KISS, THE DEAD DAISIES / 02.06.2015 - Hamburg, o2 World

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Auf dem Hinweg "The Elder" hören. Wieder seltsam berührt sein von "A World Without Heroes". Simmons singt es so schön. So traurig. So desillusioniert. So gänzlich erektionsfrei. Damit geben sie sich seit Ewigkeiten nicht mehr ab. Stand-Alone-Unterhaltungskrieg-Perpetuum-Mobile. Der 40. Bandgeburtstag geht ins 3. Jahr, und KISS haben sich längst aus gewissen Grenzen schnöden menschlichen Daseins befreit: Ihre Personae sind nicht mehr an monogame Symbiosen mit humanen Wirten gebunden und alterslos. Einmal angekommen auf diesem Existenzniveau braucht man sich um Raum und Zeit nicht mehr zu kümmern und kann daran rumzwirbeln, wie man gerade lustig ist.Und für Paul Stanley wird's womöglich Zeit, seinen verklärten Visionen von Kiss-ohne-ihn Taten folgen zu lassen. "Ich bumse die Würde!" blaffte Gene Simmons einst und daß man ihn schon tot von der Bühne wuchten müßte, mit hinterherschleifendem Umhang und Repti-Accessoires, klöter, bimmel. Stanley Bert Eisen und Chaim Witz, die Asterix & Obelix des theatralischen Hedo-Haudraufrocks. Der Eine hatte nie das stimmliche Format des Anderen, darum geht's ja auch nicht, und daß die Fallhöhe automatisch geringer ist...geschenkt, aber: Gene Simmons' Präsenz ist stabiler als die des Combo-Kapitäns. Er singt ziemlich genau 50% der Setlist, alles an seinem Platz, und selbst das Falsett ist gut in Schuß. Einmal setzt er sich ("Hier entlang, Mr. Simmons!" - "[grunz, schnauf]") zum Wassertrinken hinter ein direkt am Bühnenrand aufgestelltes, irgendwie nach Billigprodukt aussehendes Vorhanggestell. Und dann kriegt der Lakai den Vorhang nicht zu, und Simmons sitzt da relativ unglamourös wie Darth Vader auf der Parkbank. Semi-peinliche und wie versehentlich dazwischengerutscht wirkende Momente der Menschlichkeit in einem ansonsten durchweg abgekarteten Mehrgenerationenkonzert.


KISS
Fotos von Anna Harder und Siggi Sick



Hingegen Paul Stanley, Dekaden lang ohne Signature-Showeffekte (Blut, Feuer, Hasenkostüme) der allen Rapport bei sich bündelnde FRONTMANN, verkommt immer mehr zum Conférencier und verschwindet zwischendurch für seine Verhältnisse fast. Den unempathischen Dienstleistungscharakter seiner Crowd-Animationen als echtes Rock'n'Roll-Engagement zu kaschieren, das fällt hör- und sichtbar noch schwerer, wenn man eigentlich am liebsten die eigene, aufgeräumte Erzählstimme den Job tun lassen möchte. Kaum Rückzugsräume da, in denen man aus der Not eine Tugend machen könnte - eigentlich nur "I Was Made For Loving You", das er in der gleichen Lage singt wie auf der "Dynasty" (Eric Singer übernimmt den Chorus). Auf "Alive III" ging das noch 2 Oktaven höher, aber das ist ja auch 22 Jahre her.


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Leuten, zumal Leuten, die solchen Freizeitbeschäftigungen nachgehen, ihren eigenen Alterungsprozeß vorzuwerfen, finde ich immer selbstgerecht und leicht, aber Stanleys Stimme ist einfach im Arsch. Es schmerzt, wenn er sich "Don't wanna wait till you know me better" rausquält und en passant "Lick It Up" anzählt. Der Song ist dagegen total gewachsen, und das "Won't get fooled again"-Zitat, das Tommy Thayer und er auf der Hebebühne runterpicken, gehört gitarristisch und überhaupt zu den schönsten Momenten des Abends - bis zu der Stelle, wo der orgiastische Katharsis-Schrei kommt. Kröchz...Vielleicht lieber ein Sample einspielen, kratzt keine Sau, nehm ich mal an.


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Weiteres Highlight: "Do You Love Me", schon immer einer meiner ewigen Kiss-Faves. Über den mit LEDs tapezierten Bühnenhintergrund flackern chronologisch getaktete Bilder aus der Bandhistory, von ersten Versuchen mit Flokatis und Klobürsten in den 70s bis ins Jetzt. Dazwischen fehlt nichts, nicht mal Vinnie Vincent (Ob es Fans gibt, die mit güldenem Ankh auf der Nase aufs Kiss-Konzert gehen?). Wer Chuck Klostermans großartigen Road-Roman "Eine zu 85% wahre Geschichte" gelesen hat, weiß, daß "Do You Love Me" prototypisch ist für Stanleys virtuelle Beziehungsgestaltung: Er versteht, daß man als Anwärterin ganz schön geblendet sein kann von seinem Ruhm, seinen Plateau-Risern, den langen Haaren, der Art, wie sich die Reifen drehen, und diesem Ozean aus Schotter; aber Solche brauchen erst gar nicht bei ihm anzukommen, denn er will bei aller frohgemuten Promiskuität doch ob seines Menschseins geliebt werden. Ein konservativer Geist, dieser Mann mit dem in die Bauchbehaarung reinrasierten Sechserpack. Und ein Romantiker. Swoon.


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Gene Simmons ist da ganz anders. Fans kennen das ebenfalls auf "Destroyer" befindliche "Great Expectations": Es toppt mit seiner pompösen Orchestrierung, noch mehr mit dem unschuldig jubilierenden Kinderchor, eigentlich sämtliche Gene-Simmons-Stücke (oder sollte ich gleich "-Nummern" sagen?), in denen es darum geht, daß er und sein Geschlechtsteil Buschemanns Geschenk an die Jungfrauen dieser Welt sind. Die klebrige Feierlichkeit, die der Song von sich wirft wie ein Roter Riese seine Gashülle, verklärt den Moment der durch Dr. Love-Simmons fachmännisch vorgenommenen Defloration zu einem säkularen Akt. Gene Simmons als schwellkörpergewordener Gott des Sexus, der seinen heiligen Flaschengeist großzügig ausschüttet und die Mädels so auf die nächste Seinsebene schaukelt. Nun ja. Der andere "Destroyer"-Repäsentant ist natürlich das etwas hüftlahm geschaffelte "Detroit Rock City". Und nicht "Great Expectations". Ansonsten weitestgehend one song per album, vom überbewerteten "Creatures Of The Night" gibt's ganze Drei, unter denen mir das quasi-doomig geriffte"War Machine" wegen der animierten Lego-Krieger auf der Video-Tapete am besten gefällt.


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Gut, daß sie die klassischen Programmlangweiler einer jeden groß angelegten Rockshow, Gitarren- und Drumsolo, zurechtgestutzt haben: Der makellos aufspielende und auf seine Art schon sehr cool daherkommende Besser-Ace Tommy Thayer darf 2 Raketen abfeuern, dafür spielt die Band vor dem eigentlichen Alleingang die instrumentale Coda von "Let Me Know", ganz wie auf der "Alive!", was ich einigermaßen geil finde. Und Eric Singer begnügt sich bestens gelaunt mit einer Situation permanenter Unterforderung: Neben und während seiner Servicetätigkeit für die Bosse kratzt er sich mittels in die Luft geworfener und milimetergenau sich ins Rückendekoltee schraubender Sticks den Pelz, sieht fern und brät sich auf der Floortom ein Ei. Man könnte ihn wohl auch in einen Sack stecken, ohne daß es groß was ausmachen würde. Sein Drumming ist spielerisch, es sieht aus wie Jonglieren; kein steady 4-auf-die-Auslegeware-Gerumse, wie es einer Hardrock-Band würdig wäre, und schon gar nicht metal wie zu "Revenge"-Zeiten. Damit hat sich Eric Singer sein Pendant zu Peter Criss geschaffen, der ja auch immer wie der irrtümlich auf den Wagenheber-Hocker geratene Dschingderassabumboy trommelte. "Paul Stanley...got you under my thumb..." singt er beim wie immer perfekt abgelieferten "Black Diamond", und das Sternenkind lächelt. Immer ma gut stellen mit dem Chef. Singer, nebenbei bemerkt, nicht der einzige Schlagzeuger heute Abend, der mit Ozzy resp. Black Sabbath gearbeitet hat: Auch Tommy Clufetos, der für jeden Schlag armlängeweit ausholende Drummer der Vorband Dead Daisies klöppelte für den Madman. Aber dieses All-Star-Kollektiv um John Kohlrabi und ein paar Ex-Beta-Guns+Roses-Arschlöcher hat man längst vergessen, wenn Paul Stanley zum Geknatter von "Love Gun" eine rotierende Zweitbühne im Mittelgrund der o²-Wörld anfliegt, diesem Ausbund seelenloser Eventhallen-Vieh-Abfertigung. Im Vergleich zu P!nk, die sich in 4 in die Hallenecken montierte Stahlseile einspannen läßt und damit die Lufttauglichkeit von Superman nahezu erreicht, sieht Stanley eher aus wie eine Transall, aber was soll es: Wenn er da oben steht, vom Verfolgerspot aufs Korn genommen, in seinem figurbetonten Kostüm, die verspiegelte Ibanez um und das Intro von "Black Diamond" croont, dann bubbert mein kleines Elfjährigenherz, und ich finde diesen Typen aus tiefster Seele toll. Und wenn zu "Rock And Roll All Nite" tausende unbeschrifteter Glückskeks-Zettel in der Luft schweben und sich drehen wie Propeller, dann bin ich für einen Moment weg von dieser Welt. Welche Band kann einem sowas geben? Ich wüßte keine.

KISS

Kommentare   

#6 Guest 2015-09-24 08:31
Kommentar wurde vom Administrator gelöscht
+1 #5 Philipp 2015-06-10 06:07
Noch ein Foto ergänzt, welches Anna gekonnt mit ihrem Uralt-Handy geschossen hat - es ist das vierte von oben. Paul und Gene fahren auf Traversen direkt über unsere Köpfe hinweg. Beeindruckender Moment.
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0 #4 siggi sick 2015-06-04 11:44
Hammer Bericht Stefan....ich bin dein Fan...nein Paul soll so singen wie ganz am anfang die ersten platten waren gut...wo er versucht hat hoch zu singen ist doch alles mist...songs wie Mr Speed und so....einfach gut...vielleicht besinnt er sich wieder dazu..
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+1 #3 DoctorJoyBoyLove 2015-06-04 11:15
Sehr geiler Bericht. Ich hab das mit Paul Stanleys Stimme schon vor 8(?) Jahren in Hamburg sehr ähnlich empfunden und wollte deswegen nie wieder ein KISS-Konzert sehen. An seiner Präsenz auf der Bühne hatte ich zwar nichts zu meckern, aber der Gesang ging gar nicht. Grade als Stanley-Fan (und ich meine wirklich FAN) tat es mir wirklich in der Seele weh, dass mein Held so hart verkackt hat.
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+1 #2 Dr. Siggi Sick 2015-06-04 11:01
The Dead Daisies brachten 80 ties Cock Rock vom feinsten...wer Hard Rock mag solte sie mal abchecken....bei mir ist leider kein song hängen geblieben. ..das ist schade...oder vielleicht besser so....zum bier trinken in einem dreckigen club sind die zu gebrauchen

Kiss war natürlich Hotter Than Hell...pyros..konfetti..Flammen. .high heels..nieten ..leder...das ganze Programm. ..perfeckt inziniert...love gun ..viele hits...i was made for loving you...
Hier glitzert das richtig. ...Kiss sind immer eine macht live...super sound...hammer show mit ausfahrbaren Podeste, die weit ins Publikum reichten....war selber beim gefüllten 12 bier , und dann wird das ganze Spektakel noch bunter im Gehirn. ..God gave Rock n Roll to you...past schon
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+1 #1 Philipp 2015-06-04 10:55
Volle Zustimmung, wobei ich Paul Stanleys Darbietung nicht ganz so hart in die Kritik nehmen würde.

Dass die DEAD DAISIES lediglich in einem Nebensatz erwähnt werden, ist angemessen - überflüssige B-Promi-Langweiler, da lohnt nicht mal das Namedropping.

Egal. Ich war insgesamt überrascht bis berauscht von KISS.
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