HELLOWEEN - Pumpkins United / 22.12.2018 – Hamburg, Sporthalle

Der Geist der Weihnacht beseelt Deutschland. Aus Hessen hört man von Kirchgängern, die sich um die letzten Plätze im voll besetzten Gotteshaus prügeln. In Hamburg brüllt ein Mann im Rollstuhl: „Wenn ich das schön höre! ‘Ich habe gerade kein Kleingeld dabei. ‘ Man kann auch ‘nen Schein geben, Mann!“

Gänzlich anders die Stimmung in der Sporthalle: Ohne Ironie darf ich sagen, dass ich schon länger kein derart angenehmes Publikum mehr erlebt hatte, gerade auf einer Großveranstaltung. Keine Aggro-Aktionen, kein Gerempel, keine Wall Of Death etc., einfach Headbanging, Mitsingen und ausgelassene Stimmung.

Die Pumpkins United-Tour ist aber auch das Beste, was HELLOWEEN sich einfallen lassen konnten. Egos beiseite, die Mitglieder der verschiedenen HELLOWEEN-Phasen zusammen auf die Bühne bringen und 14 Monate durch die Welt touren. Heute ist es für Kai Hansen; Michael Kiske, Andi Deris, Michael Weikath, Sascha Gerstner, Markus Grosskopf und Dani Löble der letzte Auftritt, der diese Mammuttour zu einem Abschluss bringt.


Helloween
Bericht von Philipp Wolter und Vincent Heinecke, Fotos von Kai Hagemann (und Jan ML - die kommen noch).

Die Akkreditierung verläuft komplikationslos, für Jan ist natürlich immer die Frage wichtig, wann und wie lange er in den Fotograben darf. „Zwei Songs direkt nach dem Kabuki-Drop“, lautet die freundliche Antwort. „Äh, wie bitte?“ „Zwei Stücke lang, nachdem der Vorhang gefallen ist.“

Wenig später stehen wir in der Halle und Jan fragt mich: „Hat er eben gerade ‚Kabuki Drop‘ gesagt?“ Ich lache mich kaputt, denn das Wort hört sich original so an, als hätte ich es für meine Phantasiesprache ausgedacht, ja, ich glaube sogar, dass ich den Begriff tatsächlich schon in ganz anderen Zusammenhängen benutzt habe. Eine kurze Recherche ergibt, dass „Kabuki“ aber tatsächlich im traditionellen japanischen Theater u.a. für „Vorhang“ benutzt wird. Kabuki-Drop also, man lernt nie aus.

Erst läuft Robbie Williams‘ „Let Me Entertain You“ als Intro, dann fällt der Kabuki und ab geht die wilde Reise – fast drei Stunden durch drei Jahrzehnte Heavy Metal-Geschichte, wie Andi Deris später sagt. Gleich der erste Song sorgt für Gänsehaut, denn HELLOWEEEN spielen „Halloween“ in voller Länge. Ebenso wie beim folgenden „Dr. Stein“ teilen sich Kiske und Deris den Gesang, spielen sich gekonnt die Bälle zu. Der Sound ist hervorragend, alle drei Gitarren sind voneinander zu unterscheiden, auch die Basslinien von Grosskopf sind schön herauszuhören. Immer wieder wird die musikalische Darbietung durch kurze Video-Sequenzen mit den Kürbiscomicfiguren Seth und Doc unterbrochen. Es ist das einzige Element der Show, über das man streiten kann: Einerseits sind diese Einspieler schon ziemlich albern, andererseits ermöglichen sie der Band, den Spannungsbogen zu halten, kurz zu verschnaufen und die drei-stündige Attacke ohne nervige Soli durchzuziehen. Bis auf das Schlagzeugsolo von Dani Löble, das durch Fotos und Videos von Ingo Schwichtenberg (R.I.P.!) einen besonderen Wert erhält, erhält man einen Song nach dem anderen auf die Glocke. Für die Zuschauer*innen gibt's angesichts von sieben Musikern auf der Bühne ständig etwas zu gucken, zumal die Bühne stimmig dekoriert ist (das Schlagzeugpodest z.B. besitzt die Form eines großen offenen Kürbisses). Ein zusätzlicher Laufsteg spaltet die vordere Halle und ermöglicht es, dass immer wieder einzelne Kürbisköppe nach vorne rennen, bzw. mal Kiske und Deris zusammen, mal die Gitarren-Armada und so weiter. In Wacken war Kiske erkältet und nicht ganz in Topform, mittlerweile ist er wieder gesund und klingt wirklich fast so gut wie früher, was spätestens in einer beeindruckenden Version von „I’m Alive“ deutlich wird. Die Stücke der beiden „Keeper“-Platten bilden das Herz der Setlist (zehn von 23 Songs oder so). Aber auch Andi Deris glänzt in seinen Solo-Passagen! Ich hatte mir HELLOWEEN lange Jahre nicht live angeschaut, weil ich seinen Gesangsstil und seine Art der Bühnenpräsentation nicht sehr mochte. Aber der Mann ist gewachsen. Stimmlich, aber auch von der Art her. Früher empfand ich Gestik und Ansagen als etwas drüber, etwas zu theatralisch. Mittlerweile ist eine feine Selbstironie eingezogen, was ich als angenehm empfinde. Tatsächlich werde ich wohl bei HELLOWEEN-Alben aus der Deris-Phase nachrüsten müssen, denn z.B. „If I Could Fly“ oder „Are You Metal?“ überzeugen durchaus. Die Höhepunkte des Konzerts stellen aber selbstverständlich die Kiske-Smasher und das geile Hansen-Medley dar, welches letzterer natürlich auch selbst singt: „Starlight“, „Ride The Sky“ und „Judas“ sind einfach so herrlich melodische Speed Metal Hymnen, dass man einfach nur headbangen und durchdrehen muss! Später folgen noch „Heavy Metal (Is The Law)“ und „How Many Tears“ aus dieser Zeit, Hammer! Dani Löble muss auch explizit hervorgehoben werden, in „Eagle Fly Free“ zum Beispiel liefert er eine Leistung, die in Sachen Punch und Dynamik an Dave Lombardo erinnert. Wahnsinnig gut auch das überlange „Keeper Of The Seven Keys“, bei welchem die Band alle Register zieht. Den Abschluss bilden „Future World“ sowie „I Want Out“ – es regnet riesige HELLOWEEN-Ballons, die durch die Halle geschubst werden und schließlich ballert man Konfetti über unsere Häupter. Jan dreht neben mir völlig durch und bangt derart heftig, dass ihm ein Ohrstöpsel rausfliegt, der natürlich direkt in meinem Becher landet. Lecker.

Insgesamt ein vollkommener Ohren- und Augenschmaus, der restlos glücklich macht!


Helloween


Vincent sagt dazu:

Da hatte mich doch eine Hamburger Band in den Achtzigern mit ihren Songs „Dr. Stein“, „I Went Out“ etc. schon früh beeindrucken können. Die Rede ist von HELLOWEEN, die sich über die Jahre immer mehr Fans weltweit erspielen konnten. Es gab einige Besetzungswechsel, bis HELLOWEEN - Pumpkins United wieder zu alter Stärke fanden. Dieses Jahr in Wacken Headliner am Samstag, konnten sie viele Fans erreichen und im Anschluss auf Tour sichere Konzerte liefern. So hieß es auf nach Hamburg mit dem Zug und am Hauptbahnhof einen guten Kumpel treffen und los ging es. Mein Kollege kam gerade vom St. Pauli Spiel und war bester Laune, weil sein Verein gewonnen hatte. Mit der S - Bahn ging es zur Alsterdorfer Sporthalle, wo schon viele Fans feierten. In der Halle am Merch-Stand 25,- Euro für ein HELLOWEEN-Tour-Shirt, ist ok, aber über das Holsten-Bier waren wir unterschiedlicher Meinung. Wir sicherten uns einen guten Platz und gegen 20:00 Uhr standen HELLOWEEN auf der Bühne, ohne Vorband, und zockten los. Im Hintergrund wurden immer wieder zu den Songs kurze Video-Comics eingespielt, was ein wenig nervte, aber unserer Stimmung keinen Abbruch tat. Viele alte Songs aus den Achtzigern wurden gespielt, „Dr. Stein“, „Halloween“, von beiden „Keeper Of The Seven Keys“-Alben fast alles, ein paar neue Songs, die ganze Halle stand mittlerweile und es waren viele ältere Metaller im Publikum. Zum Ende des Konzertes wurden große orangene Ballons mit Halloween Köpfen ins Publikum gefeuert und flogen durch die Halle. Nach drei Stunden war das letzte Konzert der Tour vorbei, Kai Hansen / Kiske und Band bedankten sich bei den Hamburgern. Respekt, wie gekonnt HELLOWEEN Stunden lang ihre Show mit Power durchziehen, wir waren beeindruckt und fix und alle am Ende. Unsere Rückreise dauerte dann auch noch etwas länger, bis wir wieder in Kiel ankamen.

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