RAZZIA, THE ART OF TIN TOYS, PLASTIC PROPAGANDA / 20.01.2017 - Hamburg, Knust

„Tag ohne Schatten“, „Ausflug mit Franziska“, „Menschen zu Wasser“ und „Spuren“ - schon die Titel der vier Alben von der RAZZIA-Urbesetzung zeigen, dass die Band nie viel mit Klischees am Hut hatte. „Discowixer“, „Ich hau drauf“, „Bullenschweine“, „Polizeistaat“? Klar, kannste bringen, kannste rausbrüllen und die Cover dementsprechend voller Polizeiknüppel, Bierdosen oder nietenbewehrte Fäuste packen. RAZZIAs Sache war das nicht – und das spiegelt sich nicht nur auf den eher abstrakt gestalteten Hüllen, sondern eben spätestens ab der zweiten Platte auch in den Texten und der häufig komplexen und experimentellen Musik wider. Insofern erübrigt sich angesichts der Reunion (seit 2009) auch die Frage, ob das denn jetzt noch funktionieren könne, Punk sei doch eigentlich aus einer Jugendbewegung entstanden etc. Die 1979 gegründeten RAZZIA haben es schlauerweise gar nicht nötig, in irgendeinen Jungbrunnen zu springen und auch nach fast vierzig Jahren wie ein unzerstörbares Testosteron-Nietenkommando über die Bühne zu toben.

RAZZIA

Bilder von Ballo



Vor dem Knust treibt sich bereits ein ansehnlicher Pöbel herum – wir begrüßen alte Bekannte und Leute, deren Namen uns schon längst entfallen sind. Eine hochgezogene Augenbraue ist definitiv die Präsenz Micha Tunks am Würstchenschwenkgrill wert, wobei uns die Fleischprodukte kalt lassen, aber der Gute mixt uns einen feinen Glühwein mit Boubon.


PLASTIC PROPAGANDAPLASTIC PROPAGANDA


STAHLSCHWESTER raus, PLASTIC PROPAGANDA rein. Einerseits schade, denn erstere hätte ich gern endlich mal gesehen, gefallen mir doch beide Alben; andererseits gut, haben PP doch bereits auf dem Releasegig der STUMBLING PINS voll überzeugt (inner Alten Meierei). „Willkommen beim ersten Konzert in einer schlechteren Welt“, ist gleich mal ein verdammt guter Begrüßungssatz. Auch in der Folge wird explizit zu Trump Stellung bezogen und die Sorge geäußert, was dieser Wahnsinnige alles anstellen möge. Ich find auch: Entspannt bleiben is nich, der Typ ist gemeingefährlich und gleich die ersten Amtshandlungen pusten ja auch einen Alptraum nach dem anderen in die Welt. Alternative Fakten am Arsch! Aber Bassistin Nina hat völlig Recht, wenn sie auf den einen guten Aspekt an dieser Horrorstory verweist: Es wird ganz viel tolle Musik erscheinen in den nächsten Jahren! Hoffentlich auch von PLASTIC PROPAGANDA. Das Quartett weiß sich in Szene zu setzen und die Bühne auszufüllen – die pinken Ps, das Backdrop und das gesamte Erscheinungsbild haben zudem einfach Stil und wirken stimmig. Mit Liebe zum Detail wurden auch die Songs komponiert, die zwischen 77er Punk und leichten Wave-Einflüssen klasse ins Ohr rollen. Die im Wechselgesang vorgetragenen Melodien kicken definitiv, sodass man sich auf den nächsten Release auf Colturschock freuen darf. Am 28. April veranstalten PP übrigens das RegenPogen-Soli-Fest, eine Veranstaltung für Toleranz, Vielfalt und Liebe nach dem Motto „Wie kann man hassen, wenn zwei Menschen sich lieben?“. Voll gut.


PLASTIC PROPAGANDAPLASTIC PROPAGANDA


ART OF TIN TOYSART OF TIN TOYS


Was zur Hölle? Ich wusste im Vorfeld lediglich, dass unter dem Namen ART OF TIN TOYS eine Art Hamburger Punklegende auf die Bühne kommt, die mir völlig unbekannt ist, werde somit von der nun erfolgenden Freakshow kalt erwischt. Zunächst setzt sich eine ältere Dame auf die Bühne und lächelt uns freundlich zu, die sich später als die Mutter des Sängers erweist und wohl vor 25 Jahren auch schon Covermodel auf der „Walfänger“-EP dieser Band war. Dann betreten vier Menschen in schrägen Kostümen – eine Art Seeräubermantel in fiesen Deckfarben - die Bühne und schraddeln los. Das Verstörende: Offenbar bin ich hier der einzige Mensch, der den Song "Walfänger“ NICHT kennt. Geht aber hemmungslos ins Ohr, das kann ich nicht anders sagen. Einer der vier Typen ist ein Hamburger Urgestein, den ich bestimmt schon vor dreißig Jahren auf Punkkonzerten gesehen habe – so ein Riesenkerl mit Händen wie Schaufeln. Das Ganze ist so krude und bizarr, dass ich mich des Eindrucks nicht erwehren kann, als wären hier Außerirdische in Menschenkostüme geschlüpft, die dann wiederum zur Tarnung diese Mäntel übergestreift haben. Tatsächlich spielen ART OF TIN TOYS ihr erstes Konzert seit 25 Jahren. Musikalisch kein derber Punk, aber irgendwie typisch für Hamburger Punkbands mit so einer schweren Melancholie. Horst Spider hat mal wieder draufgehalten:

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RAZZIARAZZIA


Der bis jetzt schon sehr unterhaltsame Abend wird von RAZZIA noch getoppt. Schlicht präsentiert sich die Band: Graue/schwarze Shirts, weiße oder gar keine Haare. Passt. Weil es scheißegal ist, wie die aussehen. Wer Stücke wie „Alle Träume sind bezahlt", „Arsch im Sarge", „Als Haus wärst du 'ne Hütte", „Kriegszustand" oder „Schatten über Geroldshofen" geschrieben hat, braucht keine Accessoires. Und diese Songs befinden sich alle in der Setlist, Hammer. Der sehr gut besuchte Laden dampft, der Mob reagiert auf das dynamische Spiel mit völlig unterschiedlichen Moves: Vom Pogo über strahlende Gesichter oder bloßes Humpenhochreißen ist alles dabei. Rajas Thieles Gesang dringt prägnant durch den Mix, während die Gitarren für meinen Geschmack etwas lauter sein könnten. Große Überraschung, als ein neuer Song angekündigt wird! Ich wusste jedenfalls nicht, dass RAZZIA etwas Neues aufnehmen würden. Und das Ding ist richtig, richtig gut! Hat die typisch unruhige Energie, die der Band zu eigen ist. Mir fällt während des Auftritts auf, wie sehr RAZZIA damals ihrer Zeit voraus gewesen sind, wie viel sie im Grunde schon in ihrer Musik hatten, was später im 90er (Post) Punk wieder aufgegriffen wurde. Ich genieße jeden Moment. Am Ende explodiert das Knust noch einmal, um „Nacht im Ghetto“ mitzuschmettern.


Colts Party: ein Treffer.


RAZZIA
Eingereicht von Philipp

Kommentare   

 
+1 #1 Luke 2017-01-23 23:07
so war es philipp, ein großer abend! und top geschrieben
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