QUESTIONS, MY TURN, MAKINA / 07.08.2015 – Kiel, Alte Meierei

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Neues Label, alte Gesichter: Nach dem Crash von OBEY!-Records hatten sich Andreas und Olli getreu dem alten SPERMBIRDS-Motto „Try again!“ wieder aufgerafft, mit Kollege Törtchen zusammengetan und dieses Mal einen Namen kreiert, den man nicht so einfach auf Markenrechtsverletzung verklagen kann: eine Kombination aus den Anfangsbuchstaben der eigenen Namen, ergo TOANOL-RECORDS. Mittlerweile wuppen Andreas und Törtchen die Chose zu zweit und mit dem ersten Release schließt sich ein Kreis, handelt es sich doch um das neue Album der brasilianischen QUESTIONS. Das heißt für heute: Releasekonzert!


Zunächst hüpfen aber MAKINA auf die geliebten Bretter. Ich wusste bisher nur, dass MAKINA eine türkischsprachige Punkband aus Kiel sind, hatte sie aber bisher noch nicht live sehen können. Umso größer die Überraschung, als ich realisiere, dass der Sänger Murat vor 13 Jahren oder so mal in einem meiner Sprachkurse war: „Du bist mein Lehrer, du hast mir Dativ, Akkusativ, Infinitiv und die ganze Scheiße beigebracht“, hahaha! Murats Ansagen sind dann auch mal gleich der Knaller und ziehen alle Sympathien auf die Bandseite. Da geht es um „Heimat“, welches sich natürlich kritisch auf die Verhältnisse in der Türkei bezieht, um „Istanbul“ oder generell um gesellschaftliche Probleme, z.B. wie eine Maschine („makine“ eben) funktionieren zu sollen/müssen. Ich find das voll interessant, mal Punkrock mit türkischen Texten zu hören. Klar, man versteht kein Wort, aber dazu gibt es ja Murats Erklärungen und auf der Homepage findet man englische und deutsche Übersetzungen, z.B. „Während das Volk verhungert, verticken sie an allen Ecken Religion / Sie erzählen ihre Märchen über ein entwickeltes Land / Während Schriftsteller grundlos im Knast sterben / Verwüsten sie wie die Nazis Häuser, um Bücher zu verbrennen“. Musikalisch pendelt man zwischen Rock und Punk, das Ganze ist nicht allzu schnell, bewegt sich eher in einem midtempoorientierten Groove, was durchweg Spaß macht und einige mitreißende Melodien bietet. Schönes Ding!


Nun kommen MY TURN aus Griechenland an die Reihe, welche Tourpartner von QUESTIONS sind. Die Jungs zocken orthodoxen Hardcore, der zwar ordentlich Wums hat, aber gleichzeitig recht monoton kommt. Der Sänger übertreibt es in meinen Augen etwas mit dem typischen HC-Pressgesang. Für ein paar Songs lang ist das ganz geil, der Typ klingt ein wenig wie ein Kampfhund, dem jemand den Knochen geklaut hat. Aber auf Dauer können mich MY TURN musikalisch nicht so fesseln. Ähnliche Combos hat man halt schon hundertfach gesehen, manchmal schlechter, ab und zu aber eben auch deutlich besser. In Sachen Action geht schon was auf der Bühne, wobei man förmlich spürt, dass MY TURN eine wilde Crowd zur zusätzlichen Motivation bräuchten. An Ansagen wird über die üblichen Höflichkeiten hinaus eher gespart, nun denn.


Die Meierei ist angenehm gefüllt, als QUESTIONS loslegen. Endlich seh ich die Band mal live! Mir waren sie immer durch die Lappen gegangen, während El Tofu mir schon vor Jahren von ihnen vorgeschwärmt hatte. Letzterer wird auch gleich von den Brasilianern erkannt und per Ansage freudig begrüßt. Überhaupt sind QUESTIONS voll die Netten – es ist einfach schön zu sehen, wie sich Sänger Edu Andrade nach jedem Song verbeugt und beim Mob bedankt. Boah, aber musikalisch teilt die Band so richtig aus! Das ist roher 80er/frühe 90er Hardcore/Punk, wie ihn heutzutage nur noch wenige Bands zu zocken vermögen. Hossa, die Hunde haben Bands wie WARZONE, CRO-MAGS oder natürlich brasilianische Kollegen wie POINT OF NO RETURN, SOCIAL CHAOS oder RATOS DE PORAO offenbar mit der Muttermilch aufgesogen. Es ballert mal rastlos nach vorne, mal groovt es kontrolliert und pulsierend. Gangshouts, fräsende Riffs, aggressiver Brüllgesang, peitschende Beats – und das alles bei herrlichem JoyBoy/Bocky-Sound. Un dos - un dos tres cuatro! Edu erzählt mehrfach, wie wichtig es sei, täglich gegen Rassismus und Faschismus aufzustehen. So wenig man das den Anwesenden erzählen muss, so wichtig ist es aber dennoch und ich vermisse solch klare Positionierungen mittlerweile bei vielen Hardcorebands. Irritierend find ich ja nur, dass Edu fast den ganzen Auftritt über ‘ne feiste JACKE anhat, dazu noch zugeknöpft, haha! Ist dem Kerl etwa kalt? Heiß ist jedenfalls das neue Album „Pushed Out… Of Society“, welches ich als noch stärker als die Bandklassiker „Rise Up“ und „Life Is A Fight“ empfinde. Zuschlagen, bevor das Ding doch irgendwie verboten wird…!


Mit dem 70%igen selbstgebrannten Zwetschgenschnaps einer Besucherin im Schädel geht es noch tiefer in die Nacht. Godspeed!



Eingereicht von Philipp

Kommentare   

 
+6 #1 MetalSon 2015-08-10 18:24
Herzlichen Dank für das Review! Trifft ziemlich unsere Einschätzung.

Amüsant fand ich auch, dass Apostolis (Sänger von My Turn) einfach zwei Shirts an hatte und eines auszog.

"Please keep your shirt on." mal anders. :-)

Sound war echt super. Danke auch dafür nochmals!
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+7 #2 DoctorJoyBoyLove 2015-08-10 22:33
Sehr gerne. Ich danke für den feinen Abend. Da hat echt alles gestimmt aus meiner Sicht. Kompliment.
Drei gute bis sehr geile und obendrein sehr sympathische Bands, viele nette Menschen und auch sonst.
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