HEADBANGERS OPEN AIR / 28.07.2017 – Brande-Hörnerkirchen, Tach 2

4.315

Philipp: 09.00 Uhr morgens im Duschcamp: Während wir uns ausziehen, quasseln ein Banger und ich über die Qualitäten von Blaze Bayley (IRON MAIDEN-verwandte Themen sind zu jeder Tageszeit und parallel zu jedweder Tätigkeit relevant). Der Typ erkennt mich plötzlich und lobt VLADIMIR HARKONNEN für den seiner Meinung nach gelungenen Gig als Support von FLOTSAM AND JETSAM. Diesen Teil des Gesprächs führen wir dann schon, als wir uns splitternackt gegenüberstehen. Irgendwie schon ein waschechter Loriot-Moment, nur ohne Streit.

Bilder von Jan ML folgen.


SATAN’S FALL


Philipp: Finnischer Speed Metal steht als Vorspeise auf dem morgendlichen Menu. SATAN’S FALL sind eine der wenigen Bands des diesjährigen Billings, die mir noch gar nichts sagen, aber die Beschreibung klingt unwiderstehlich, außerdem haben UNDERGROUND POWER Material von denen veröffentlicht, was im Grunde bereits Garant für eine gewisse Qualität bedeutet. Der Besuch lohnt sich in der Tat! Neben Speed Metal würde ich als weiteren stilistischen Einfluss die NWOBHM zählen, im Laufe des Sets blitzen zudem Bandnamen wie SATAN, VIRTUE, ANGEL WITCH, aber auch MERCYFUL FATE und JUDAS PRIEST durch mein Hirn. Da geht der bereits prall gefüllte Garten automatisch steil, zu diesem Sound recken sich True-Metal-Fäuste fast von selbst, auch wenn deren Besitzer*innen noch etwas müde erst am dritten Bier nuckeln. Die Band hat übrigens eine super Optik, die ich gar nicht näher zu beschreiben brauche – junge Typen, die echten Metal zocken und halt wissen, was sich gehört. Geiler Opener!


WARRANT

Philipp: Mit dem Comeback-Album „Metal Bridge“ konnten WARRANT meiner Meinung nach nicht ganz an die Klasse ihrer 80er Scheiben anschließen. Live wird endgültig deutlich, dass die neuen Nummern nicht mit den Stücken von „The Enforcer“ und „First Strike“ mithalten können und hier die Stimmung auch immer leicht absackt. Trotzdem macht der Auftritt natürlich wie immer Laune, zumal Besucher*innen, die gestrickt sind wie Siggi Sick, mit Showelementen wie dem Henkerbeil schwingenden Maskottchen („Wollt ihr noch einmal den Enforcer sehen?“) oder einer strippenden Nonne („Ich sagte ja mal: ‘Nuns have no fun‘, da habe ich mich offenbar geirrt“) zusätzlich weich gemacht werden. Wie Jörg Juraschek das immer in seinem zugeknöpften (!) Ledermantel aushält, bleibt ein Rätsel.  

Siggi: Warrant..hauten guten Metal in die Menge,hard u schnell.. waren ja auch so ne Art Speed metal Band...geile ansagen,gute soli,und noch ne Nonne als Show Tänzerin.. gute Band würde ich nochmal schauen,echt lockere Atmosphäre auf der Bühne,die Band hätte mal so richtig bock u spass


ATTACKER

Philipp: Auf ATTACKER hab ich jetzt mal so richtig Bock! Die US-Boys spielen für mich einen Stil, der meine persönlichen Vorlieben perfekt abdeckt. Geil gezockter US Power/Speed Metal mit einem markerschütternden Kreischer und glühenden Gitarren. Hemmungslos können ATTACKER aus nunmehr sechs starken Alben schöpfen. Den aktuellen Longplayer habe ich gerade erst abgeerntet, aber diese Stücke muss man nicht erst in hundert Durchläufen analysieren, da kannste sofort bei Erstkontakt die Rübe kreisen lassen, was „World Destroyer“ und „Carcosa“ umgehend unterstreichen. Aber natürlich gibt es vor allem ältere Stücke, die in überragender Qualität und mit viel Spaß in den Backen dargeboten werden. „(Call On) The Attacker“ dürfte als eine der Hymnen des Wochenendes ins kollektive Gedächtnis einsickern, schwere Vorschlaghämmer wie „The Hermit“, „Slayer’s Blade“, „Lords Of Thunder“ oder „Zero Hour“ stehen dieser aber kaum nach. Wenn der Mann mit den „Leather Lungs“, Bobby Lucas, screamt, können wir beobachten, wie die letzten Rasenflächen sterben. Hammer!

 
BLOOD FEAST

Philipp: Time to thrash! BLOOD FEAST haben sich fast schon zu einer Hausband des HOA entwickelt und sind mit zwei derben Auftritten gut im Gedächtnis geblieben. Ich weiß nicht, ob die Band durch den Release ihres ersten Albums seit 1989 extra motiviert ist, aber heute knüppeln sie echt alles weg. Es ist eine reine Freude, dem Schlagzeuger Joe Moore zuzugucken! Der Typ kesselt und kesselt und immer wenn du denkst, dass er jetzt doch bestimmt mal einen langsameren Beat braucht, setzt er noch einen drauf. Die ganze Band begibt sich in einen Geschwindigkeitsrausch, die Stücke erwecken häufiger den Eindruck, als würden sie sich gleich selbst überschlagen. „Menacing Thunder“ gerät da geradezu zum programmatischen Titel. Wohin man blickt grinsende Gesichter, was sich beim Publikumsausflug Chris Natalinis noch verstärkt, der samt Mikroständer von der Bühne hüpft. Neben PICTURE die Band des Tages.

Siggi: Blood Feast..der 3 Abriss auf dem HOA..bin der Meinung das war noch geiler als sonst.. slampit sofort Yes..haben die neue cd auf dem Zeltplatz vorher gehört u freute mich auf das Geschrei vom Sänger,und er hat abgeliefert,hemmungsloser lockerer derber Powergesang bis es weh tut. Dazu die Band die sich den Arsch Aufriss und so hard deinen Schädel spaltete mit powerthrash ,,das diese explosive Mischung zwischen den Gehirn Hälften eine Freude ausschütten... Alter mehr geht nicht .. der Tag war danach gelaufen


STORMWARRIOR

Philipp: Von den Hamburgern sehe ich lediglich ein paar Songs, aber die fallen tatsächlich stärker aus, als ich erwartet hatte. Der Sound ist sehr fett und die Band zieht ‘ne Menge Leute vor die Bühne. Die Kombination von RUNNING WILD und alten HELLOWEEN finde ich zwar nicht wahnsinnig originell, wird aber kompetent vorgetragen. In den Refrains fallen doppelstimmige Gesänge positiv auf.


GOTHIC KNIGHTS


Philipp: Die krass hohe Stimme des GOTHIC KNIGHTS-Sängers Gabrial Colon weckt offenbar nicht nur mein Interesse, obwohl diese US Band kaum jemanden ein Begriff ist. Musikalisch handelt es sich um melodiösen Power Metal mit guter Gitarrenarbeit, meist im Uptempo angesiedelt, unterbrochen durch einige wenige Doom-Passagen. Insgesamt empfinde ich das Songwriting als etwas zu blass, um sich nachhaltig durchzusetzen. Die Band ist aber okay, ich gucke gerne zu und genieße mein Bier. 
 

PICTURE

Philipp: Den Knaller schlechthin liefern dann die Dutch Metal Pioniere PICTURE ab, die im Original-Line-Up von 1979 am Start sind. Das ist ja fast wie bei SAXON, denen die Zeit nichts anzuhaben scheint und die eher immer besser werden! Was ist da los? Zum einen sind es natürlich Stücke, die mit den allerbesten Metal-/Hardrock-Klassikern mithalten können, ich nenne nur mal „Eternal Dark“, „Heavy Metal Ears“, „Diamond Dreamer“, „Unemployed“ oder „Lady Lightning“. Und dann werden alle diese Kultsongs richtig spritzig vorgetragen! Ronald von Prooijen trägt ein etwas strange anmutendes Stirnband, schmettert die Stücke aber mit Power und Charme. Überhaupt strahlt die Band Lockerheit und Selbstvertrauen aus. Lange Matten, die in Ehren ergraut sind, werden geschüttelt, während die Finger von Rien Freugdenhil, Laurens Bakker und Jan Bechtum nur so zaubern. Das meißelt mir wirklich ein Dauergrinsen ins Gesicht. Das Gelände ist bis zum Anschlag voll und PICTURE werden mit Chören, Applaus und Headbanging gefeiert. Was für ein Killerauftritt!


BLIND ILLUSION

Philipp: Langsam wundert man sich ja über gar nichts mehr. Von BLIND ILLUSION hätte man sich noch vor Jahren niemals einen Liveauftritt zu hoffen gewagt, aber Festivals wie KIT und HOA machen immer wieder das scheinbar Unmögliche möglich. In der Band spielten immerhin Leute wie Doug Piercy, Les Claypool und Larry LaLonde, David Godfrey (HEATHEN), John Marshall (METAL CHURCH), Mark Strassburg (POSSESSED) oder Harald Oimoen (D.R.I.). Bandgründer Mark Biedermann hat die Truppe 1979 (!) gegründet und gilt als totaler Kauz. Auf der Bühne erweist der Typ sich als Hippie mit einem Look zwischen Bobby Liebling und Iggy Pop, der eine einzigartige Bühnenpräsenz besitzt. Im aktuellen Rock Hard bezeichnet er seine Musik als Hippie-Thrash und so kurios diese Bezeichnung auch anmutet, sie passt tatsächlich. Immer wieder bricht die Band in minutenlange Jams aus, die spannend zu verfolgen sind. BLIND ILLUSION dürfte die unberechenbarste Band des Billings sein. Biedermann schert sich nicht um Konventionen, auch wenn diverse Stücke durchaus schnell und thrashig gezockt werden, gibt es immer wieder bizarre Einfälle, vertrackte Rhythmen, jazzige Gitarrenabfahrten und wie Siggi sagen würde „crazy shit“ zu bestaunen. Als die Bay-Area-Freaks ihr Set beenden, wäre durchaus noch Zeit für eine Zugabe – der Biedermann gönnt uns aber lieber ein paar seiner Yoga-Moves, klemmt sich den Fuß hinter den Kopf und springt von einem Bühnenende zum anderen. Diese Bilder werde ich wohl nie mehr wieder los…


SANCTUARY


Philipp: SANCTUARY auf die Headlinerposition des Freitags zu setzen ist angesichts der letzten dürftigen Leistungen Warrel Danes recht gewagt. Als im Camp die Nachricht herumgeht, dass die Band am Vortag in Berlin nach sechs Stücken abbrechen musste, senken sich die Erwartungen nochmal. Tatsächlich wird es auch kein guter Auftritt. Ein Totaldesaster bleibt zwar aus, die mittleren Tonlagen meistert Warrel Dane sogar passabel, aber an den frühen SANCTUARY-Klassikern sollte er sich echt nicht mehr versuchen. Das ist leider ein ziemliches Gejaule. Noch schlimmer erscheint mir das apathische Auftreten des ehemaligen Kultsängers. Zwischen ihm und dem Rest der Band findet so gut wie gar keine Kommunikation statt. Immer wieder formuliert Warrel Dane in den Ansagen, dass SANCTUARY ja nicht um die alten Stücke herumkommen würden („I know we have to play this next song…“), was nicht gerade motiviert erscheint. Die anderen Musiker sind übrigens superfit und liefern bei exzellentem Sound sehr gut ab. Aber diese Band lebt nicht unwesentlich vom Gesang… Hätte Mister Dane sich auf der Bühne den Arsch aufgerissen, hätte ich noch von einem akzeptablen Gig mit stimmlichen Schwächen gesprochen, aber Bocklosigkeit auf der Bühne schockt nicht. 
 

Trotzdem ein Wahnsinnstag mit Killer-Auftritten von PICTURE, ATTACKER, BLOOD FEAST und BLIND ILLUSION. Doch der stärkste Festivaltag soll erst noch folgen!!! TBC…
Eingereicht von Philipp

Kommentare   

 
+3 #1 Andy Fies 2017-08-14 17:57
Zitat:
Diesen Teil des Gesprächs führen wir dann schon, als wir uns splitternackt gegenüberstehen. Irgendwie schon ein waschechter Loriot-Moment, nur ohne Streit.

Bilder von Jan ML folgen.
Philipp, NEIN!! :D
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