ELDER DRUID, NOMADIC RITUALS, VOODOO BLOOD, MOLARBEAR / 06.10.2017 - Belfast, Bar Sub

Belfast (irisch Béal Feirst) ist mit seinen 340.000 Einwohnern etwas größer als Kiel. Umgeben von einer hügeligen Landschaft, erschien zumindest mir die Hauptstadt Nordirlands jedoch als weniger weitläufig als unsere Perle an der Förde. Nichtsdestotrotz teilen sich beide Städte viele Gemeinsamkeiten: einen Hafen, eine Werft (bei Harland & Wolff wurde die Titanic gebaut), eine lebendige Trinker-Szene und viele nette Menschen. Gerade letzteres möchte ich noch einmal betonen, die Nordiren sind wirklich ausgesprochen freundlich und das für England typische German-Bashing ist ihnen völlig fremd.

Voodoo Blood



Die Bar Sub, in der die Veranstaltung heute stattfindet, ist im Keller der Mandela Hall  gelegen und das Ganze ist ein Komplex aus mehreren Veranstaltungsstätten in der Nähe der örtlichen Universität. Die Kapazität der Bar Sub soll bei 320 liegen – ein großer Bereich vor der Bühne und dahinter eine Art Lounge mit Sitzecken und an deren Ende die Bar. Interessantes Konzept, das ich aus Deutschland nicht kenne.


Molarbear


Molarbear eröffnen den Abend gegen 21:30. Derweil im Rest des Königreichs meist mit dem Öffnen der Tür die erste Band bereits spielt, lässt man sich hier mehr Zeit. So bleibt eine halbe Stunde nach dem Einlass, um sich mit Bier zu versorgen und zu versuchen, sich an die vorherrschende Raumtemperatur zu gewöhnen. Nach meiner Schätzung liegt die bei 40 Grad, aber irgendwann nimmt die Lüftung wohl Fahrt auf und es wird erträglicher. Das Pint für GBP 2,90 und 6 verschiedene Sorten „on Tap“ - das Preisniveau liegt genau in der Mitte zwischen Supermarkt und Pub und kann nur als „günstig“ bezeichnet werden. Ich entscheide mich den ganzen Abend für Coors Light und die 4% sind definitiv nicht zu wenig.

Molarbear spielen eine Mischung aus Stoner (jaja...alles wird heutzutage als Stoner bezeichnet) und Sludge. Mal schneller, mal langsamer. 3 Gitarristen sorgen gleichzeitig für die ins Publikum krachende Soundwand und zwei von diesen teilen sich den Gesang. Der ist mal klar, dann wird auch wieder geschrien. Alles in allem durchaus eingängig und leidenschaftlich vorgetragen. Nicht unbedingt eine Neuerfindung des Genres, aber die Riffs sitzen und angepisst sind sie auch. Live gab´s einige Probleme mit dem Mikro und das Knarzen hat mir fast die Schuhe ausgezogen, aber selbst das war kein Grund, den Platz vor der Bühne zu verlassen.


Voodoo BloodVoodoo Blood


Voodoo Blood aus Manchester spielen als zweite Band und werden im Nord-Westen schon als das nächste große Ding gehandelt. Der Gitarrist erinnert mich nicht nur optisch sofort an Dave Chandler von Saint Vitus, nur eben 50 Jahre jünger. Im späteren Gespräch erklärt er mir aber, diesen nicht einmal zu kennen. Gleich Vorweg: Hier steht ein Oberkracher auf der Bühne. Teils tonnenschwere Riffs verbinden sich mit dreckigem Rock und treffen auf ein nach vorne treibendes Schlagzeug. Überall aber ist der Blues tief verwurzelt wie eine Trauerweide in dem Sümpfen Louisianas. Solos und Guitar Licks reihen sich aneinander und düsterer Voodoo schwebt über allem. Habe ich noch was vergessen?

Sängerin Kim Jennett liefert die Show des Jahres ab. Ich bin nicht sicher, ob ich auf einem Konzert bin oder bei einer Burlesque Show in New Orleans. Die Raumtemperatur steigt merklich und die Stimmung wird an dem Abend nicht mehr übertroffen werden. Die Gitarre wabert aus den Boxen, der Schlagzeuger lässt den Mega Afro kreisen derweil den Zuschauern um mich herum die Unterkiefer runterklappen und dieses in jeder Pause lautstark applaudiert. Da wird auf der Bühne posiert, sich geräkelt, mit dem Publikum gespielt und sofort hat die Sängerin uns in ihren Voodoo Bann gezogen. Manch einer vergisst für einen kurzen Moment, den Kopf im Rhythmus zu bewegen, aber trotz allem gewinnt die Musik die Oberhand. Hier ist nicht nur Optik, die Stimme der Sängerin ist 100% Blues. Kraftvoll, verführerisch und sich auch nicht zu Schade, in energische Schreie zu verfallen.

In einem Gespräch nach dem Auftritt erklärt mir ein Ire, dass er sich stark an Blues Pills erinnert fühlt, und ich stimme ihm zu, weise aber darauf hin, dies wäre doch eine Spur schmutziger und statt einer netten Hausfrau würde hier eine Voodoo Hexe auf der Bühne wüten.


Voodoo BloodVoodoo Blood


Dies war der erste Auftritt der Band außerhalb Englands und ich erfahre später, die Band würde liebend gerne mal in Hamburg spielen. Sogleich habe ich auf Anfrage das Hafenklang empfohlen und werde wohl den dortigen Booker mal ansprechen.

Fazit: Let me be your Witchdoctor! Wirklich mal was neues, super Performance, super Stimme, super Songs, super Band, super Lativ. Die Band veröffentlicht gerade ihre zweite Single und wir alle können nur hoffen, dass es so weiter geht. Höchstwertung und absoluter Anspieltip!


Nomadic Rituals


Der zweite Kracher des Abends folgt sogleich. Nordirlands Nomadic Rituals spielen überschweren Post Sludge mit Drone Einflüssen - das Publikum geht ohne Umschweife steil und ich mit. Schwerer sind nur Conan, Warhorse und Indian geben sich die Klinke in die Hand. Das, was hier gerade läuft, ist zumindest für mich intensiver als Sun O))) auf Kampagnel. Ultra heavy dröhnt es aus den Boxen, Basser und Gitarrist stehen wie in Stein gemeißelt, der Drummer hat seit Minuten nicht einmal geblinzelt. Doch dann zündet die Rakete, Riff folgt Riff, aber immer noch ist alles zäh und klebrig. Nein, das ist nicht Chart-kompatibel, das ist Kunst. Der Gitarrist keift, der Basser grunzt. Dazwischen werden einzelne Riffs mit Effektgerät immer weiter verbogen. Wird hier Luzifer gehuldigt oder dem Prinzen der Lügen gar abgeschworen? Ich weiß es nicht, ist auch egal.

Ich gestehe mir ein, trotz Coors Light langsam dicht wie Eimer zu sein (naja, da waren ja auch noch andere Biere zuvor am Start) – und dazu hammer begeistert. Ich stelle mir vor, so mag es geklungen haben, als der erste Urmensch zu den glimmenden, glänzenden Sternen am schwarzen Firmament empor blickte und sich fragte, ob es einen allmächtigen Schöpfer gäbe. Deus oder Gott mag dieser Pre-Neandertaler gegurgelt haben - ich weiß nur, das ist sowas intensiv. Sofort nach Ende geht´s zum Mercher und ich kaufe die letzte vorhandene CD. Als „Lucky Bastard“ werde ich von einem freundlichen Nordiren betitelt, der selbst eine kaufen wollte. Eben jene läuft seitdem ununterbrochen und hat die neue Slime längst verdrängt.

Voodoo Blood hatten leider kein Mercher dabei, aber ein Flyer für lau gab´s von der Sängerin. Auch super. Wie alles.

Bisher zwei Volltreffer, was für ein Underground hier und das alles für 6 GBP!


Elder Druid sehe ich auch noch, aber erinnere mich kaum, da ich langsam ganz schön eingelullt bin. Die Belfaster spielen Doom, der eher im Uptempo Bereich verankert ist und recht aggressiv zu Werke geht. Im Hintergrund scheppert´s dazu mächtig – wird mir wohl auch gefallen haben. 


Auf dem Rückweg werde ich noch von der Heilsame gesprochen, da ich wohl durch die etwas abgetragene Jacke der netten Dame „bedürftig“ erschien. Umsonst Kaffee, Tee, Obst und Schnittchen. Super! (Haha! Anm. Red)

Dort kam ich noch mit netten Nordiren (was sonst...) in ein Gespräch über deutsche Metal Bands und die sind dort scheinbar durchaus beliebt. Nicht nur die üblichen 3 Thrash Bands (K,S,D), sondern auch Tankard oder Protector haben dort ihre Fanatics. Nette Menschen dort.
Eingereicht von Philipp

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