SANKT HELL IV: COLOUR HAZE, MAMMOTH MAMMOTH, KAMCHATKA, WUCAN, KAVRILA, HELL AND HIGH WATER / 28.12.2018 – Hamburg, Grünspan

Yeah, vom SANKT-HELL-Festival hatte ich in den Vorjahren bereits gehört, aber irgendwie hatte es trotz guter Bands wie MANTAR oder KADAVAR terminlich nie bei mir gepasst. Dieses Jahr also immerhin der zweite Tag, der für mich zur Hälfte bewährt gute Livebands (WUCAN, MAMMOTH MAMMOTH, KAVRILA) und zur andere Hälfte noch nie Gesehenes (COLOUR HAZE, KAMCHATKA, HELL AND HIGH WATER) bietet – reizvolle Sache!


WUCAN


Bilder von Toni B. Gunner - https://mondkringel-photography.de


HELL AND HIGH WATERHELL AND HIGH WATER

Das Gute daran, wenn ein Konzert derart früh beginnt (18:00 Uhr): Die ganzen Reeperbahn-Mutanten sind noch nicht unterwegs! Da wir noch draußen rumeimern und unseren Kram anner Garderobe abgeben (Rückfahrbiere sind selbstverständlich bereits im Schließfach am Hbf verstaut), bekommen wir von HELL AND HIGH WATER nicht so viel mit. Die Hamburger zocken leichtfüßigen Indie/Alternative, der zum Mitwippen animiert, von dem ich aber auch nicht sagen kann, dass besonders viel hängen oder in Erinnerung bleibt. Ich weiß später noch, dass es gut gezockt war, aber bei Aldi an der Kasse würde ich die Bandmitglieder wohl nicht wiedererkennen.


KAVRILAKAVRILA


Das sähe bei KAVRILA mittlerweile wohl anders aus! Die ebenfalls aus Hamburg stammende Combo erlebe ich heute nämlich zum dritten oder vierten Mal. Und jeder Auftritt von denen glänzt durch viel Power, Schweiß und geschüttelte Rüben. Der Hallo-wach-Effekt rüttelt das zahlreich erschienene Publikum durch, sodass die ersten Pommesgabeln gen Bühne gereckt werden. Offenbar bekommt heute aus Zeitgründen keine Band einen Soundcheck, und in einer zwanzigminütigen Umbaupause ist es auch gewagt, von „Linecheck“ zu sprechen – Regler auf Elf und los heißt die Devise da wohl. Für diese Umstände ist der Sound eigentlich den ganzen Abend über erstaunlich gut (hervorragend klingt natürlich anders). KAVRILA kombinieren Sludge, Death Metal, Doom und Black Metal, was zwar etwas zerfahren wirkt, aber immer schön finster klingt.


KAVRILAKAVRILA

WUCANWUCAN


Endlich mal wieder WUCAN! Das letzte Konzert in der Kieler Schaubude ist bereits über ein Jahr her, seitdem drehte gerade Tonträger Nr. 3 hier viele Runden. Beim zufälligen Schnack mit Francis Tobolsky stellte sich heraus, dass sie NWoBHM-Expertin ist, was sich heute in ihrem WITCHFINDER GENERAL-Shirt widerspiegelt. Der knallhart tighte 70er PRIEST-Groove mischt sich völlig selbstverständlich mit Hippie- und psychedelischen Krautrock-Elementen, Francis bedient Flöte, Theremin, Gesang, Gitarre und Schnapspulle. Richtig gut! Neben dem überlangen, aber nie langweiligen „Wandersmann“ kickt vor allem das DIAMOND HEAD-Cover „Am I Evil“, welches möglicherweise sogar stimmungstechnisch den Höhepunkt des Abends markiert. Der Auftritt kam mir nur total kurz vor.


WUCANWUCAN

KAMCHATKAKAMCHATKA


Zum Runterkommen nach der Orgie eignen sich KAMCHATKA gut. Das schwedische Trio zelebriert einen gut abgehangenen Heavy Blues. Früher hätte mich solche Musik möglicherweise weniger angesprochen, doch in den letzten Jahren habe ich diverse Blues- und Classic Rock-Klamotten für mich entdeckt. KAMCHATKA leiden sich herrlich durch schwermelancholische Riffs, wobei immer wieder erstaunlich eingängige Refrains ertönen. Sechs Alben haben die bereits draußen, Bassist Per Wiberg hat u.a. schon bei CANDLEMASS, SWITCHBLADE, OPETH und den SPIRITUAL BEGGARS gezockt und trägt heute ein NO MEANS NO-„Wrong“-Shirt, was gleich noch Zusatz-Sympathiepunkte bringt.


KAMCHATKAKAMCHATKA


MAMMOTH MAMMOTHMAMMOTH MAMMOTH


Der überstrapazierte Begriff „Abriss“ kann beim nun folgenden MAMMOTH MAMMOTH-Gig nicht vermieden werden. Es ist heute die Band mit der heftigsten Bühnenaction und dem höchsten Arschtrittfaktor. Zu „Fuel Injected“ oder „Hell’s Likely“, perfekten Grenzgängern zwischen Hardrock und Hardcore, gehen die zahlreich anwesenden Mammoth Mobster steil, dass es nur so spritzt! Sänger Mikey Tucker kann sich heute an keinen Balken hängen (wie im Marx), springt aber immer wieder über die Absperrung und fräst sich durch den Mob. Der Typ wetzt einmal direkt an mir vorbei und ich bestätige: Der hat mindestens so eine speckige Matte wie Punkrocklegende Bocky. Mit schmutziger Punkrockattitüde röhren sich die Australier durch ihr Set, bis irgendwann alle Fäuste oben sind.


MAMMOTH MAMMOTHMAMMOTH MAMMOTH


Von COLOUR HAZE habe ich schon so häufig erzählt bekommen, aber die Band irgendwie noch nie live gesehen. Dabei existieren die Münchener seit 1994, echt verrückt. Aber es ist ja nie zu spät und dieser erste Kontakt spricht mich auf Anhieb an. COLOUR HAZE erzeugen eine extrem entspannte Atmosphäre, nicht ohne Grund schweben plötzlich amtliche Dopewolken durchs Grünspan. Nun könnte man sagen, dass heutzutage unzählige Stoner- und Psychedelic Rock-Bands existieren, aber COLOUR HAZE haben ihren Stil auf vierzehn Alben entwickelt (fast alle wohl über das bandeigene Label Elektrohasch) und klingen schon ziemlich eigenständig. Mich spricht der warme Gitarrensound an, aber auch die Dynamik des Spiels – immer wieder lassen sich die Musiker in ruhigen Passagen fallen, was so weit getrieben wird, dass die Band kaum noch zu hören ist, bevor sie wieder mit tief knurrenden Riffs eskaliert. Ich kann mir vorstellen, dass die Freaks sonst gern mal drei Stunden lang zocken, aber hier gibt’s natürlich eine Deadline. Auf das unschuldige „Dürfen wir noch einen…?“ packen COLOUR HAZE dann aber noch einen Acht-Minüter aus („Tempel“ oder so). Sehr geil, ich stehe etwas hilflos vor den zahlreichen Tonträgern und ernte einfach auf gut Glück das selbstbetitelte 2005er Album ab, letztlich eine gute Wahl.

Die Rückfahrt unserer siebenköpfigen Reisegruppe wäre einen Text für sich wert, aber belassen wir es dabei, dass wir Spaß hatten, merkwürdigen Menschen begegnet sind und das es ‘ne runde Sache war.

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