HEADBANGERS OPEN AIR / 10.07.04 - Brande-Hörnerkirchen, Tag 2

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Ein Hammer-Festivaltag lag hinter uns, und auch heute sollte das Programm mit Kultbands nur so gespickt sein: FIST, DESASTER, ADRAMELCH, VORTEX, BREAKER und HIRAX waren u.a. im Billing. Vollständig geil! Ich konnte eine gewisse aufgeregte Vorfreude nicht verhehlen, aber Bier beruhigt ja zum Glück die Nerven. Immer wieder erstaunlich, wie selbstverständlich man sich auf Festivals oder auf Tour morgens um 10.00 Uhr das erste Bier genehmigt – und erschreckend zugleich, dass dat dann auch schon schmeckt! Neugierig gesellten wir uns zu METAL WITCH. Es war zwar erst 12.00 Uhr, aber viele Banger waren bereits wieder auf den Beinen und hatten sich die Augenpopel aus den Fressen gepult. Das HOA ist eben vorrangig ein Festival für Maniacs, denen es wichtiger ist, Bands live zu erleben, als den ganzen Tag nur am Zelt zu sitzen und zu saufen. Ich will über die letztere Gruppe von Festivalbesuchern nicht schlecht reden – einige meiner Freunde machen es genau so – für mich persönlich wär das aber nix. Saufen kann ich auch zu Hause. Aber ich schweife ab: METAL WITCH gefielen mir gut! Das war traditioneller Heavy Metal, schön rau und mit dieser Art unverbrauchtem Charme gespielt, wie ihn in den Achtzigern Bands wie ACID oder CHATEAUX verkörperten. Die Gitarristen waren auch sehr fit, das waren trotz der Klischee-Songtitel a la „Hammer On Anvil“, „Ladies In Black“ oder „Believe In The Power Of Rock“ keine 08/15-Riffs von der Stange. Ein schöner Auftakt mit einer Band, die für das HOA wie geschaffen schien. Über der Bühne hing übrigens bereits der VORTEX-Flattermann, ein schön kitschiger Fledermausbastard mit Fangzähnen und Krallen...

Melodischen Power Metal mit Einflüssen aus dem progressiveren Bereich und zur Abwechslung mal ’nem Keyboard gab es dann von ETERNAL REIGN aus Bremen. Insgesamt hätten die Songs für meinen Geschmack ruhig noch etwas mehr Arsch treten können, aber zum Glück wurde es auch nicht ZU kopflastig. So haben ETERNAL REIGN einen guten Sänger, der nicht nur in den höchsten Tonlagen rumnölt, was mich bei vielen neuen sog. Prog. Metalbands definitiv abtörnt. Uuund sie coverten VICIOUS RUMORS, und zwar einen Knaller von der „Soldiers Of The Night“, das ließ sie schon der Wahl des Songs in meiner Gunst steigen und dann war das Ding auch noch authentisch gespielt. „In Fire“ war das, glaub ich, aber wer kann sich nach zwei solchen Tagen schon an JEDES Detail erinnern? Auf dem „Metal Crusade VIII“-Sampler (Beilage im aktuellen HEAVY, ODER WAS!?) ist übrigens ein Song von ETERNAL REIGN zu hören.

Von BLOODSTAINED hatte ich bis jetzt ausschließlich Gutes gehört. Und tatsächlich überzeugten die Griechen mit Power Metal a la JAG PANZER. Sehr eindringlich dabei der Sänger, der ’ne starke Röhre hatte und das Publikum ordentlich anfeuerte. Die Griechen fahren ja sehr auf deutsche Metalbands ab, und BLOODSTAINED machten da keine Ausnahme, coverten sie doch glatt „Rebellion“ von GRAVE DIGGER. Kam natürlich gut an, doch die eigenen Songs mussten sich nicht dahinter verstecken. BLOODSTAINED! BLOODSTAINED! Geiler Name übrigens, kann man schön fistbangenderweise gröhlen.

Mensch, Bands aus Italien, Griechenland, Schweden, Kanada, USA, UK – und nun waren auch noch Malteser am Start! FORSAKEN waren diesmal die einzige Doom Metalband. Doom Metal kann mittlerweile für verschiedene Stilistiken stehen, FORSAKEN sind eher in der Tradition von CANDLEMASS zu sehen, sind sie doch auch sehr heavy und melodiös. Fast schon logisch, dass auch noch ein Cover von CANDLEMASS gespielt wurde! „Dark Reflections“ samt dem „The Prophecy“-Intro war ein echtes Geschenk für die Doomheads, denn FORSAKEN brachten das Ding nahezu perfekt. Überflüssig zu erwähnen, dass die Stimmung auf dem Gelände wieder auf dem Siedepunkt war...

RITUAL STEEL sind eine Band, die ich bisher vollkommen übersehen habe – Schande über mein Haupt! Schon bei seiner früheren Band CARPEDIEM, die 2001 auf dem HOA gespielt haben, hatte mich Sänger Sascha alias Hellion-Records Sir Lord Doom mit seiner coolen Stimme überrascht. Die klang mittlerweile noch besser (wobei mir die tiefere Tonlage bei ihm weiterhin besser gefällt – die hohen Schreie klangen etwas dünn) und überhaupt war die ganze Band verdammt eigenständig. Begriffe wie epischer Power Metal oder Kauz Metal geisterten durch die Menge, die sich recht begeistert zeigte. Die totale Hingabe zum Metal nimmt man den Jungs schon ab, bevor man auch nur einen Ton ihrer Musik gehört hat, da muss man nur mal die schmachtenden Reviews von Sascha lesen. Leider war ich etwas spät auf dem Gelände und hatte Saschas „Geburtstagsparty“ verpasst – offenbar waren alle möglichen Gastsänger auf der Bühne und haben ein Ständchen gesungen. Der Gute ist wohl dreißig geworden – Glückwunsch! – und musste dann noch die Bühne fegen, aber ob sich auch noch eine Jungfrau erbarmt hat, entzieht sich meiner Kenntnis (Jungfrauen laufen auf dem HOA-Gelände bekanntlich in Scharen rum...) . Jedenfalls sprang Sir Lord Doom am Ende des Gigs in die Menge und wurde singenderweise amtlich weit auf den Händen getragen – bis über den mit Plane überspannten Bereich hinaus. Mit salbungsvollem Schritt und leuchtenden Augen wetzte der Sänger dann zurück auf die Bühne. Leider war ich nach den ganzen Festivals in letzter Zeit völlig Pleite, aber die Platten der Band muss ich mir unbedingt noch zulegen. Erfreulich auch die Ankündigung Saschas, dass die Band weiterzumachen gedenkt, der Gig war nämlich eigentlich als Farewellshow tituliert. Besser is!

Yeah, FIST waren einfach geil! Alte Säcke natürlich („Turn The Hell On“ ist schließlich von 1980!), aber genau das ist doch cool, wenn die musikalische Leistung derart brillant ist. Wer braucht schon das dümmliche Klischee vom ewig jungen Metalgott? Absolut überzeugend der zwei- bis dreistimmige Gesang und auch der Gesamtsound kam mit Druck, Frische und ordentlich Wumms rüber. Kurioserweise spielte man „Name, Rank And Serial Number“ gleich zweifach, als ersten und als letzten Titel. Neben „S.S. Giro“ der stärkste Song im Set, fand ich. Was mir an der Band und vielen anderen NWOBHM-Songs so gefällt, ist die unprätentiöse Art – der überzogene Pathos späterer Metalbands war und ist dieser Stilistik fremd. FIST brachten genau diesen ursprünglichen Charme rüber! Ich glaub, jetzt wühl ich erst mal in meiner Plattensammlung und hau mir „Turn The Hell On“ rein...

DESASTER – die Quoten-Black/Death-Metalband des HOA? Sicherlich die extremste Band des Festivals und wer nun gedacht hatte, den HOA-Besuchern sei das zu heftig, der hatte sich geirrt! Dafür stecken DESASTER zu tief im originalen 80er Sound und waren zu sehr METAL, als dass sie jemand abgelehnt hätte. Ausnahmen mögen die Regel bestätigen, aber insgesamt ging vor der Bühne voll die Post ab. Ich hatte DESASTER bisher nur einmal live gesehen und das noch mit altem Sänger – heute gefielen sie mir NOCH besser. Der Gitarrensound fräste sich einem in den Schädel, der Sänger Satanic schrie sich ordentlich aggressiv die Stimmbänder wund – astrein! Pure unholy „Riff“-Metal, wie die Band selber sagt (und gar nicht mal so ein schlechter Terminus, denn die DESASTER-Songs basieren auf traditionellen Metal-Strukturen, da wird nicht alles mit Blastbeats zugeballert). Auf Platte find ich Songs wie „Divine Blasphemies“, Metalized Blood“ oder „Tyrants Of The Netherworld“ schon sehr gut, live knallte das noch mehr. Da hielt es auch Satanic am Ende des Gigs nicht mehr auf der Bühne, er sprang in die Meute und schrie zwischen den Freaks weiter.

OVERDRIVE waren danach für mich eine gute Gelegenheit zum Entspannen der Nackenwirbel und Zuschauen. Melodischer Metal aus Schweden, der originale Sänger war nicht dabei und wurde von einem im Vergleich zum Rest der Band weitaus jüngeren Kollegen vertreten, der seine Sache aber gut machte. „As you can see, I’m not the original singer. I’m a young guy and this an old band. The original singer is called Pelle, I`m called Pelle too, so you can say I`m his younger version” erklärte der Schelm uns dann auch. Die Schweden kamen mit Songs ihrer Alben „Metal Attack“ und „Swords And Axes“ recht gut an, hervorzuheben war vor allem die exzellente Gitarrenarbeit. Der Gitarrist Janne Stark ist übrigens der Herausgeber des „Swedish Hard Rock And Heavy Metal 1970 – 1996“-Lexikons, ein ziemlich eingefleischter Metallurge also.

ELIXIR waren dann an der Reihe nach FIST ebenfalls den NWOBHM zu vertreten. Die meisten Songs stammten vom 86er Debut „The Song Of Odin“ glaub ich, hab das Ding ewig nicht gehört. Aber ich muss sagen, dass sie für mich nicht an die Klasse des FIST-Gigs heranreichten. Nope, das war im Vergleich zu der packenden Frische ihrer Kollegen doch etwas bieder und weniger leidenschaftlich. Einen Verriss hat der Auftritt zwar auch auf keinen Fall verdient, aber im Gesamtrahmen des Festivals waren ELIXIR eben nur nett. Immerhin kamen jetzt noch ausschließlich Killerbands, vielleicht war ich da auch gedanklich schon zu sehr auf ADRAMELCH fixiert.

ADRAMELCH – wie oft habe ich deren legendäre „Irae Melanox“-Platte wohl gehört? Ein perfektes Beispiel wie progressiver Metal im Bestfall klingen KANN: Anspruchsvoll, heavy, technisch hervorragend, aber immer melodisch und trotz Überlänge haben die Songs auch nicht EINEN PART zuviel. Etwas Derartiges haben sonst nur wenige Bands erreicht, etwa PSYCHOTIC WALTZ oder SHAWDOW GALLERY und auch die nicht mit jedem Song. Immerhin hatten ADRAMELCH noch drei Originalmitglieder in ihren Reihen, wobei natürlich der Sänger identitätsstiftend war. ADRAMELCH machten einen fast intellektuellen Eindruck, wie sie sich in schlichten Shirts ohne Aufdruck, kurzen Haaren und ohne jegliche Einheizer-Sprüche ausschließlich auf ihre Songs konzentrieren. Leider gab es nur zwei Songs von der erwähnten Kultscheibe, nämlich die beiden ersten Songs „Fearful Visions“ und „Zephirus“. Aber die kamen so gefühlvoll, dass ich mich ungelogen einer fetten Gänsehaut nicht erwehren konnte (warum auch?). Die neuen Titel, welche die Italiener vorstellten, waren ebenfalls sehr gut und führten die Tradition der Klassiker fort. War so beim ersten Hören natürlich schwer zu sagen, daher hätte ich mir noch mehr alte Songs gewünscht.

Nun wurde es vorne mal richtig eng, denn VORTEX wollte sich keiner entgehen lassen, der den letzten HOA-Gig der Holländer gesehen oder davon gehört hat. Erst mal wurde eifrig an der Technik rumgefummelt, denn VORTEX wollten hier ein Livealbum aufnehmen. Und das hat sich gelohnt, denn der Sound war einfach nur Bombe. Die völlig überdrehte Show mit der Fledermaus (der Gitarrist: „Dou like our bat? The bat has landed, har har har“), die Ausstaffierung des Sängers samt Perücke (die er sich irgendwann aber von der Glatze riss) und Plastikaxt vom Jahrmarkt taten ihr Übriges um den knalligen Metal zum Abräumer schlechthin zu machen. Irgendwo zwischen SAXON und JUDAS PRIEST sind VORTEX angesiedelt, haben einfach griffige Songs mit einprägsamen Refrains und eine gewinnende Präsenz auf der Bühne. „King“, „Open The Gates“, „Mountain“, „Metal Bats“ – die Klassiker waren reich gesät und mit PRIESTS „Electric Eye“ hatten die Verrückten auch noch was für diejenigen, die noch nix von ihnen kannten. Zur Aufpeppung der Show kam dann auch noch irgendwann der HOA-Ordner-Hüne in Robe auf die Bühne, der uns in den letzten Jahren schon immer als „schwerster“ Mann auf dem Gelände aufgefallen war, und sorgte durch infernalische Grimassen für zusätzliche Unterhaltung...

Nach dem Wacken-Gig vor ein paar Jahren konnte ich BREAKER nun ein zweites Mal erleben – Klasse! Der neue Sänger machte seine Sache verdammt gut, klang seinem Vorgänger sogar sehr ähnlich. Da der gute Sound von VORTEX beibehalten wurde, stand einem Killergig also nichts im Wege. Mit den ganzen „Get Tough“-Brechern konnte man gar nicht verlieren, völlig geiler US Metal in ganz eigener Güteklasse. Wer auf krachigen Power Metal steht und Songs wie „Blood Money“, „Lie To Me“ oder „Get Tough“ nicht kennt, sollte das schnellstens nachholen, kann ich nur sagen. Allen voran natürlich der Knaller schlechthin, „10 Seconds In“, atmosphärisch und powervoll zugleich. Ein kurioser Vorfall muss unbedingt erwähnt werden, war mit die witzigste Szene des Festivals: Da divte der neue Sänger zum zweiten Mal in die Menge, ließ sich hin- und hertragen, krabbelte wieder auf die Bühne und riss begeistert die Arme hoch – nur um von einem Ordner mit einem saftigen Tritt in den Arsch wieder hinunter befördert zu werden! He he, da hat der ihn doch glatt für irgendeinen Asi aus dem Publikum gehalten, wirklich köstlich...

Hach, auch das tollste Open Air muss ja mal zu Ende gehen, aber vorher gab’s ENDLICH HIRAX auffe Omme. Für mich ein totales Highlight, zählten die beiden Scheiben „Raging Violence“ und „Hate, Fear & Power“ zu meinen ABSOLUTEN Faves im 80er Thrash Metal. Leichte Hardcore-Einflüsse kann man bei HIRAX auch ausmachen und dazu der originelle Gesang von Sänger Katon – perfekt. Katon erwies sich als höchst charismatischer Frontmann, der alles gab und die Meute vor der Bühne zum Ausrasten brachte. „Bombs Of Death“ kam mit unglaublicher Wucht durch die PA – da wackelten sogar meine Kontaktlinsen. Erfreulicherweise mussten HIRAX nicht nur von den alten Großtaten a la „Demons Evil Forces“, „Blind Faith“ oder „The Plaque“ zehren, sondern präsentierten auch gelungene neue Songs. Neben all den Überschall-Knüpplern hatten die oft auch sehr geile Midtempo-Parts, zu denen man herrlich die Rüben kreisen lassen konnte. „The New Age Of Terror“ heißt dat Comeback-Scheibchen und das sollte man wohl mal anchecken. Durch den stetigen Regen war vorne trotz Plane ein schöner Matsch entstanden, der einem beim Moshen bis ans Kinn spritze. So konnte man danach schlammbesudelt und glücklich noch bei ein paar Bieren das Festival ausklingen lassen. Cheers!
- Beitrag von: Philipp

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