WACKEN XXVIII / 04.08.2017 – Wacken, Tag 3

Freitag, 04. August

Philipp: Ich muss den Bericht wieder mit einer Schilderung aus dem Duschcontainer beginnen: Der Typ vor mir erhält die Warnung „Vorsicht, ist echt kalt!“, reagiert darauf jedoch lediglich mit einem genuschelten „Egal“. Und er sieht auch so aus, als ob ihm Nebensächlichkeiten wie die Wassertemperatur beim Duschen eher wumpe sind. Wenig später höre ich jedoch einen überraschten Aufschrei aus seiner Kabine. Aha, es ist tatsächlich kalt. Auch ich kann trotz innerlichen Wappnens einen Kälteschockschrei nicht vermeiden – der Körper reagiert auf eine derartige Kälteattacke mit Schnappatmung, die Schädeldecke beginnt augenblicklich zu schmerzen. Aber irgendwie lässt sich das durchstehen und ich merke wieder: Zu kalt ist eher erträglich als kochend heiß. Gut gelaunt und fit verlasse ich die Dusche. Besser ist das, denn heute haben wir ein Programm von elf Uhr morgens bis drei Uhr nachts. Ich schicke voraus, dass wir das auch voll durchziehen und uns keine einzige Pause zum Sitzen gönnen. Das klingt jetzt irgendwie komisch tough, soll es aber gar nicht, ich hab halt lieber Fußschmerzen, als CANDLEMASS zu verpassen.


Wacken


Bericht von Anke Black, Stefan, Strecker, Rüdiger, Vincent und Philipp, Fotos von Strecker.


Rüdiger: Der nächste Morgen wirkt irgendwie ungewohnt, es dauert einen Moment, bis mir klar wird, dass das an der Sonne liegen muss, die über Wacken scheint. Das versetzt uns umgehend in frohe Erwartung.

Der Weg zu den Bühnen erweist sich dann aber als recht beschwerlich. Die dünnflüssige Schlammbrühe vom Vortag hat sich durch die Sonnenerwärmung in einen zähen Morast verwandelt, was jeden Schritt zu einem Kampf um die Gummistiefel werden lässt. Doch es ist schließlich für einen guten Zweck.

Dinge

Vincent: Wacken - Freitag, der 04.08.2017. Es ist mal wieder soweit, dass Wacken Open Air 2017 geht in die 28ste Runde und wirft im Vorfeld große Schatten voraus. Ich finde das Billig interessanter und um einiges abwechslungsreicher als noch im Vorjahr. Namen wie EMPEROR, KREATOR, ACCEPT, ALICE COOPER, MEMORIAM, GRAND MAGUS, STATUS QUO, AMON AMARTH, DILLINGER ESCAPE PLAN, um nur ein paar zu nennen, machen Lust auf mehr. Also stand für mich und viele andere fest, auf nach Wacken und sich die große Schlammpackung live zu geben. Leider erhielt ich meine Freikarte erst eine Woche vor dem Festival, was die Frage nach einer entspannten Unterkunft dann auch erledigt hatte. Also ein paar Kumpels informieren und am Freitag, den 04.08.17 morgens um 7.00 Uhr von Kiel auf nach „good old Wacken“. Mein Kollege ist pünktlich und motiviert mit dem KFZ bei mir und wir kommen entspannt beim Wacken Check-In an. Vor Ort keine langen Schlangen oder Stress, in kurzer Zeit haben wir beide unsere Festivalbänder und wir haben Glück, dass neben uns die Jungs von MEMORIAM / BOLT THOWER einchecken, freundlich, aber übermüdet grüßen. Nun nur noch das Auto auf dem Parkplatz in Wacken abgestellt und mit einem Kaffee in der Hand kann die wilde Fahrt losgehen.


Wasteland


MEMORIAM

Philipp: Zwar spielen die ebenfalls geschätzten KADAVAR parallel auf der LOUDER Stage (ehemals Party Stage), aber MEMORIAM haben wir erst einmal auf dem PARTY.SAN sehen können, also geht deren Auftritt vor. Karl Willets nimmt es mit Humor, dass die Band zur Frühstückszeit spielt und vor der Bühne noch nicht soo viel los ist. Der Brite grinst eigentlich die ganze Zeit und schießt eine trockene Ansage nach der anderen ab. Obwohl man davon nur die Hälfte versteht, reißt diese gute Laune mit. Live fällt noch stärker auf, wie sehr die Band als Stripped-down-Version von BOLT-THROWER bezeichnet werden kann, denn MEMORIAM gehen deutlich simpler vor und besitzen einen rohen Punk-Einschlag. Die damit verbundene Monotonie sagt nicht jedem bzw. jeder zu, mir gefällt’s. „War Rages On“, „Drone Strike“, „Reduced To Zero“ oder „Resistance“ sind mal richtige Primitiv Death Metal Böller, aufs Nötigste reduziert, mit heiser rausgebellten Vocals und höchstens einer leichten Andeutung von Epik. Gerade wenn man den Background der Bandmitglieder kennt, macht das richtig Freude – Death Metal Punks go!

Stefan: Der Freitag verspricht ein langer und harter Tag zu werden. Geplant ist von morgens um 11 Uhr bis nachts um 2 oder 3 Uhr durchzuziehen. Los geht es auf der Faster Stage mit MEMORIAM. Death Metal ist zum Wachwerden immer genehm. Die Band des ehemaligen BOLT THROWER-Sängers Karl Willets geht auch gleich in die Vollen. Mir fehlt aber wie schon beim Debutalbum 'For The Fallen' irgendwie das gewisse Etwas. Alles grundsolide und beileibe nicht schlecht, aber Begeisterung sieht anders aus. Die großen Hits oder Kracher fehlen mir irgendwie. Für mich ein solider Start, aber definitiv noch Luft nach oben.

Vincent: Morgens um 11.00 Uhr am Freitag genießen wir auf der großen Faster Hauptbühne MEMORIAM, welche nun aufgewacht sind, und Sänger Karl röhrt ins Mikro. Der alte grauhaarige Fronthirsch macht seinen Job gut und knallt uns von der aktuellen Scheibe „For The Fallen“ aufs Gesicht. Der Gitarrist ist nun auch unter den Lebenden und lässt sein Haupthaar kreisen. Vor der Bühne sind schon Metalheads am Bangen, der schleppende Old School Death Metal und die Show ist dann auch kurz vor 12.00 Uhr mittags beendet, schade. Der sympathische Sänger Karl bedankt sich bei seinen Zuhörern und es geht durch den Wacken Schlamm zur Bullhead Wet - Stage, wo wir gerade noch ein paar Songs der Hamburger Thrash Metaller von WARPATH mitbekommen.


WARPATH


Scud


Philipp:
Das war es auch schon für uns heute auf dem Hauptgelände. Ab jetzt sehen wir nun ausschließlich Bands im Zelt. Ist ‘ne harte Entscheidung, MEGADETH und EMPORER komplett sausen zu lassen, aber dafür locken SKULL FIST, GRAND MAGUS, PRONG, SACRED REICH, WOLFBRIGADE, CANDLEMASS, FATES WARNING, PSYCHOTIC WALTZ und WARPATH, und das in einem einzigen orgiastischen Rutsch! Ich habe die aktuelle Besetzung von WARPATH noch gar nicht gesehen, wird also Zeit. Das Zelt füllt sich im Verlauf des Auftritts immer mehr, WARPATH haben immer noch einen klingenden Namen. Dirk Weiss ist gut gelaunt und er lässt es sich nicht nehmen, so viel zu labern, dass ein Stück aus der Setlist fliegt, haha! Das ist aber genau richtig so, denn die lässigen Sprüche runden den Gig ab man sieht schließlich überall nur grinsende Gesichter. Auch mit Norman (d), Flint (g) und Sören (b) gelingt es, die urtypische WARPATH-Brutalität rüberzubringen. Zudem können neue Stücke wie „Reborn“ oder „I Don’t Care“ neben den Klassikern „Massive“, „Against Everyone“, „Paranoia“ und „Extend“ bestehen, gemeinsam ist allen die Verbindung von mächtigen Slo-Mo-Passagen und totalem Geknüppel, wobei nie der Groove aus dem Auge verloren wird. So konsequent haben das bisher nur CARNIVORE gemacht. Ein toller Auftritt, ich freue mich auf weitere WARPATH-Shows!

Stefan: WARPATH waren jetzt nie meine Band. Live ganz unterhaltsam und sympathisch, die Alben sind aber bisher an mir vorbeigegangen. Ob sich das mal ändern wird, weiß ich nicht. Auf Dauer ist mir zu eintönig, auch wenn die Band ordentlich tight Druck macht. Vielleicht macht es ja irgendwann bei mir nochmal Klick. ;-)

Vincent: Im Geschäft keine Unbekannten mehr, hat auch diese Band heute richtig Bock zu zocken. Nun erst einmal Sightseeing und an den zahlreichen Verkaufsständen vorbei, wo wirklich viel geboten wird, z.B. Wacken Merch., Superman-Masken, Lederhosen und Gummi Dildos in allem Farben – ist fast alles dabei. Das Becks Bier wird durch die neue Bier-Pipeline geschossen und schmeckt uns für 4,- Euro recht gut, ich hatte mit höheren Preisen gerechnet und bin positiv überrascht.


SKULL FIST

Mensch

Philipp: Huch, ich hatte eigentlich gedacht, dass Zach Slaughter mittlerweile wieder singt, aber tatsächlich zocken SKULL FIST weiterhin mit einem Extrasänger. Nachdem Brian Stephenson auf der letzten Tour einen guten Job gemacht hat, ist heute Jerry von VOLTAX dabei. Und der hat es unfasslicherweise auch total drauf! Zachary ist nach seiner OP zwar wohl auf dem Weg der Besserung, will aber offenbar noch nichts riskieren. Die Entscheidung war insofern richtig, als dass der VOLTAX-Typ wirklich total killt. Das Zelt bebt, als SKULL FIST wie die Geisteskranken über die Bühne toben. Full speed or no speed ist wie immer die Devise bei dieser Band. Und natürlich Gute-Laune Refrains, die hier jede*r mitschmettern kann. Hat sich was von wegen in Wacken liefen nur Touristen herum! „Sign Of The Warrior“ ist der Eröffnungshammer, es folgen u.a. „Back For Good“, „Chasing The Dream“, „Mean Street Rider“, “Head Öf The Pack”, “Ride The Beast”, “Get Fisted” und “No False Metal”. Wenn Jerry in High-Pitch-Modus geht, sieht man Zach des Öfteren breit grinsen. Nun bin ich aber mal langsam auf das kommende Album gespannt. Der Auftritt war jedenfalls wieder super, eine echte show of force.

Stefan: SKULL FIST hab ich seit ewigen Zeiten nicht mehr gesehen. Muss noch vor den diversen Unfällen des Herren Slaughter gewesen sein. Bin dementsprechend gespannt auf den externen Sänger! Muss sagen, der Typ macht seine Sache wirklich gut. Alle Bandmitglieder gehen gut ab und die eingängigen Refrains bringen die Menge zum Kochen. Schön eingängiger schneller Metal mit schneidenden Gitarren und erstklassigen Gesang. Es fällt mir wiederholt auf, dass die Leute hier im Bullhead City echte Fans sind und die Bands verdientermaßen abfeiern. Die Touris treiben sich, wenn es sie denn überhaupt in der immer kolportierten Menge gibt, eher aufm Infield rum. Das erste richtige Highlight des Tages!


DOG EAT DOG

Vincent: Nun stehen auch schon die alten Jungs von DOG EAT DOG auf der Wet - Stage und können ein schon gut gefülltes Zelt anheizen. In den Neunzigern waren DOG EAT DOG angesagt und hatten eine große Fangemeinde, welche sie heute auch mit ihrem alternativen Hardcore Mix in den Bann ziehen. Der Sänger hat sein Haar ordentlich geflochten und kann überzeugen.


GRAND MAGUS


GRAND MAGUS

Philipp: Was nun folgt, kann getrost als einer der Höhepunkte bezeichnet werden: GRAND MAGUS gelingt ein Triumphzug of steel. Es ist eines der Konzerte, bei denen alles stimmt, alles zusammenkommt: Das Zelt ist gefüllt bis zum Bersten, viele gucken noch von draußen zu. Der Sound ist hervorragend, wobei man sagen muss, dass die Bands im Zelt fast ausnahmslos gut klingen, vor allem wenn man sich im vorderen Bereich aufhält. Und schließlich sind GRAND MAGUS in bester Form, so klingt JBs Stimme einfach herrlich. Nach dem „Conan“-Intro geht es mit „I, The Jury“ fulminant los. Ah, diese Epik, dieser Pathos! Es folgen “Varangian”, “On Hooves Of Gold”, “Steel Versus Steel”, “Like The Oar Strikes The Water” und “Forged In Iron – Crowned In Steel”, bevor mit “Iron Will” und “Hammer Of The North” die beiden größten Bandhymnen ausgepackt warden. Es zeigt sich, dass die neuen Songs live absolut bestehen können – ich finde ja eh, dass „Sword Songs“ in diversen Rezensionen zu schwach bewertet wurde. Die euphorischen Reaktionen scheinen auch die Band selbst zu beeindrucken, aber vielleicht hat Bassist Fox auch schlicht Dreck im Auge, den er kurz wegwischen muss… Beim letzten Song gibt es kein Halten mehr, der langgezogene „O-ho“-Chor ertönt lauter als die Band und wird noch lange nach dem Konzertende weitergeschmettert, ertönt sogar hier und da noch den ganzen Tag über. Nächstes Mal Hauptbühne?

Anke Black: Nachdem GRAND MAGUS im letzten Jahr leider nicht, wie eigentlich angekündigt, beim Metal Hammer Paradise auftreten konnten, war ich nun ganz erwartungsfroh, was mich live erwarten würde. Habe ich sie bisher doch ausschließlich aus der Box gehört. Und was dann kam, war einfach nur klasse!!! Pures Wickinger-Feeling mit heroischem Gesang, mitreißenden Riffs und kesselndem Schlagzeug  - wie ein Eroberungszug durch eine felsige, raue Landschaft, bei dem einem der Regen frontal in die bärtige Fresse drischt, aber das ist egal! Man will genau dort und nirgendwo anders sein! Songs wie „I, The Jury“, „Varangian“, „On Hooves of Gold“, „Steel versus Steel“, „Like the Oar strikes the Water“, „Forged in Iron – Crowned in Steel“ sind absolut passend für das Feeling, den Tag und das Publikum. So sehr, dass auch nach Ende des Auftritts das gesamte Zelt beim Zug an die frische Luft die Melodie des letzten Songs „Hammer of the North“ immer weiter johlt und dazu herrlich gelassen mitwippt  - fast schon schnulzig, aber schön.

Stefan: GRAND MAGUS liefern für mich nun das absolute Highlight des diesjährigen Wacken. Das 'Conan'-Intro ist der perfekte Start für einen Triumphzug sondergleichen. Hier stimmt einfach alles, außer vielleicht der zu kurzen Spielzeit. Selten so eine großartige Stimmung auf einem Festival erlebt. Das komplette Zelt feiert die bestens aufgelegte Band gnadenlos ab. Kein Wunder bei Hits wie z.B. 'Steel Versus Steel', 'Iron Will' oder 'Hammer Of the North'. Man fragt sich, warum so eine Band nachmittags im Zelt spielt, während diverse Schrottbands auf den Hauptbühnen spielen dürfen. Andererseits wäre so eine Stimmung dort vielleicht nicht möglich gewesen. Die 'O-ho'-Chöre hallen noch einige Zeit nach!


GRAND MAGUS

Strecker: Der Freitag soll ein langer Tag werden und daher hatte ich beschlossen, dass ich den Tag in aller Ruhe beginne, treibe mich daher erst mal auf dem Gelände rum und lasse die ersten Konzerte ausfallen. Wie die waren und worüber ich mich im Nachhinein ärgern muss, kann ich ja auf Dremufuestias.de nachlesen. Nach einem zweiten Frühstück – in Fachkreisen auch Bier genannt – bin ich denn rechtzeitig zu GRAND MAGUS vor der Bühne. Bereits vor Konzertbeginn herrscht eine sehr gute Stimmung in dem rappelvollen Zelt und bei Konzertbeginn merkt man dann, dass die Meute auf Heavy Metal aus Schweden gewartet hat. Die Band wird von Beginn an gefeiert und es wird mitgesungen und -gebangt. Songs wie „Hammer Of The North“, „Iron Will“ und „Steel Versus Steel“ laden dazu natürlich auch ein. Die Band ist merklich angetan von der Stimmung im Zelt und steigert sich von Songs zu Song. Für mich ist das GRAND MAGUS Konzert eines der Highlights des Festivals. Nächstes Mal bitte auf einer der Opn Air Bühnen und nicht mehr im Zelt.

Rüdiger: Auf GRAND  MAGUS, eine schwedische Stoner-Doom-Band, habe ich mich gefreut, kannte ich sie doch bisher nur von CD-Aufnahmen. (Na ja, die Stoner-Einflüsse liegen mittlerweile aber schon Jahre zurück. Anm. Red.) Wie häufig bei skandinavischen Gruppen haben ihre Texte Natur, Heidentum und Kraft zum Thema. Insbesondere der letzte Aspekt wird von Sänger und Gitarrist Janne „JB“ Christoffersson musikalisch grandios auf die Headbangers Stage gebracht. Mats Fox Hedén Skinner am Bass und Ludwig Witt an den Drums vervollständigen das Metal-Trio. Aber auch zu dritt liefern sie einen beeindruckenden Sound ab. Songs wie „Varangian“, „Steel Versus Steel“, „Forged in Iron-Crowned in Steel“, „Iron Will“ oder „Hammer of the North“ sind einfach großartig.

Einzig negativ, das Konzert ist zu kurz. Aber da freue ich mich schon auf das nächste Mal.

Vincent: Kurz frische Luft schnappen und weiter geht es dann mit GRAND MAGUS aus Schweden. Die Wikinger bieten uns Stoff vom neuen Album „Sword Songs“, welche clean vom glatzköpfigen Sänger dargeboten werden. GRAND MAGUS haben mich schon lange begeistert und lassen ein am Ende singendes Publikum zurück… OHHHH …OHHHH……


THE DILLINGER ESCAPE PLAN

Vincent: THE DILLINGER ESCAPE PLAN mit ihren eigenwilligen Songs begrüßen uns, die Band legt viel Wert auf Disharmonien und fette Songbrocken, welche schwer verdaulich sind, auch hier eine feste Fangemeinde, die wie eine Wand hinter den Musikern steht. THE DILLINGER ESCAPE PLAN sind immer an mir vorbeigezogen, ohne einen festen Eindruck zu hinterlassen, nun kann ich mir ein Bild machen. So kann es für mich weitergehen…


PRONG


PRONG


Philipp: Nach einer kurzen Snackpause sind wir zurück. Irgendwie waren PRONG etwas aus der Reichweite meines persönlichen Radars entschwunden, vielleicht hat mich ihr VÖ-Overkill der letzten Jahre auch abgeschreckt bzw. übersättigt. Umso überraschter bin ich, wie angriffslustig und frisch sich die Band präsentiert! Mit dem Opener „Disbelief“ haben mich Tommy Victor und seine Sidekicks gleich im Sack, handelt es sich hier doch um das erste Stück der 1987er Debut-EP „Primitive Origins“. Das Ding kommt mit enormer Wucht aus der PA geschossen und unterstreicht, dass PRONG mal ganz deutliche HC/Punk-Einflüsse hatten. „Ultimate Authority“ stammt dann vom 2016er Longplayer und überrascht mich positiv, denn obwohl das Stück im Grunde klassische PRONG-Zutaten recycelt, ist es richtig mitreißend und zwingt die Hörer*innen dazu, den stahlharten Groove mitzustampfen. Es folgt eine gelungene Mischung aus Klassikern und neueren Songs, darunter „Beg To Differ“, „Unconditional“, „Broken Peace“, „Whose Fist Is This Anyway?“ und „Snap Your Fingers, Snap Your Neck“. Im Zelt geht ein amtlicher Slamdance – PRONG haben ihre Spielzeit optimal dafür genutzt, sich nicht nur bei mir zurück ins Gedächtnis zu rufen. Dafür sind Festivals eine optimale Gelegenheit – es gibt ja immer wieder Bands, die man sich (nicht mehr) unbedingt auf einem Einzelkonzert angucken würde und denen man sozusagen noch eine Chance gibt, wenn man schon vor Ort ist.  

Anke Black: Ganz anders geht es nun mit PRONG weiter, die ich im letzten Jahr einmal in der Kieler Pumpe gesehen habe. Schon hier ist mir ihr straighter Stil positiv aufgefallen, der mich auch jetzt schnell wieder ansteckt: flottes Tempo, kompromissloser Gesang, derbes Gitarrenspiel und gelungene Rhythmuswechsel gespickt mit melodischen Parts durchziehen den Auftritt und lassen alle Anwesenden bereitwillig mitgrooven. Vor allem Songs wie „Ultimate Authority“, „Unconditional“ „Divide and Conquer“, „Whose Fist is this anyway“ und „Snap your Fingers, Snap your Neck” reißen mit und ziehen die Menge in den PRONG-Bann. Unterm Strich ist der Auftritt ist eine ordentliche Ansage, die ich auch beim nächsten Mal gern über mich ergehen lasse!

Stefan: Weiter geht der Wahnsinn mit PRONG. Seit fast 30 Jahren bin ich Fan dieser Band, auch wenn ich nicht jedes Album besitze oder jede Tour besuche. Wie Philipp sagen würde: Heute hab ich hart Bock! Von Beginn an ist der Sound erstklassig und druckvoll. Die Setlist ist ein gelungener Mix aus älteren Klassikern wie bspw. 'Beg To Differ' oder 'Unconditional' und Stücken neueren Datums wie 'Ultimate Authority'. Wenige Bands schaffen es meiner Meinung nach bei aller Härte so zu grooven wie PRONG. Einzig negativ ist für mich manchmal das etwas aufgesetzt wirkende bollig aggressive Auftreten von Bassist Jason Christopher. Aber man kann ja woanders hingucken! Das abschließende Doppel 'Whose Fist Is This Anyway?' und 'Snap Your Fingers, Snap Your Neck' ist nahezu unübertroffen. Hammer!


PRONG


Strecker: Zwischenzeitlich hat sich das Zelt etwas geleert, aber rechtzeitig zu dem PRONG Konzert sind alle wieder da und das Zelt ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Man merkt Prong sofort an, dass die Band mit dieser Fülle nicht gerechnet hat und man hat das Gefühl, dass sich die Band noch mehr ins Zeug legt als sonst. Songs wie „Disbelief“ und „Snap You Fingers, Snap Your Neck“ sind natürlich auch großartig und so verwundert es nicht weiter, dass eine ausgelassene Stimmung im Publikum herrscht und PRONG ordentlich gefeiert werden. Schönes Konzert.

Rüdiger: Mit dem Dreizack als Bandlogo spielen PRONG seit über 30 Jahren so eine Mixtur aus Trash und Hardcore. Ich habe die Gruppe schon ein paarmal gesehen und bin  jedes Mal von dem kompromisslosen Stil angetan gewesen.

Auch dieses Mal beeindrucken die Jungs, Tommy Victor (Gesang, Gitarre), Jason Christopher (Bass) und Art Cruz (Drums), mit einem engagierten Auftritt. Das musikalische Highlight kommt mit „Snap Your Fingers, Snap Your Neck” am Ende und weckt schon jetzt die Vorfreude auf das nächste, dann sicher längere Prong-Konzert.  

V
incent: Die experimentierfreudigen PRONG entern die Bühne, welche ich leider nicht ganz mitbekomme, weil ein paar Herren Redebedarf hatten. In dem Gewühl aus Menschen und Schlamm treffen wir viele alte und neue Freunde. Im Wackiger -Village, auf einem leichten Hügel gelegen und mit vielen Mittelalter Freaks übersät, bieten uns Mad Max und Feuerspucker eine Abwechslung und wir testen den guten Met, welcher mit Eiswürfeln serviert wird.


SACRED REICH

Philipp: Ich hatte ein wenig darauf gehofft, dass SACRED REICH sich anlässlich des „Ignorance“-Rereleases eine darauf fokussierte Setlist gönnen, immerhin heißt das Tourmotto ja auch „30 years of Ignorance“. Das war der Band dann gerade für einen Festivalgig wohl zu gewagt und so gibt es „nur“ ein Greatest-Hits-Programm. Aber obwohl man dieses in den letzten Jahren häufiger gesehen hat, reißen die Thrasher total mit! Die Riffs kommen mit unerhörter Vehemenz und sehr aggressiv aus den Boxen geschreddert, sodass den ganzen Auftritt über große Circle Pits durchs Zelt kreiseln. Mir taten bis gerade eben unmenschlich die Füße weh, aber plötzlich ist die Pein wie weggeblasen. Healed By Metal! (Jetzt weiß ich auch, wie GRAVE DIGGER auf diesen Plattentitel gekommen sind…) Phil Rind ist wie immer guter Dinge und schreibt auch später im Netz: „What a fantastic and enthuasiastic response. We loved it!“ Leider konnten wir seinen Spoken-Word-Auftritt nicht sehen, der ca. drei Stunden vor der SACRED-REICH-Show stattgefunden hat. Aber auch innerhalb der SR-Songs werden relevante Inhalte transportiert – Texte wie „Crimes Against Humanity“, „The American Way“ oder „One Nation“ sind in der heutigen Metalszene so wichtig wie Wasser in der Sahara! Der Riff von „Death Squad“ kriegt mich übrigens immer wieder, was für ein Killersong! SACRED REICH wollten sich ursprünglich ausschließlich für Konzerte wieder zusammenfinden, haben aber nun doch entschieden, einen neuen Longplayer zu schreiben. Da darf man wirklich gespannt sein!

Anke Black: Ähnlich straight geht es nun im Zelt mit SACRED REICH weiter. Die Band um Phil Rind hatte ich im letzten Jahr auf dem Headbangers Open Air das erste Mal gesehen und war beeindruckt vom kompromisslosen Stil der Songs. Schönes Geholze mit ordentlich Geknüppel an den Drums und an der Gitarre, dazu zahlreiche Wechsel in Tempo und Rhythmus mit einem Schuss Melodie. Das steckt die schwitzende Menge an und animiert sie trotz der stickigen Luft zum gnadenlosen Moshen und Pitten. Bei mir sind es vor allem die Songs „The American Way“ und „Who´s to blame“, die sich auf meiner Festplatte unabdingbar unter dem Namen SACRED REICH eingebrannt haben.


SACRED REICH

Stefan:
SACRED REICH sind nun schon seit einigen Jahren wieder an der Livefront aktiv und feiern in diesem Jahr das 30-jährige Jubiläum ihres Klassikers 'Ignorance'. Die Setlist wird aber nicht dementsprechend angepasst und so gibt es die gewohnten Standards 'The American Way', 'Death Squad' oder 'Crimes Against Humanity'. Das kommt der Stimmung natürlich zugute und der Mob ist ordentlich am Toben. Phil Rind ist wie immer der Obersympath und null aufgesetzt. Das abschließende 'Surf Nicaragua' ist wieder mal der absolute Nackenbrecher. Zur Krönung hat mir nur SACRED REICHs grandiose Version von 'War Pigs' gefehlt.

Strecker: So ist es manchmal eben, erst sieht man Bands gefühlte Jahrzehnte gar nicht und dann spielt die Band überall, wo es eine Steckdose gibt. Im Falle von SACRED REICH geht es mir so und ich finde es gut. SACRED REICH machen auch heute wieder klar, dass sie noch lange nicht zum alten Eisen zählen und immer noch eine grandiose Live-Band sind, die eine Spielfreude an den Tag legt, von der sich manch eine jüngere Band noch ordentlich was abgucken kann. Nörgler könnten der Band zwar vorwerfen, dass sie musikalisch in den 80igern stehen geblieben ist, aber wer will von SACRED-REICH New Metal oder so was hören. Ich denke mal keiner und so wird der Speed Metal der alten Schule auch von den Zuhörern gebührend gefeiert.

Rüdiger: SACRED REICH, eine US-amerikanische Thrash-Metal-Band aus Phoenix, Arizona, kenne ich noch nicht. Ihre Texte sollen sich vornehmlich kritisch mit sozialen und politischen Belangen in Bezug auf die republikanische US-Politik der Reagan- und Bush-Ären auseinandersetzen. Das entspricht meiner politischen Einstellung und so bin ich entsprechend erwartungsfroh.

Zwar mag die Musik die politischen Ideen nicht so richtig transportieren zu können, so ist sie doch wirklich guter Metal. Sänger und Bassist Phil Rind überzeugt nicht nur mich. Mit den Gitarristen Wiley Arnett und Jason Rainey sowie dem Drummer Greg Hall bietet er eine aggressive und dynamische  Vorstellung. So kann es weiter gehen.


EMPEROR

Vincent: So vorbereitet für die nun um 21.30h. auf der Faster-Stage folgende Show von EMPEROR aus Norwegen, Mann, sind wir nervös…. Sind EMPEROR doch selten live zu bewundern und hatten sie in den  Neunzigern einen Kult Status im Black Metal hinterlassen. So entern meine Helden pünktlich die Stage und tauchen Wacken in eine bizarre Welt aus nordischer Urgewalt, Dunkelheit, Magie und Wahnsinn. Sänger IHSAHN sieht mit seiner dicken Hornbrille aus wie ein intellektueller, nachdenklicher Künstlertyp und so gar nicht nach „Inner Circle Elite Black Metaller“… Auch Gitarrist SAMOTH ist den Kinderschuhen entstiegen und bietet eine souveräne Show aus präzisem Gitarrenspiel und Metal Posing. Wie im Vorfeld angekündigt, spielen die Herren das komplette „Anthems To The Welkin At Dusk“-Album live durch. Was nach über 21 Jahren für ein paar Verspieler sorgt, die aber von uns überhört werden. Haben uns EMPEROR in ihren Bann gezogen, mein Kumpel filmt ungläubig das Geschehen auf der Bühne und ich gebe alles, was ich habe, um den Herren meinen Respekt zu zollen. Nach dem Klassiker „ I Am The Black Wizard “ vom „In The Nightside Eclipse“-Album ist die Show leider schon beendet.


FATES WARNING


FATES WARNINGFATES WARNING


Philipp: FATES WARNING sind nach 1993 zum zweiten Mal in Wacken und Ray Alder zum dritten, denn der gastierte mit ENGINE im Jahr 2000 auch noch einmal hier. Für einen Musiker, der das Festival in derart großen Abständen besucht, muss das eine abgefahrene Erfahrung sein. Ich kann mich an beide Shows gut erinnern, beide waren richtig gut, und erfreulicherweise haben FATES WARNING sowie auch Ray Alder seitdem nichts verlernt. Im Gegenteil, die neue FATES WARNING „Theories Of Flight“ zählt zu ihren allerbesten Alben und die Konzerte der dazugehörigen Tour zeigten die Band auf ganz hohem Niveau. Erfreulich ist auch, wie viele Leute mittlerweile zu den Shows kommen und dass diese gerade auch die neuen Stücke feiern. So wird bereits der Opener „From The Rooftops“ mit Begeisterung empfangen. Ich liebe diesen Song mit seinen wunderbaren Gesangslinien und dem doppelstimmig gesungenen Refrain. Der Sound ist glasklar, so dass die hypnotisierenden Matheos-Riffs ihre volle Wirkung entfalten können. Das begeisternde Zusammenspiel der Musiker kann niemals langweilig werden, auch wenn man die Band allein in diesem Jahr jetzt schon mehrfach gesehen hat. Im gesamten Set, der natürlich gerade bei einer solchen Band viel zu kurz ausfällt, gibt es keinen schwachen Moment, nicht bei „One“, nicht bei „Eleventh Hour“, nicht bei „Point Of View“, na, und so weiter…

Anke Black: Mit FATES WARNING folgt nun eine Band, die ich in diesem Jahr auf dem Rock Hard Festival schon einmal gesehen habe, jedoch neben Bands wie Night Demon, Ross the Boss, Dirkschneider und Opeth eher am Rande registriert hatte. Shame on me (!), denn erst hier fällt mir die tolle, harmonische Stimme von Ray Alder auf. Er singt glassklar, quasi klassisch ungeschnörkelt und steht damit im ersten Moment irgendwie im Gegensatz zum progressiven Stil der Songs. Doch der Schein trügt, da sowohl er als auch die  Musiker dadurch erst so richtig zur Geltung kommen. Das ist vor allem in den Parts zu merken, in denen sie zu einem stimmigen Ganzen zusammentreffen und die Menge in einen angenehmen Flow versetzt wird. Die Band strahlt etwas ganz Eignes, trotz des Stils Beruhigendes aus, was ansteckt und nachwirkt!


FATES WARNINGFATES WARNING


Stefan: Zum 3. Mal in diesem Jahr gibt es für mich FATES WARNING zu sehen. Langweilig wird es bei dieser Band nie! Leider ist gerade bei ihnen der Sound im Gitarrenbereich nicht ganz optimal, aber die Stimme von Ray Alder thront mal wieder über allem und macht diesen kleinen Makel wett. Der neue Gitarrist Michael Abdow wirkt manchmal noch, als wenn er nicht wirklich glauben könnte, mit wem er dort auf der Bühne steht, macht seine Sache handwerklich aber ausgezeichnet. Das aktuelle Album 'Theories Of Flight' ist ein absolutes Highlight in der Karriere von FATES WARNING und ist dementsprechend gut in der Setlist vertreten. Speziell 'Seven Stars' ist für mich jetzt schon ein Klassiker und brauch sich nicht neben Jahrhundertwerken wie 'Eleventh Hour' oder 'Point Of View' verstecken. Klasse!

Strecker: Mit FATES WARNING steht nun eine Band auf der Bühne, die zum Zuhören und nicht so sehr zum Mitmachen einlädt. Dies ist auch mal schön und die angeschlagenen Ohren können etwas entspannen und sich dem Progressiv-Metal von FATES WARNING hingeben. Ich finde es faszinierend, mit welcher Leichtigkeit sich die Band durch die komplexen Songs spielt und es trotzdem schafft, dabei völlig entspannt zu wirken. Vor allem Sänger Ray Alder führte souverän durch das atmosphärische Konzert. Sehr schön und entspannend.

Rüdiger: Als vorletzten Act des Tages haben wir mit FATES  WARNING eine US-amerikanische Metal-Band ausgesucht, die progressive Metalmusik im besten Sinne spielt. Das exzellente Gitarrenspiel von Jim Matheos und Michael Abdow mit seinen komplexen Riffs und Tempowechseln bildet die musikalische Basis, Ray Alders angenehm warme Stimme erzeugt einen tollen Sound. Joey Vera am Bass und Bobby Jarzombek an den Drums ergänzen hervorragend. Eine wunderbare Einstimmung auf den nun folgenden Top Act.


FATES WARNING


MEGADETH

Rüdiger: MEGADETH zählen für mich schon lange zu den besten Metalbands. Die US-Amerikaner zählen zu den Pionieren der dortigen Trash-Szene und werden in einem Atemzug mit Metallica oder Slayer genannt. Ich habe die Band schon ein paarmal erlebt und weiß, welch ein musikalisches Highlight mir bevorsteht.

Die Jungs um die Gründungsmitglieder Dave Mustaine (Guitar, Vocals) und David Ellefson (Bass, Vocals) präsentieren sich in absoluter Hochform, Kiko Loureiro (Keyboard, Vocals) und Dirk Verbeuren (Drums) nicht minder. Schon die ersten Songs „Hangar 18“, „Wake Up Dead“ und „In My Darkest Hour“ versetzen die an die 70.000 Fans in Metal-Extase und dieses Feeling zieht sich das gesamte Konzert, um schließlich mit „Peace Sells“ und als Zugabe „Holy Wars“ furios zu enden.

Wohl dem, der eine gut trainierte Nackenmuskulatur hat, bei diesem großartigen Konzert kann man sie gebrauchen.

Anke Black: Auf MEGADETH bin ich sehr gespannt, vor allem auf einer großen Bühne wie der Harder Stage, nachdem ich sie bisher einmal im Hamburger Docks auf einer doch eher kleinen Bühne gesehen habe. Und ja, die Wirkung von Band und Songs ist doch eine ganz andere! Zwar scheint sich der Sound anfänglich etwas zu überschlagen, aber nach den ersten beiden Stücken ist es einfach nur ein mitreißendes Konzert. Die Atmosphäre ist geradezu apokalyptisch und Mustaines metallene Stimme schmettert wie ein eigenes Instrument über das gesamte Gelände in die windige Mondscheinnacht. Songs wie „Sweating Bullets“, „Conquer or Die“, „Lying in State“, „Trust“, „Fatal Illusion“, „Tornado of Souls“, „Symphony of Destruction“ (um nur einige zu nennen) werden von den Fans aufgesaugt und gebührend gefeiert! Mit „Holy Wars... The Punishment Due“ endet der gelungene Auftritt  um halb eins in der Nacht und hinterlässt etwas müde, aber in jedem Fall zufriedene Fans.

WOLFBRIGADE


WOLFBRIGADEWOLFBRIGADE


Philipp: Diese Band in Wacken zu sehen, ist insofern kurios, als dass WOLFPACK/WOLFBRIGADE lange Jahre eher den Eindruck erweckt haben, sich lieber durch den tiefsten Underground zu wühlen. Köpi, Rote Floa, Meierei – außerhalb autonomer Zentren waren die Schweden im Grunde nicht unterwegs. Aber offenbar machen sie jetzt beides und spielen neben solchen Sachen auch große Festivals, letztes Jahr zum Beispiel Party.San und Brutal Assault, davor Hellfest und jetzt eben Wacken, am Wochenende zuvor noch auf einem DIY-Punk-Fest. Bei manchen Bands funktioniert das ja dann nicht so richtig, aber WOLFBRIGADE kannste auch mal auf so einer großen Bühne haben. Die Gitarren fräsen richtig was weg, Micke röhrt angepisst und der klassische D-Beat powert das Ganze voran. Wobei man eben auch dieses erhabene Element in ihrer Musik hat, irgendwer bezeichnete das mal als Edel-Crust. Jedenfalls unterscheiden sich WOLFBRIGADE schon deutlich von der typischen Dis-Band. Ich freue mich über ganz alte Schoten noch aus WOLFPACK-Tagen wie „No Future“ (dieser Refrain!) und „Living Hell“, aber natürlich zünden „Nomad Pack“, „Outlaw Vagabond“ oder „Warsaw Speedwolf“ ebenso wie so’n Atombömbchen direkt im Hirnkasten. Im Zelt ist es zwar nicht gerade brechend voll, aber WOLFBRIGADE dürften durchaus ein paar frische Ohren erreicht haben.

Stefan: Dass ich eine Band wie WOLFBRIGADE auf einem Festival wie Wacken das 1. Mal sehen würde, hätte ich auch nicht gedacht. Ich kenn mich jetzt nicht wirklich mit dem Material der Band aus, die Band ist mir aber durchaus ein Begriff. Das Gute an Festivals ist ja, dass man Bands einfach mal antesten kann. Ist ja alles schon bezahlt! Das Zelt ist nicht ganz so voll wie bei manch anderen Bands, die Stimmung ist aber trotzdem gut. Klassischer D-Beat und ab geht es! Ich kann jetzt nicht mit Songtiteln glänzen und kenne mich im Crust auch nicht wirklich aus, fühle mich aber erstklassig unterhalten.

Strecker: Schluss mit Ruhe und Entspannung – weiter geht es mit Wolfbrigade. Der Crust Punk der Schweden ist offensichtlich nicht für jeden Wacken-Besucher etwas, denn das Zelt hat sich merklich geleert. Dies kommt mir sehr entgegen, weil ich in diesem Jahr auch für einige Bilder sorgen soll, kann ich mich trotzdem während des Konzerts schnell mit Getränken versorgen und danach wieder vor die Bühne und habe eine gute Sicht. WOLFBRIGADE sind schnell, aggressiv und wütend und dies zeigen sie in jeder Phase des Konzerts. Die Zuschauer danken dies der Band mit Pogoeinlagen und lautem Beifall. Gelungenes Konzert, das gerne noch etwas länger hätte gehen können.


CANDLEMASS


CANDLEMASSCANDLEMASS


Philipp: Gleich mehrere Umstände machen diese CANDLEMASS-Show zu einer ganz besonderen: Ich traue meinen Augen nicht, aber da steht tatsächlich Leif Edling auf der Bühne! Mats Levén sagt später auch an, dass dies das erste CANDLEMASS-Konzert seit drei Jahren ist, bei welchem der Bandgründer mitspielt (Leid Edling leidet immer noch unter den Folgen eines Burn-Outs und darf nur einige wenige Konzerte im Jahr spielen). Und die Band zockt das komplette „Nightfall“-Album! Tatsächlich halten sich die Doomer sogar an die Chronologie der Tracklist und bieten alle sieben Songs mitsamt Intro, Outro und diesem Zwischeninstrumental „Marche Funebre“. Ist das geil! Zumal Mats Levén noch besser geworden ist, seitdem ich ihn beim letzten Mal als Sänger von CANDLEMASS gesehen habe. Ich überlege tatsächlich, ob er nicht sogar der ultimative Sänger für diese alte Legende ist. Und das, obwohl ich großer Messiah-Freund bin! Levén trägt übrigens ein Shirt mit der Aufschrift: „He’s not the messiah, he’s a very naughty BOY!“… Als die „Nightfall“-Darbietung „At The Gallows End“ erreicht, krabbelt wohl allen Anwesenden eine dicke Gänsehaut den Rücken hoch: „Sunrise I greet you, the beauty of your light / So warm and tender was never the night / In tears I see you, the last time it will be / So give me your blessing, I’ll meet my destiny“. Aber jeder Song dieses Albums ist ja ein Monument, „Samarithan“, „Dark Are The Veils Of Death“ und das finale „Bewitched“ stoßen auf Tausende Doom-Jünger*innen, die diesen Auftritt ganz sicher nicht als Geißelung empfinden. Doom on!

Stefan: Von Prog über Crust und nun zum Doom. CANDLEMASS zelebrieren ihre Messe. Anfangs gucken wir verwundert, aber es ist tatsächlich Leif Edling, der dort auf der Bühne steht. Wie wir später erfahren, ist es der 1. Auftritt seit drei Jahren des Gründungsmitgliedes, der seit einiger Zeit an einem Burn Out leidet und sich lt. ärztlichem Rat immer noch schonen muss. Am kommenden Wochenende beim Party.San ist er bspw. nicht dabei. Die 2. ganz große Überraschung ist die komplette Aufführung des 'Nightfall'-Albums. Ich bin nicht immer ein Fan davon, Alben komplett in chronologischer Reihenfolge aufzuführen, aber in diesem Fall MUSS man einfach nur andächtig lauschen. Was für ein Album! Sänger Mats Levén (Klasse T-Shirt!) singt fantastisch und ist nicht mehr aus der Band wegzudenken. Geschichtsträchtiger Auftritt!

Strecker: Mit CANDLEMASS wird es wieder ruhiger, aber nicht weniger intensiv als bei WOLFBRIGADE – nur eben auf eine andere Art und Weise. Nach krankheitsbedingter Auszeit ist Bassist Leif Edling zurück bei CANDLEMASS. Die Band scheint ihm doch gefehlt zu haben, denn der Bassist grinst die ganze Zeit und singt die Songs mit. Dies mag für eine Doom-Band zwar ungewöhnlich sein, zeigt aber, dass die Musik durchaus Spaß macht und nicht nur traurig und schwermütig ist. Die Stimme von Mats Leven gehört ohnehin zu Besten im Doombereich und so wird das ohnehin grandiose Album „Nightfall“, das in voller Länge gespielt wird, noch einmal veredelt. Tolles Konzert und ich hoffe auf eine Live CD.


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PSYCHOTIC WALTZ


PSYCHOTIC WALTZPSYCHOTIC WALTZ


Philipp: Spätestens als PSYCHOTIC WALTZ für das diesjährige Wacken angekündigt wurden, gewann ich den Eindruck, dass beim Wacken-Booking auch Menschen mit Geschmack sitzen MÜSSEN. Es wird ja wiederholt behauptet, dass das Wacken-Billing ausschließlich von Plattenfirmen bestimmt wird. Darin wird sicherlich ein Körnchen Wahrheit liegen, zumindest werden Nuclear Blast etc. einen gewissen Einfluss haben. Aber hinter vielen Bands, welche unser Dremu-Team dieses Wochenende sieht, steckt schlicht keine große Finanzpower oder Lobby. Anyway, Bock auf ‘nen Walzer! Die Proggies sind bekanntlich seit 2011 reuniert  und haben seitdem mehrfach gezeigt, dass sie auf der Bühne an ihre Glanzzeiten anzuknüpfen vermögen. Dieser typische Fluss im Zusammenspiel, die träumerisch schwebenden Gitarrenharmonien und natürlich Devon Greves unnachahmlicher Gesang – das alles zieht die Hörer*nnen in seinen Bann. „Ashes“ enthält einige der unglaublichsten Gitarrenabfahrten, die ich persönlich kenne. „Another Prophet Song“ zeigt, dass es möglich ist, komplexe Strukturen mit Tiefgang und melancholischen Gesangslinien zu verbinden. Zeitlos gut natürlich auch „I Remember“, welches schon längst dem Status einer Tull-Hommage entwachsen ist und derbe unter die Haut geht. Kritikpunkte? In diesem Fall muss wirklich eine viel zu kurze Spielzeit bemängelt werden. Aber die gute Nachricht ist, dass PSYCHOTIC WALTZ endlich kurz vor dem Release ihres fünften Albums stehen!

Danach könnten wir uns noch KRYPTOS angucken, aber nun sind die Schmerzen in den Füßen zu diabolisch geworden, so dass wir lieber zu unserem Camp zurückhumpeln.

Stefan: Die letzten Kräfte werden mobilisiert, schmerzende Füße ignoriert und weiter geht es mit PSYCHOTIC WALTZ. Eine großartige Band, die für mich aber in diesem Slot etwas verschwendet ist. Eine allgemeine Müdigkeit ist doch erkennbar, vor allem auch bei mir. Songs wie 'I Remember' oder 'Another Prophet Song' entfalten natürlich auch hier ihre Magie. Ich würde mir aber wünschen, dass ich PSYCHOTIC WALTZ demnächst nochmal sehen könnte, ohne dass ich den ganzen Tag schon x Bands vorher gesehen habe. Am besten natürlich dann mit dem schon länger angekündigten 5. Album im Gepäck! 

Strecker: Ich mag PSYCHOTIC WALTZ wirklich und ich gucke mir auch sehr gerne Konzerte von der Band an, aber nachts um 2 nach einem harten Tag im Büro fällt es mir doch schwer, der Band die nötige Aufmerksamkeit zu geben, um die komplexen Songs entsprechend zu würdigen. Dies scheint nicht nur mir so zu gehen. Im Zelt tummeln sich nur noch ein paar hundert Menschen, die auch eher lethargisch statt begeistert wirken. PSYCHOTIC WALTZ ist dies zum Glück egal und so bietet die Band eine routinierte Show, die wesentlich mehr Zuhörer verdient gehabt hätte.

Ich bin durch mit dem Tag und will nur noch aus den Schuhen raus und schlafen und dies tue ich dann auch. Gute Nacht.


PSYCHOTIC WALTZ

Freitag-Fazit von Vincent, der nur diesen Tag besucht hat:

Vincent: Und wir ziehen begeistert durch den Matsch, wo uns Freunde noch kurz in den VIP - Bereich lassen, um uns ein sehr sauberes und gut ausgestattetes Catering zu präsentieren. Meinem Kumpel ist das alles zu viel und wir machen uns auf den recht beschwerlichen Heimweg zum Auto, vorbei an ein Paar Campingplätzen und der Wacken Party Meile. Fazit: Der Wacken Freitag war für mich musikalisch interessant, konnte ich die anderen Festival Tage leider nicht mitgenießen, weil ein paar Herren in den Winterschlaf gefallen waren. Uns erwarteten in Wacken freundliche Menschen vor und hinter den Bühnen, motivierte Bands, coole Drinks, viel Schlamm, eine riesige Logistik, die über 28 Jahre zusammen gewachsen ist, Multikulti aus aller Welt und vor allem eine friedliche Festival-Grundstimmung, wenn wir mal die vielen Ballermann Party Touristen weglassen. Auch war die mediale Aufmerksamkeit im Radio, TV und Internet enorm. Vom Telecom Livestream über drei Tage und große Sponsoren war alles vertreten. Anscheinend will der Metaller von heute ein durchorganisiertes Festival, mit festen Duschen, Hotel, jede Menge an Unterhaltungsprogramm und Sicherheit. Es gibt genug Alternativen zum Wacken Open Air und sicherlich kleinere und persönlichere Festivals, die günstiger und Underground sind. Aber kein Metal Festival hat es zu so viel Aufmerksamkeit und Erfolg gebracht wie das Wacken Open Air im beschaulichen Schleswig-Holstein am Ende der Welt, wer hätte das noch vor Jahren gedacht.
Eingereicht von Philipp

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