WOLVES IN THE THRONE ROOM, LYCUS / 24.04.2017 - Hamburg, Uebel & Gefährlich

4.65

LYCUS als Support! Wie geil is bidde DAS!!? Und TAPES verkaufen die auch! „Immer schön, wenn der Support wertig is!“ bringt Philipp Wolter Harkonnen, dem ein freigewordenes Ticket zu überlassen ich heute die Ehre habe, es auf den Punkt. Also umso freudiger rein ins „Uebel & Gefährlich“, das mir von Mal zu Mal besser gefällt, ganz oben im tausendjährigen Flakbunker, an diesem verregneten Montagabend. Ich kaufe mir zum ersten Mal seit mindestens 15 Jahren wieder ein Band-Tieschört, weil’s welche in 3XL gibt.


WOLVES IN THE THRONE ROOM

Foto von Niesie Ha.


Sich gute zwoeinhalb Stunden lang von einem Güterzug überfahren lassen, und Lycus sind, um im Bilde zu bleiben, der Rangierbahnhof, auf dem die Waggons quälend langsam zusammengeschoben werden. Nicht daß die Frage „Wie sich bewegen zu welcher Musik?“ mich nach Ende der Am-Kragen-pack-und-Schüttelpogo-Phase je wieder umgetrieben hätte, aber bei diesen BPM-Quotienten will die haptische Akklamation schon sorgfältig abgestimmt sein. Am weitesten aus dem Fenster lehnt sich der Typ schräg vor meiner kleinen Schwester Niesie Ha, indem er das Metrum innerlich vervierfacht und entsprechend dynamische Moves vollführt. Klar, wenn man einigermaßen timingfest ist, kann man auf diese unendlich mäandernden Slo-Mo-Synkopen wahrscheinlich auch einen schönen Discofox tanzen. Direkt in der Einflugschneise zuckt Einer konvulsivisch mit vor dem Oberkörper verschlungenen Armen, erinnert entfernt an orthodoxe Juden beim Beten. Kann man machen. Die meisten, ich auch, NICKEN mit weit ausholendem Kinn.


Ich bitte um Nachsicht, daß ich mich hier auslasse wie ein Marsianer, der zum ersten Mal in Hagenbeck ist, aber Metal, zumal die extremeren Subgenres, erfüllt für mich einerseits die Funktion, meine für sich genommen eher unansehnlichen DUNKLEN SEITEN in etwas Unterhaltsames zu verwandeln; und eröffnet mir andererseits die Möglicheit, keine Ahnung zu haben (auch wenn ich, blindes Huhn, Korn und so, Lycus kenne und der Wolter nicht). Versteht mich nicht falsch, aber wenn man Jahrzehnte seines Lebens mit Indierock verbracht hat, kann einem manchmal ganz schön langweilig werden, und da fühle ich mich an solch einem Abend wie anno Pleistozähn im Rendsburger Juzi oder so. Na, fast jedenfalls.


Derweil doomen sich Lycus weiter durch ihr Set. Des Drummers Technik ist lehrvideotauglich hinsichtlich Lockerheit und Konzentration. Wenn SO viel Zeit vergeht zwischen, sagen wir mal, 2 Kicks, läuft man Gefahr zu verkrampfen, weil man unbedingt diesen einen einsamen Punkt im riesigen leeren Raum treffen will, und er trifft sie ALLE, auch beim Growlen. Dazu gibt’s langgezogenen Klarbariton vom einen der beiden Gitarristen, demjenigen, der überwiegend cleane, verhalte Singlenotes anschlägt, während sein kurzfrisuriger Kollege verzerrt rifft. Reizvoll, diese schwebenden Melodien, eingebettet ins 6-Kilohertz-Gewitter. 3 Stücke in 40 Minuten, dann ist Schluß. Die Gleichförmigkeit dieser Musik über die Zeit erinnert an ausufernde Orgelkonzerte, die ich mir, je nach Laune, an manchen Abenden bei einer gepflegten Karaffe Meßwein reinschraube. Zudem schließen sich Spiritualität und Depression keineswegs aus, so daß ich Niesie Ha verstehen kann, wenn sie sagt, Lycus hätten was Meditatives. Die Zuendedenkung dieser Idee sind natürlich SUNNO))), deren geniales Logo auf mindestens einem Shirt prangt.


Da wundert es dann nicht, daß WOLVES IN THE THRONE ROOM in der Aufbauphase und auch während ihres Konzerts allerlei irden riechendes Duftzeug abfackeln. Währenddessen wird die erste Reihe Kühlschränke rausgerollt und das Keyboard in Stellung gebracht. Ich könnte mir kein besseres Line-Up vorstellen als diese beiden Bands, die wunderbar zusammenpassen und doch so gegensätzlich sind: BLACK vs. DOOM; „irre schnell“ vs. „irre langsam“; „nicht runtergestimmt“ vs. „runtergestimmt“; „quasi-schamanistische Naturverehrung“ vs. „weiß-ich-jetzt-auch-gerade-nicht-ich-denk-ma-schlechte-Laune“. Als WITTR loslegen, sind sie wie eine entfesselte, mystische und mal so richtig den Laden durchputzende Naturgewalt, wie ein positives Armageddon, wie ein prasselnder, fauchender Tornado aus einer konstruktiven Hölle mit geilem Licht. Und von Anfang an die entschieden weniger sperrige Band des Abends (was nur beschreibend gemeint ist). Ich weiß nicht, wann ich zum letzten Mal ein derart mich anspannendes und fokussierendes „JETZGEHTASABERLOS“-Gefühl bei einem Konzert hatte. Mitreißend wie zwei Millionen Gottlieb Wendehälse. Die stark bedruckten und leicht schwäbelnden Jungs, die sich bis kurz vor Ausbruch dieses berückenden Infernos zu Niesie Has Mißfallen über die sexuellen Dimensionen ihrer letzten Beziehungen austauschten, halten der gitarristischen Dreierreihe triumphierend und fuchtelnd ihre Pommesgabeln entgegen. Ich möchte keine Milisekunde hiervon verpassen. Als sie direkt als Zweites „Dea Artio“ von der unerreichten „Two Hunters“ spielen, ihr vielleicht schönstes Stück, ist es endgültig um mich geschehen. Es ist unfair, das zu sagen, aber dagegen sind Mogwai, die ich mir Im Oktober ansehen werde und an deren Langsamkeit und Epik dieses mächtige Stück Instrumentalmusik mich unwillkürlich denken läßt, ein laues Lüftchen.


Danach dann konsequenterweise „Vastness And Sorrow“ und mindestens noch ein Weiteres von ebendem Album, dessen Wiederveröffentlichung als Doppelvinyl mit 1,5 Stücken mehr ich, im Mutterboden wühlend, herbeisehne. Fragt mich nicht nach Titeln, das ist alles immer in so gezwörbelten Hellebarden-Typos auf die Cover gedruckt, und am Ende war sowieso alles wieder nur ein einziges, großes Stück musikgewordene Seelenentäußerung mit schleudernden Haaren. Und fantastischem Sound, was für beide Bands gilt. Keine Zugaben, statt dessen Leonard Cohens „Suzanne“ als offizieller Abspann, und das funktioniert so wunderbar zusammen. Erhebend.
Eingereicht von Philipp

Kommentare   

 
+2 #1 Philipp 2017-04-25 18:33
Abgefahren - ich habe das Konzert GENAU SO erlebt und hätte zum Teil ähnliche Formulierungen benutzt, um das zu beschrieben - den Begriff "schamanistisch e Naturverehrung" hatte ich z.B. auch im Kopf. Treffender Artikel!
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