken findet ein Battle über die Meinungshoheit bezüglich der Frage statt: Ist das Kunst oder kann das weg?

 
Verantwortlich dafür sind W.A.S.P., die mit ihrer aktuellen „Re-Idolized Tour“ das 25-jährige Jubiläum des „The Crimson Idol“-Klassikers feiern. Tatsächlich hätten mich W.A.S.P. noch vor wenigen Jahren nicht sonderlich interessiert, hatte mich ein fürchterlich lahmer Auftritt von Blackie Lawless & Co. 1987 als Support für IRON MAIDEN auf Jahrzehnte abgeschreckt, sozusagen anti-idolized. Doch die Auftritte auf dem ROCK HARD FESTIVAL 2012 und in WACKEN 2014 hatten mir erstaunlich gut gefallen (auf dem RHF musste Blackie vertraglich zusichern, keinerlei Playback zu benutzen). Und dann erschien 2015 „Golgatha“, ein Album, welches mich restlos begeistert und das ich tatsächlich subjektiv als drittbestes ihrer Karriere (hinter dem Debut und „The Headless Children“) einstufe. Mister Lawless klingt hier überraschend leidenschaftlich und liefert Hits am Fließband. Mittlerweile habe ich erkannt, dass Blackie Lawless ein herausragender Songwriter und Sänger ist, der diverse Killeralben geschrieben hat, allerdings auch einige Stinker zu verantworten hat. („The Crimson Idol“ gehört natürlich zu den Killern und landet bei mir auf Platz 4.) Live allerdings hat die Band schon immer gern auf Playback diverser Backgroundgesänge, Instrumente und teilweise auch des Leadgesangs gesetzt. Wie würde es heute aussehen?
 

Krass ist schon mal, dass das Konzert an einem Dienstagabend restlos ausverkauft ist. Auf der Straße stehen diverse Leute mit „Suche Karte!“-Schildern. Somit kann bereits der italienische Support vor voller Hütte spielen. Über mangelndes Licht oder suboptimalen Sound können RAIN sich keineswegs beschweren. Dafür sind Platz und Spielzeit knapp bemessen. Handwerklich sind RAIN absolut okay, der Sänger ist zudem recht fit. Allerdings fällt ihr Songwriting doch recht simpel aus und so werden die Fähigkeiten der Musiker nie gänzlich ausgeschöpft, die Refrains erschöpfen sich meist in monoton geblökten Zwei-Wort-Chören wie „Hell – Fire – Hell – Fire“. Naja, nach nicht mal einer halben Stunde müssen RAIN auch schon wieder von der Bühne. Nichts Dolles.
 

Nach einer recht langen Pause erlösen uns W.A.S.P. mit dem ironiefrei betitelten „The Titanic Overture“. Auf beiden Seiten stehen zwei große Leinwände, welche insgesamt locker ein Drittel des Bühnenraums einnehmen. Gezeigt werden aber (zum Glück) nicht Großaufnahmen von Blackies Mimik beim Spielen, sondern ein Film, der die „Crimson Idol“-Handlung illustriert. Schräge Folge dieses Umstands: Die Bühne ist derart schwach beleuchtet, dass man die Musiker kaum erkennen kann. Aufwändigeres Licht hätte natürlich wiederum die Sicht auf den Film qualitativ vermindert, aber das ist schon speziell. Blacke Lawless dreht sich zudem recht häufig zum Drummer, kehrt dem Publikum wiederholt minutenlang den Rücken zu. Musikalisch wird das Material gut umgesetzt – das Schlagzeug klingt spritzig, die Gitarren rattern und auch Gesang & Chöre erwecken das blutrote Idol zum Leben. Nur: Was kommt vom Band, was ist live? Die Dose regiert ganz sicher in Sachen Keyboard, denn ein solches ...steht nicht auf der Bühne. Definitiv werden auch die Backgroundchöre mindestens vom Band unterstützt. Blackies Sidekicks (zumindest die aus Fleisch) zocken ihre Instrumente dagegen live, da bin ich sicher. Beim Meister muss man schon manchmal grübeln: Gitarre? Gesang? Alles? Möglicherweise kommt der Leadgesang in so einer Art meist leise eingepegelten Spur mit der Möglichkeit, die Livespur dazuzumischen. Wer das alles ausblendet und die ungewöhnliche Performance gar als Zurücktreten hinter dem Werk interpretiert, kann durchaus seinen Spaß haben: Der Film ist gut gemacht und erweckt den Charakter des Jonathan zum Leben, der in seiner Kindheit misshandelt wird, später Aufstieg und Fall als Rockstar erlebt und sich schließlich suizidiert. Und die Großartigkeit von Songs wie „Chainsaw Charlie (Murders In The New Morque)“, „The Idol“ oder das über neunminütige „The Great Misconception Of Me“ ist nicht zu bestreiten. Die Stimmung ist trotz der ungewöhnlichen Show gut bis sehr gut, es sind Fans aus mindestens vier Generationen vor Ort, die äußerst textsicher mitshouten. Nach der chronologisch gespielten CI-Scheibe ist erst mal Schluss. Der Zugabenblock besteht aus vier Stücken: „L.O.V.E. Machine“, „Wild Child“, „Golgotha“ und „I Wanna Be Somebody“. Bei letzterem überlässt man weite Teile des Gesangs dem Publikum, was tatsächlich gut kommt. An dieser Stelle wacht die Band auch mal auf und Blackies junge Mitmusiker drehen ihre Pirouetten am Bühnenrand. Ich hätte mir noch ein paar „Golgotha“-Stücke gewünscht, aber da muss ich wohl noch 23 Jahre bis zur „Re-Golgothized Tour“ warten (mit Live-Kreuzigung?).


Ich höre direkt vor Ort danach überwiegend begeisterte Statements, jetzt im Netz verschiebt sich der Tenor ins Negative. Die alten Helden könnten sich nicht mehr anders helfen, lese ich häufiger. Diese Erklärung halte ich für etwas simpel. Ich denke, es ist eher eine grundsätzliche Einstellung, sich auf Playback zu stützen oder eben nicht. Mag sie nun auf Perfektionsdrang oder auf Unsicherheit zurückzuführen sein, Blackie hat offenbar schon früh dazu tendiert, während ein Lemmy noch todkrank auf die „what you see, is what you get“-Schiene gesetzt hat. Letzteres mag ich persönlich lieber und ich denke, dass W.A.S.P. das Playbacktheater nicht nötig hätten. Ein spannender Abend, dennoch.
Eingereicht von Philipp

Kommentare   

 
+1 #1 Philipp 2017-11-17 11:47
Jörg Baagels kommentiert auf Facebook: "Insgesamt hätte ich niemals gedacht, dass wasp unter der Woche ausverkauft sein wird. Bei der Scheibe eig. kein Wunder.
Es wurde - natürlich - nicht das geliefert, was versprochen wurde (3 "lost" tracks, anschließend Hits).

Persönlich hätte ich mir eine reine crimson idol Show mit zusätzlichen tracks und ggf. mehr Videoeinlagen aus dem bereits bekannten Kurzfilm gewünscht.
Auch wäre das Set zum Abschluss schöner gewesen.
Love Machine, i wanna be somebody und wild Child habe ich live definitiv schon zu oft gesehen.
Miss you hatte thematisch natürlich auch noch besser gepasst.
30 ois für nen shirt ist auch eine Frechheit.

Aber alles meckern auf hohem Niveau, denn ich war in absoluter Ekstase mit gänsehaut. Emotional ergreifend durch alle Sphären.
Es ist einfach das beste Album, das je geschrieben wurde!

Bin gespannt auf die remake Scheibe mit Video. Das Album bedarf keines remakes, aber der Film interessiert mich sehr!"
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+1 #2 Philipp 2017-11-20 14:52
Aus (wirklich) seriöser Quelle habe ich erfahren, dass Blackie Lawless tatsächlich NIE live Gitarre spiele. Seine Gitarrenspur komme komplett vom Band. Er wisse sonst nicht, was er mit seinen Händen machen soll...
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+2 #3 HoD Frank 2017-11-20 17:26
Ich stand daneben und kann das bestätigen. Außerdem war die (wirklich) seriöse Quelle während des "Warning" Konzerts am Vorabend vier mal auf Toilette. In nicht mal einer Stunde! Bei Warning!! Das ist der eigentliche Skandal! Warum echauffiert sich darüber wieder keiner? Wer oder was ist überhaupt W.A.S.P?!?
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