DYS, RICH KIDS DRESS UP / 12.07.2017 – Kiel, Schaubude

4.55

Als ich mich neulich mit einem Kollegen über Hardcore/Punk-Platten unterhielt, bemerkte dieser, dass es auffällig sei, wie viele Ultra-Klassiker des Genres von richtig jungen Musiker*innen eingespielt worden seien. Sein Sohn, Teenie-Alter, habe neulich in einem Spontan-Wutausbruch auch so geschrien, dass es ihn an das wütende Gebell mancher HC/Punk-Sänger erinnert habe... Er kam jedenfalls zu dem Schluss, dass es im Grunde unabdingbar sei, im Hardcore/Punk wirklich jung zu sein, um diese Art authentischer Wut rüberzubringen. Die These hat natürlich was. Andererseits kann sich die ungebrochene Faszination, welche von zeitlosen Alben wie „The Kids Will Have Their Say“, „The Crew“ oder – hoppla - „Brotherhood“ ausgeht, ja nicht ausschließlich durch herausgebrüllten Teenagerfrust erklären lassen. Wäre das nicht eine zu geringe Basis, um die längerfristige Relevanz dieser Alben zu verstehen? Gute Gelegenheit, um das Gegenteil zu überprüfen: Die DYS-Mitglieder waren zweifelsohne zu ihrer Gründungszeit 1983 verdammt jung, kann die Band die damals transportierte Energie 2017 (also 34 Jahre später) reproduzieren oder ist auch nur der Versuch Quatsch und die heutige Existenz der Band sinnlos?


Endlich beenden RICH KIDS DRESS UP ihre Pause, die mittlerweile ca. ein Jahr andauert (der letzte Auftritt fand auffem Rendsburger Herbst statt). Neu dabei ist Bassist Joscha von BORDERPAKI, was ich entweder noch nicht wusste oder schon wieder vergessen hatte. Der stets optimal frisierte Kollege passt jedenfalls herrlich dazu. Der Sound ist zwar eher vor allem laut statt differenziert, aber es ist dennoch herauszuhören und zu fühlen, wie wirksam Joschas Basslinien die Stücke anschieben. Svea röhrt und singt wunderbar und überhaupt wirkt die Band trotz oder gerade wegen der langen Pause gut eingespielt. Das Tempo ist heute nicht so übertrieben angezogen wie beim Wilwarin-Gig, alles kommt eingängig und gleichzeitig recht abwechslungsreich. Erste Besucher*innen in der angenehm gefüllten Schaubude lassen die Hüften kreisen. Ein gut gewählter Support, der sicherlich einige endgültig dazu bewegt hat, ihre Hintern herzubeamen.


Nun also DYS, bei denen mensch um Namedropping nicht vorbeikommt (die Band bzw. Dave Smalley tut es selbst): Da hätten wir mit Herrn Smalley lebende Punkrockgeschichte, zu Bands wie DYS, ALL, DAG NASTY, DOWN BY LAW oder CHEMICAL PEOPLE hier noch Erklärendes sagen zu wollen, käme schon einer Frechheit gleich. Nicht weniger legendär ist das Schaffen Franz Stahls (g), Gründungsmitglied von SCREAM und später u.a bei den FOO FIGHTERS. Zwei charismatische Bühnenmenschen, welche mit Jonathan Anastas (b), Adam Porris (g) und Al Pahanish Jr. (d) zockgierige und erfahrene Mitstreiter gefunden haben. Es braucht gar nicht lange um den heißen Brei herumgeredet zu werden: Natürlich wird es sich 1984 anders angefühlt haben, wenn die jungen DYS die Bühne zerlegt haben. Der einstige reine Boston HC ist um eine rockige Note erweitert wurden. Die Band besitzt aber Biss und ist in Sachen Tightness unangreifbar. Spätestens ab dem vierten oder fünften Song der Setlist, als nämlich „Brotherhood“ gespielt wird, haben DYS eigentlich alle Anwesenden im Sack. Franz Stahl rennt trotz Knieverletzung immer wieder in den Mob und faucht den Leuten ins Gesicht. Dave Smalley wirkt tiefenentspannt und erzählt zu vielen Songs inhaltliche Hintergründe, zum Beispiel zu „Wild Card“, in welchem es um Lebensumstände gehe, in die Menschen gegen ihren Willen gezwungen werden. Viele Songs stammen vom Debut, z.B. „Open Up“, „More Than Fashion“, „Stand Proud“ oder „City To City“. Überraschend ist für mich das MOTÖRHEAD-Cover am Schluss, zu welchem Smalley von einer Lemmy-Begegnung erzählt. Er habe auf dem With Full Force gespielt, backstage die Chefwarze gesehen und sich schließlich getraut ihn anzusprechen. Lemmy habe nach dem Namen von Smalleys Band gefragt und auf die Antwort DOWN BY LAW ein heiseres „good fucking name“ geraunt. Dies sei denn auch gleich der Höhepunkt in Smalleys Leben gewesen... Das finale „We Are The Road Crew“ unterstreicht, was zur Eingangsfrage zu sagen ist: Eine Band wie DYS überzeugt durchaus auch 34 Jahre nach ihrer Gründung – wenn Herzblut, Lebenserfahrung und Spielfreude derart glücklich aufeinandertreffen!
Eingereicht von Philipp

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