NOTS / 11.06.2017- Hamburg, MS Hedi

Grau ist‘s und Regen prasselt hernieder. Die Bugwelle eines erheblich größeren Schiffes rollt mit urzeitlicher Gewalt auf die MS Hedi zu. Ihr Kapitän reagiert sofort und der Diesel heult auf. Nur noch Sekunden, dann kommt es zum Zusammenprall. Wir im Inneren des Hafenschiffes ahnen nichts von dem nahenden Unheil. Der Bug der kleinen Barkasse schießt plötzlich in die Höhe, nur um sich hernach wieder abrupt zu senken und sich tief in die schwarze Flut zu bohren. Wir alle taumeln. Boxen fallen um, Keyboards und E-Gitarren krachen auf den Boden. Hat es sich jetzt bereits ausgeNotst?

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Die Anfahrt mit der Bahn gestaltet sich für unsere Dreiergruppe auf dem Hinweg unproblematisch. Rechtzeitig erreichen wir die Landungsbrücken und werden noch Zeuge, wie zwei Schlepper die dreihundert Meter lange Maersk Kowloon aus dem Dock von Blohm und Voss ziehen. Zuvor hatten wir bereits mit Erstaunen festgestellt, dass ein Krabbenbrötchen inzwischen € 11,90 kostet und anschließend in einem Kiosk ein letztes Bier nachgekauft. Jener verzichtete St.-Pauli-typisch auf die Unsitte, die angebotenen Getränke mit einem Preis auszuzeichnen. Dieses macht – zumindest für mich - den Gang zur Kasse immer besonders spannend.

Die MS Hedi hat bei Konzerten eine Kapazität von 60 Besuchern und ist heute wohl nicht ganz ausverkauft. Zumindest wird mir gesagt, es sei auch schon mal enger gewesen. Aber selbst eine sympathische Reisegruppe aus Schweden hat sich eingefunden, die nur des Konzertes wegen nach Hamburg gekommen ist. Ticket für nen 10er, spanisches Estrella für 2,80 an Bord. Reich wird davon auch keiner.

Kurz nach dem Ablegen – die Band hatte noch nicht ihren Platz auf der Bühne eingenommen - kommt es bereits zu dem anfangs beschriebenem Zwischenfall. Aber schnell macht sich Erleichterung breit. Die 4 Damen aus Memphis nehmen es gelassen. Die Boxen werden aufgerichtet, die Instrumente neu justiert und alles Überflüssige vorsichtshalber verstaut. Ein Effektgerät hat es wohl erwischt und kurzerhand wird es abgestöpselt. Und in Ermangelung einer Vorband sowie der Tatsache, dass sie alle ja nun ihren Platz eingenommen haben, beginnt das Konzert auch gleich. Einige technische Schwierigkeiten gibt es noch, aber auch die werden behoben.


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Die Nots spielen Noise Punk. Diese Musikrichtung zeichnet sich lt. Wikipedia dadurch aus, dass unnotierbare Klänge (sogenannte Noise-Riffs) auf rhythmische Schlagzeugbegleitung treffen und dabei möglichst unharmonisch klingen sollen. Ich vermute, mit dem Gesang soll es sich ebenso verhalten. Manche mögen das als „nervig“ empfinden – mir ging das vor dem Konzert ähnlich.

Live funktioniert das ganze aber! Ein schnell gespieltes Schlagzeug trifft auf eine nicht sonderlich verzerrte E-Gitarre, die auch gerne mal dem Surfer Sound entsprungene Töne von sich gibt. Der Bass bleibt dezent im Hintergrund, sorgt aber für die nötige Tiefe. Ein Keyboard/Synthesizer flimmert über dem ganzen und beweist Sci-Fi Qualitäten. Was jetzt noch fehlt, ist der durchaus aggressive Gesang von Natali Hoffmann (ex ex-cult). Entweder man liebt ihn, oder man hasst ihn. Ich bekenne mich inzwischen klar zu ersterem.


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Zwischendurch reißt dieser noch die E-Saite ihrer Gitarre, aber sogleich erklärt sie: „I can play without that string!“ Und ja, sie kann es. Die erste Häfte der Fahrt vergeht erstaunlich schnell und nach einer Stunde legt die MS Hedi wieder an, nur um einige Minuten später erneut in die Elbe zu stechen.

Es folgt der zweite Teil des Sets. Ich gestehe mir inzwischen ein, jedes gerade gespielte Lied noch besser zu finden als das davor. Dabei hat mir das allererste schon bombig gefallen.  Wie auch die Decibelles sind Nots eine Band, die live ungemein besser funktionieren als auf LP/CD. Vergleiche mit altem Riot Grrrl wie Bratmobile drängen sich mir noch auf, aber handwerklich ist das hier eine ganz andere Nummer.

Ein feines Konzert in einer feinen Location.

Was bleibt, ist die Rückfahrt. Die ist mal wieder eine Katastrophe. Alle Züge nach Kiel sind ausgefallen. Es bleibt nur der Umweg über Lübeck und mindestens eine zusätzliche Stunde Fahrtzeit. Zum Glück haben wir noch ein paar Bier und genügend Gesprächsthemen. Der Preis des Krabbenbrötchens ist nur eines davon.

Setlist:

I

Blank Reflection
Rat King
No Novelty
Evangalist
Inheremly Low
Reactor
Cosmetic

II

Black Out
Violence
Cruel Friend
TVOD
Insect Eyes
Cold Line
Entertain me

Kleiner Nachtrag:

Inzwischen funktionieren Nots bei mir auch auf der heimischen Anlage!   
Eingereicht von Philipp

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