KEEP IT TRUE XVII / 26.04.2014 – Lauda-Königshofen, Tauberfrankenhalle, Tag 2

Leider beginnt der Tag für mich suboptimal: „zwei neue Matratzen und Malerarbeiten“ müssen mir die netten Leute vom Deutschmeister-Hotel auf die Rechnung setzen. Fragt lieber nicht.

Magnus verweist angesichts unserer maßlos prallen Tonträgertüten auf die Theorie eines Tiefenpsychologen, derzufolge Männer Platten sammeln würden, weil sie selbst keine Kinder bekommen könnten. Das unterbewusste Ziel sei es also, sich quasi über eine Plattensammlung unsterblich zu machen. Ich weiß ja nich… Ich halte dagegen, dass ich gar nicht unsterblich sein will. Bury me in smoke und dit war’s. Aber bis dahin will ich geile Scheiben hören! Außerdem habe ich diverse Freundinnen, die ebenfalls Vinyl horten. Einige davon sind bestimmt sogar Mütter…

 

DECEASED

Fotos von Florian Hille.

 

IRON KINGDOM

 

IRON KINGDOMIRON KINGDOM

 

IRON KINGDOM sind aus Kanada herübergejettet und spielen… Heavy Metal. Und zwar der klassischen Sorte mit immer mal wieder eingestreuten schnellen MAIDEN-Galoppel-Parts. Die Schlagzeugerin Armanda Osterman zockt mit ordentlich Wumms, die Bandmusiker präferieren Lederwesten mit Nieten. Positiv zu vermerken auch die rot-schwarzen Schrägstreifen auf dem Shirt des Gitarristen/Sängers Chris Osterman. Doch auch das synchrone Gitarrengeschwenke kann nicht ganz darüber hinwegtäuschen, dass IRON KINGDOM nur „okay“ sind. Ein Ägypten-Themen-Song mit entsprechender Melodik bleibt aber immerhin hängen.

 

IRON KINGDOMIRON KINGDOM

 

NIGHT DEMON

 

NIGHT DEMONNIGHT DEMON

 

Dafür hauen mich NIGHT DEMON aus den Puschen. Ihr NWOBHM wird mit enormer Wucht dargeboten. Mit „Road Racin‘“ (RIOT, ne) und „Lightning To The Nations“ (DIAMOND… na, das muss ich wohl nicht wirklich schreiben) gibt es gleich zwei geile Coverversionen, hinter denen sich aber das eigene Material durchaus nicht verstecken muss. Mich reißen „Night Demon“, „The Chalice“, „Ancient Evil“ oder „Ritual“ jedenfalls dermaßen mit, dass ich das Vinyl abernte. Irgendwer sagt danach zu mir, dass die Band das Rad nicht gerade neu erfunden habe. Nee, das nu nicht, aber wenn dat Rad so gut rollt, dann lasst es doch weiterrollen! Ich hatte jedenfalls auf genau diese Art Mucke gerade Bock.

 

NIGHT DEMON

 

IRON CURTAIN

 

IRON CURTAINIRON CURTAIN

 

Und auf IRON CURTAIN erst mal! Deren beide LPs sind ja so dermaßen gut, dass ich die ständig dudele. Die Spanier sind totale Metal-Addicts, das hörste sofort, das siehste sofort an ihren Buttons, Patches, Patronengurten und Shirts (u.a. NIFELHEIM). Mike singt immer am Limit, was aber irgendwie geil kommt. Außerdem spielt ja auch noch Gitarre dazu, da muss nicht jeder Ton sitzen. Wer zu „Satan’s Race“, „Black Fist“, „Rangers Attack“, „Burning Wheels“, „Get Out Of My Way“, “Southbangers”, “Jaguar Spirit” oder “Scream And Shout” nicht bangen muss, der steht wohl generell nicht auf 80er Heavy/Speed Metal. IRON CURTAIN klingen nicht nur total authentisch und leidenschaftlich, sie haben auch grandiose Riffs, Melodien und Gesangslinien am Start. Der wohl eingängigste Song kommt zum Abschluss – „Heavy Metal Nation“. Eigentlich ein gelungener Fistraiser, aber mit dem Refrain „HM Nation – One Flag – One Direction“ geh ich inhaltlich mal gar nicht konform. Nationalismus scheiße, Flaggen scheiße und nur eine Richtung ist mal auch kackenlangweilig. KEIN GOTT, KEIN STAAT, KEIN FÜHRER, sag ich da lieber, auch nicht im Heavy-Metal-Land…

 

IRON CURTAIN

 

DECEASED

 

DECEASEDDECEASED

 

Kann es jetzt noch besser werden? Jaaa, denn DECEASED reißen ein reines Feuerwerk herunter. Seit 2000 waren sie nicht mehr in Deutschland und der Auftritt kann wirklich nur als totaler Killer bezeichnet werden. Links neben King Fowley bangt ein Schmollmund-Punk, rechts ein bärtiger Halbling. Und King Fowley selbst stapft mit unfasslichen Grimassen über die Bühne, würgt und schüttelt seine Mitmusiker während des Spielens und ist einfach 500 % METAL! Mit hemmungsloser Power prasseln die Deaththrash-Biester „Night Of The Deceased“, “The Triangle”, “The Premonition”, “Dark Chilling Heartbeat”, “Fading Survival”, “The Mausoleum” und “Fearless Undead Machines” auf uns Brausebirnen hernieder. Zum Abschluss noch ein feines VENOM-Cover mit “Black Metal” und so ziemlich jede_r schmettert die Zeile „lay down your souls to the gods rock 'n roll“ mit. Ich trag ungelogen den gesamten Auftritt über ein breites Grinsen spazieren. Beste Metal-Unterhaltung!

 

DECEASEDDECEASED

 

PERSIAN RISK

 

PERSIAN RISKPERSIAN RISK

 

PERSIAN RISK hatten bereits letztes Jahr auf dem HEADBANGERS OPEN AIR überzeugt. Bitter war dort nur, dass sie die einzige Band waren, bei der es plötzlich mieses Wetter gab und viele Zuschauer_innen flüchteten. Heute können sie dagegen auf eine gut gefüllte Halle blicken. Sänger Carl Sentance singt wieder megagut. PERSIAN RISK sind somit heute die zweite NWOBHM-Band mit Schmackes. Auf der kommenden Platte spielt wohl Phil Campbell bei einem Song mit, wenn ich das richtig verstehe. Gutes Ding mit besten Old-SAXON-Vibes jedenfalls. Daumen hoch für PERSIAN RISK!

 

PERSIAN RISKPERSIAN RISK

 

VARDIS

 

VARDISVARDIS

 

Die Spannung steigt. Denn VARDIS endlich mal live sehen zu können, ist für schon ein kleiner Traum. Deren „100 mph“-Album zählt zu meinen absoluten Faves. Auf dem Brofest sollen sie super gewesen sein, das hat man überall gelesen. Und YES, die Band zeigt eine überbordende Begeisterung und spielt gut gelaunt auf. Man hat das Schlagzeug in der Mitte positioniert und das Trio hat so ständig Augenkontakt. Man spürt förmlich, wie sehr es Steve Zodiac (mittlerweile Glatze, sehr stilvoll in einer weinroten Anzugweste), Terry Horbury und Gary Pearson genießen, miteinander zu spielen. Minutenlange Jams sorgen hier für Spannung, keineswegs für Langeweile, immer wieder geht es auch ins Uptempo und der Funke springt dermaßen über, dass zumindest die VARDIS-Anhänger_innen im Mob komplett durchdrehen. Die Mischung aus 70er Punk, Blues, Boogie, NWOBHM und Rock’n’Roll ist immer noch einzigartig. „Steamin‘ Along“ erzeugt bei mir massive Ausschüttung von Glückshormonen, „I’m A Loser“ und „If I Were King“ ebenso – ach, eigentlich das gesamte Set. Mittendrin gibt mir jemand den Tipp, dass die Band offenbar auf dem Dachboden einen Stapel alter 7“s von 1980 gefunden habe, welche zwar ohne Cover, aber für 4,- Euro verkauft werden. Tja, Danke – gleich verhaftet („Out Of The Way“ und „If I Were King” sind druff). Ein Highlight!

 

VARDISVARDIS

 

ATLANTEAN KODEX

 

ATLANTEAN KODEXATLANTEAN KODEX

 

Bisher hat noch jedes KIT, welches ich besucht habe, magische Momente gebracht. Einen dieser Momente (eher eine magische Stunde) verdanken wir in diesem Jahr ATLANTEAN KODEX – und dem KIT-Publikum! Was sich bei dieser Band heute abspielt, hätte man noch vor wenigen Jahren nicht gedacht. Aber da waren „The Golden Bough“ und „The White Goddess“ auch noch nicht erschienen. Auf dem HELL OVER HAMMABURG hatten ATLANTEAN KODEX bereits einen erstaunlichen Triumphzug hingelegt, der heutige Auftritt toppt das in Sachen Atmosphäre und Intensität noch. Interessant ist dabei unter anderem, dass die Texte der Band sich nicht gerade in platten „Hail & Kill“-Refrains bewegen, sondern allein von der Wortwahl recht anspruchsvoll und komplex sind. Dennoch (oder gerade deswegen) schmettern unfasslich viele Besucher_innen lauthals mit. Und zwar nicht nur das noch relativ eingängige „Sol Invictus“! Der totale Burner ist in der Hinsicht „Twelve Stars And An Azure Gown (An Anthem For Europa)“ – eine Ganzkörpergänsehaut erfasst mich, als die ganze Halle die Worte “On a strong white bull, the goddess rides / In the darkest night twelve stars will rise / Daughter of the east with an azure gown / Our new Jerusalem found” mitsingt. Holy shit! Das beweist: Es müssen nicht immer nur aneinandergereihte Klischees sein. Und: Die Leute haben Bock drauf, mitzuschmettern. Der epischen Wucht der Band zwischen alten MANOWAR und mittleren BATHORY kann hier offenbar kaum jemand widerstehen, ich jedenfalls schon mal gar nicht. Und das alles fast zurückhaltend vorgetragen, ganz ohne große Gesten. Aufgrund der Länge ihrer Stücke sind AK nach sieben Stücken auch fertig (bisher nicht von mir genannt, aber auch in der Playlist: „Enthroned In Clouds And Fire“, „Pilgrim“, „From Shores Forsaken“, „Heresiarch“ und „The Atlantean Kodex“).

 

ATLANTEAN KODEXATLANTEAN KODEX

 

LETHAL

 

LETHALLETHAL

 

LETHAL hatten bereits 2007 auf dem KIT und 2008 auf dem HOA begeistert, dann kam 2013 die Nachricht, dass Gitarrist Eric Cook tragischerweise verstorben ist (R.I.P.). KIT-Veranstalter Oliver Weinsheimer hatte damals verkündet: „Das nächste Keep It True wird zu seinen Ehren veranstaltet werden und wir versuchen für 2014 eine letzte Abschieds-/Tribute-LETHAL-Show auf die Beine zu stellen.“ Und heute ist es soweit. Wieder und wohl zum letzten Mal kann man US-Metal-Perlen wie „Programmed“, „What They’ve Done“, „Obscure The Sky“ oder „Kiling Machine“ genießen. Stoff, der wohl den meisten KIT-Besucher_innen gut bekannt ist, weswegen es ordentlich im Kessel kocht. Ein Typ direkt vor mir flippt gar total aus, singt original jedes Wort mit und vollführt derart ekstatische Ausdruckstänze, dass ich mich kaum noch auf die Bühne konzentrieren kann. Find ich aber gut, oft genug geh ich bestimmt exakt so ab, krieg es dann im Rausch nur selbst nicht mit. Tom Mallicoat singt wie immer einfach überirdisch gut, überrascht aber auch wieder mit ungewöhnlicher Garderobe. Hey, gegen den Mini-Rock hab ich gar nichts. Männer, macht euch die Nägel schick, die Haare auch und tragt meinetwegen Röcke oder Kleider. Aber dazu ‘ne Adidas-Jacke und einen Coyboy-Hut? Naja, unfassbar gut bei Stimme ist der Kerl wie gesagt, daher darf er auch fast alles. Ach ja, die Gitarren sind ebenfalls exzellent, Eric Cook wird also würdig Tribut gezollt!

 

LETHALLETHAL

 

TOXIK

 

TOXIKTOXIK

 

Auch TOXIK fallen unter die Kategorie „ein Wiedersehen mit alten Freunden“. Der Auftritt auf dem ‘88er Dynamo Open Air ist mir tatsächlich heute noch als ein Highlight meiner Konzertbesucherkarriere in der Birne haften geblieben, die beiden LPs „World Circus“ und „Think This“ sind für mich zeitlose Dauerbrenner. Ich muss zwar schon einräumen, dass TOXIK 26 Jahre später nicht mehr ganz so spritzig rüberkommen, aber Josh Christian spielt immer noch unglaublich gut Gitarre und dürfte zu den besten Musikern des Festivals gehören. Auch Michael Sanders‘ Stimme ist immer noch unverwechselbar und einzigartig. Dazu kommen Übersongs wie „Heart Attack“ (formidabler Opener), „Spontaneous“, „Think This“, “Door To Hell”, “False Prophets” oder „Greed“. Warum ich den Auftritt also dennoch nicht als sensationell bezeichne? Nun, möglicherweise hätte man TOXIK etwas früher in die Running Order einbauen sollen. Die Stücke sind halt doch zu komplex, um dazu enthemmt zu slammen und zu so später Stunde kommt eingängigeres Zeug wohl besser an. Etwas gewagt ist es auch von der Band, gleich fünf neue Stücke zu spielen. Die sind zwar wirklich nicht schlecht und möglicherweise wird das kommende Album gar ein Knüller, aber so auf Anhieb bremst das unbekannte (und natürlich ebenso progressive) Material immer wieder die Stimmung aus. Aber ist klar: Ich mecker gerade auf sehr hohem Niveau, für einige meiner Bekannten zählten TOXIK zu den totalen Höhepunkten.

 

TOXIKTOXIK

 

METAL CHURCH

 

METAL CHURCHMETAL CHURCH

 

Verdammt, ist es tatsächlich schon wieder Zeit für die letzte Band? Darf doch nicht wahr sein, irgendwie ist die Zeit viel zu schnell vergangen. Aber METAL CHURCH blasen jeglichen Trübsal mit einer weiteren fulminanten Show hinweg. Gibt es ein stärkeres Eröffnungsdoppel als „Ton Of Bricks“ und „Start The Fire“? Die Halle explodiert und die KIT-Gemeinde gibt nochmal alles. Ronny Munroe zeigt einmal mehr, dass er es voll drauf hat und sich gerade live tatsächlich nicht hinter David Wayne (R.I.P.) und Mike Howe verstecken muss. Zum ersten Mal ist übrigens auch ein Studioalbum mit Munroe am Mikro als gelungen zu bezeichnen – „Generation Nothing“ mag zwar nicht mit den ersten fünf Alben mithalten, schlägt aber die vier Vorgänger um Längen. Daher kann man es sich auch leisten, zwei neue Stücke einzubauen, ohne dass die Stimmung großartig abfällt. Natürlich sind aber die Klassiker wie „The Dark“, „Fake Healer“, „Badlands“ (Gänsehaut!), „Gods Of Wrath“, „Watch The Children Pray“, „Beyond The Black“ und „Metal Church“ die Knaller des Auftritts, bei denen man selbst erstaunt feststellt, dass man jedes Wort mitsingen kann. Wie viele Klassiker die Band aber auch auf ihren ersten fünf Alben verewigt hat! Kurdt Vanderhoof hat wieder eine spielstarke Besetzung gefunden, neben Munroe sind Jeff Plate (d, Ex-SAVATAGE), Steve Unger (b) und Rick Van Zandt (g) ja auch schon einige Jahre dabei, offenbar auch ein Grund für das gute Zusammenspiel. Mit dem besten Cover, welches es von DEEP-PURPLEs „Highway Star“ gibt, sowie dem Schieber „The Human Factor“ endet das KEEP IT TRUE auf angemessene Weise.

 

METAL CHURCHMETAL CHURCH

 

Die Vorfreude aufs nächste Jahr (mittlerweile bereits ausverkauft) steigt, bestätigt sind aktuell:

EXCITER (CAN)
(Original Line Up)
RIOT V (USA)
ULI JON ROTH (GER)
(Scorpions Revisited Show)
TITAN FORCE (USA)
MPIRE OF EVIL (UK)
(exclusive special VENOM Show with VERY special guest)
LEATHERWOLF (USA)
SHOK PARIS (USA)
FIST (UK)
AT WAR (USA)
JUTTA WEINHOLD BAND (GER)
ARTIZAN (USA)
COBRA (PERU)
IRON THOR (GER)
MAUSOLEUM GATE (FIN)
THE UNHOLY (POR)

 

ONWARD TO KIT 18!

Eingereicht von Philipp

Kommentare   

 
+2 #1 HOA-Rick 2014-05-11 10:17
Philip wieder ein guter Bericht, auch wenn Du Neugierde geschürt hast über die Aktivitäten im Hotelzimmer...
Was mich wundert, wenn Dir die Aussagen von Iron Curtain zurecht sauer aufstoßen, dann hättest Du auch die verbalen Ausrutscher des Omen-Sängers auf dem HOA 2010, die noch um einiges härter waren anprangern müssen! Ok, lang,lang ists her...
Zu MC "Generation Nothing" ist wirklich eine klasse Scheibe aber auch "Light in The Dark" und "Weight Of The World" brauchen sich nicht im MC-Backkatatalo g verstecken! VG Rick
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+2 #2 Philipp 2014-05-11 22:16
Danke!

An die Ansage bei OMEN kann ich mich nicht entsinnen. Vielleicht hat mir da gerade jemand was ihr Ohr gebrüllt. Du hattest mir aber davon erzählt - irgendwas in der Richtung, dass alle Nicht-Metaller sterben müssen oder so ein Müll. Das ist natürlich hart dumm...

Die beiden Platten sind okay, aber "GN" finde ich deutlich stärker.
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