NETWORK OF FRIENDS – Helge Schreiber (Buch, Salon Alter Hammer)


Cover


Jetzt ist es schon wieder ein paar Wochen her, dass ich dieses Buch verschlungen habe, aber diverse Textstellen geistern mir immer noch höchst lebendig durch die Birne.



Zum Beispiel die Charakterisierung eines legendären Skateboarders namens Nick, der wie folgt beschrieben wird: „Nick fraß seine Popel, um sein Immunsystem zu stärken. Nick war kurzsichtig, benötigte aber keine Brille. Er brauchte sich nur zu konzentrieren, dann konnte er auch so sehen. (…) Seine erste Message an uns war: ‚Ehrgeiz ist scheiße!‘ Nichts geht wirklich gut nur mit Ehrgeiz, es muss von Herzen kommen, einfach so. Bloß nicht stundenlang einen Trick üben, einfach rollen lassen, das kommt alles von allein.“ (S. 175 – 179, Heiko/UNWANTED YOUTH)


Eine Textstelle, die insofern zentralen Gehalt besitzt, weil sie das Lebensgefühl von Hardcore-Punk der 80er Jahre auf den Punkt bringt: Authentisch sein, alles geben, Spießer fuck off… Die zahlreichen Fotos dazu sind einfach genial und spiegeln das auch wider: Meist sieht man Menschen durch die Luft segeln, Bands inmitten eines entfesselten Mobs zocken, alles noch nicht so durchgestylt und irgendwie ursprünglich.


Helge lässt insgesamt unzählige Protagonist_innen der „Szene“ zu Wort kommen. Meist sehr ungefiltert. Hier könnte es Kritik geben, dass nicht eine stärkere redaktionelle Bearbeitung erfolgt ist, um die Meinung des Autors deutlicher herauszustellen. Doch meiner Ansicht nach ergibt Helges Vorgehensweise gerade Sinn. Es schwebt keine offizielle „einzige Wahrheit“ im Sinne eines „So war das nämlich!“ über dem Gesamtinhalt, oft widersprechen sich die Ansichten auch. Wie könnte es angesichts der thematischen Schwerpunkte wie „Tourstorys“, „autonome Zentren“, „DIY“, „Plattenlabels“, „Fanzines“ etc. auch anders sein? Immer wird klar, wie wichtig ein bewusstes, eigenständiges Leben ist: „Die Punks wollten aus dem Teufelskreis der bedrückenden äußeren, sozialen und politischen Lage ausbrechen. Wir hatten keine Lust darauf, Erwartungen zu erfüllen, wollten anders sein als all die Spießer da draußen in der Gesellschaft.“ (S. 8, Helge) Sehr klar wird auch, wie zentral die D.I.Y.-Strukturen des HC/Punk sind und wie sich jetzt seit über drei Jahrzehnten gehalten haben, wobei leider auch viele Ideen und Ideale auf der Strecke geblieben sind.


Zu Wort kommen viele bekannte Namen, wobei übrigens auch Kiel und die Alte Meierei vertreten sind. Für Zeitzeugen ein geiler Trip zurück, für jüngere Freaks ein Einblick in die 80er. Und letztendlich zeigt sich, dass viele der damals aktiven Leute immer noch dabei sind und auch, dass jüngere die Fahne des ursprünglichen HC/Punk weiterhin hochhalten. Ich habs genossen und blättere das Teil immer wieder durch.


UP THE FUCKING HARDCOREPUNKS!

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